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DIE

DEUTSCIEN

UND DIE

NACHBARSTÄMME.

Von Kaspar Zeuss.

MÜNCHEN 1837.
Bei Ignaz Joseph Lentner.

Augsburg Druck der W. Reichelschen

Buchdruckerei.

VORREDE.

L entgegengesetzten Richtungen drängen nach Eröffnung des Geschichtsschauplatzes im Abendlande die europäischen Stämme gegen einander, die nördlichen, Kelten, Germanen, Wenden, Nomaden am Pontus, gegen Süden, die südlichen, Iberer, Ligurer, Etrusken, Illyrier, Thraker, und über diese von ihrer Rückseite die Makedonier mit den Griechen und die alle über. flügelnden Römer, nach Norden. Es gilt zwischen beiden Reihen bei ihrem Zusammentreffen den Kampf um Sieg und Herrschaft oder Unterwerfung und Untergang. Den Norden scheint das Loos der Unterjochung zu treffen, da nach Ueberwältigung des ersten Gliedes der nördlichen Reihe, der Kelten, die Vorposten der Römermacht über dem Rhein und der Donau stehen. Aber bald wendet sich der Lauf der Ereignisse. Was die Kelten dem Süden nur gedroht, vollführen Germanen und Wenden, Thraker, Makedonier, Hellenen unterliegen den nordischen Völkerstürmen, die Illyrier sind lief südwärts hinabgedrückt, die schon durch die Wanderungen der Kelten und das Römerreich zerrüttete Selbstständigkeit der italischen Völker wird durch neue Ueberschwemmungen aus dem Norden vollends verwischt, die Macht des Südens ist gebrochen und eine neue Ordnung hebt sich in Europa auf den Trümmern der alten.

Als das thätigste und mächtigste Volk in diesen Umwälzungen handeln die Germanen. Um 'sie herum sind die Kelten von West gegen Südost vorgerückt, die Wenden von Ost gegen Südwest; von anderer Seite, von ihren gewohnten Nomadenwegen her, haben asiatische Hirtenvölker zu neuen Bewegungen Anstoss gegeben. Die Deutschen aber, der Mittelstamm, haben

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sich nach allen Richtungen über ihre Umgebungen hinaus ergossen, die westlichen wie die östlichen Länder überfluthet, Griechenland durchzogen, Italien und Spanien genommen, das Mittelmeer, den Pontus, das kaspische und das Nordmeer durchsegelt. Dieser Stamm, das Centralvolk Europas und in der Geschichte des Gesammterdtheils das wichtigste, das sich zugleich zur Freude der Nachkommen für die Kunde seines äusseren und inneren Lebens Begünstigungen rühmen kann, wie keiner seiner Nachbarstämme, durch die Berichte eines Caesar und Tacitus in die Geschichte eintritt, durch die reichhaltige Völkertafel des Ptolemaeus nach seinen alten Abtheilungen im Stammlande dargestellt ist, die Geschichte seiner Sprachentwicklung bis in das vierte Jahrhundert hinaufführt, seinen Urglauben und seine alte Weltansicht in einheimischen Denkmälern an die Nachwelt vererbt hat, fordert in der Betrachtung der Nordvölker dauernde Aufmerksamkeit, in ihrer Aufstellung den ersten Platz.

Diese Betrachtung muss, wenn sie der benachbarten Stämme äussere und innere Verhältnisse enthüllen, die Gliederungen erkennen und die Umgestaltungen nach ihrem Zusammenhange verfolgen will, den ganzen Zeitraum des langwierigen Kampses des Nordens gegen den Süden von den ersten Nachrichten aus dem Norden bis zur endlichen Beruhigung seiner vielbewegten Völker umfassen. Er zeigt einfach zwei Abschnitte. Im ersten halten, nachdem die Kelten ihre Bewegungen schon lange begonnen und geendet hatten, und unter die römische Herrschaft gebracht waren, die Oststämme sich noch immer in Ruhe und leben in ihrer unbewegten Urzeit, bis mit dem dritten Jahrhundert der umgestaltende und drängende Geist sich auch ihrer bemächtigt, durch eine Reihe von Jahrhunderten ununterbrochen tobt, und nicht eher gestillt wird, bis nach den neuen Zügen der Normannen und Ungern die Verhältnisse der enropäischen Völker sich bleibend feststellen.

Solches kriegsrüstigen nordischen Geistes unerachtet müssen wohlverdienter Vergessenheit jene Meinungen anheimfallen, welche in ihm nur Wildheit und Rohheit sahen, in der er sich nicht einmal zu einer mythischen Vorstellung erhoben hätte. Unsere Nordvölker sind nach den unumstösslichen Zeugnissen der Sprache und des Götterglaubens ebenbürtig den gebildeten Völkern des Sūdens, welche ihre bewunderten Geistesdenkmäler durch die glücklich unter ihnen entwickelte Buchstabenschrift der Nachwelt überlieferten, die in der üppigen, belebenden Natur des Südlandes sich der Ausbildung der Rede und Kunst zuwandten, während jene im rauheren Norden von der Vorsehung wie zum Kriegswerkzeug aufbewahrt, eine neue Weltgestaltung herbeizuführen, als kräftige Natursöhne lebten. Nur in bestimmtem Zeitraume haben sie verheerend Europa durchstürmt; die Stürme haben sich gelegt und die wandernden Völker wie die Südländer an der neuen friedlichen Lehre aus dem Morgenlande Theil genommen. Und vorher, da Herodot am Pontus nach den Völkern der Nordwelt forschte, sassen sie, von dem wissbegierigen Wanderer nicht einmal erfragt, in so ruhiger Stille an den Nordküsten, und noch da Pytheas um dieselben segelte, gewiss nicht ohne jene Erheiterungen, die Pindar von ihnen, den Hyperboreern, preist:

Moisa doux à rodauɛī τρόπους επι σφετέροισι παντα δε χοροι παρθένων

λυράν τε βοαι καναχαί τ' αυλών δονέονται. Aber die Gesänge der nordischen Vorzeit, durch keine Schrift festgehalten, sind zu Grunde gegangen; die Lie. der der Barden, die heiligen Gesänge der Druiden, die nicht entweiht zu werden, wie Caesar bezeugt, nicht geschrieben wurden, selbst die späteren Dichtungen des im Igorliede gefeierten Bojan bei den Wenden, sind verklungen, und wenn auch im Stamme der Deutschen ein günstigeres Schicksal gewaltet, den alten Götterglauben in einer nicht unbeträchtlichen Anzahl alter

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