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scheidet die Kirche von der Kirde; erst wenn die Kirdie auf reine und gesunde Weise sich von der Welt scheidet, um sich um so vollständiger in sich selbst zu einigen, wird der Separatismus überwunden feint.

S. 2.

Die beiden Hauptformen des Separatismus sind der Mystizismus und der Pietismus.

Der Begriff Separatismus ist im Vorigen nicht in dem engeren Sinne genommen, in welchem er blos die Neigung, fich von dem åußeren Berbande der Kirche abzusondern, in fidh schließt, sondern in dem weiteren, in welchem er den inneren Grund einer jeden Absonderung bezeichnet, moge diese nun åußerlich sich darstellen oder nicht. Und in diesem Sinne tritt der Mystizismus als besondere Art des Separatiss mus auf, wiewohl er es in der Regel auf eine sichtbare Absonderung von der Kirche nicht anzulegen pflegt. Nur um so bestimmter tritt er in dieser Hinsicht, dem Pietismus gegenüber, der gerade diese außere Absonderung vorzugsweise liebt; beide aber ergeben sich als die Hauptarten des allgemeinen Separatismus durch folgende Betrachtung. Die gesunde leiblichkeit der Kirche besteht darin, daß der innerste Punkt des leiblichgewordenen Geisteslebens, das Gefühl, in unzertrennter Einheit sowohl mit der höchsten menschlichen Seelenthätigkeit als mit dem allgemeinsten menschlichen Bers kehre der Kirchengenossen bleibt. Denn nur mit beiden zus sammen gedacht ist das leibliche der Kirche gesund, so wie auch der Leib des Menschen nur dann in höherem Sinne gesund ist, wenn er sich den Einflüssen des menschlichen Geis stes zum Organe leihet, und wenn er in den Verkehr des natürlichen menschlichen Lebens durch Geben und Empfangen frisch und fråftig eintritt. Die höchste menschliche Seelenthås tigfcit ist das vernünftige Denfen; das allgemeinste Organ

für die Auffassung und. Verarbeitung des åußeren Lebens ist die Phantasie. Denken wir uns nun das christlidie Gefühlsleben mit der Phantasie geeinigt, aber sich der Thåtigkeit des vernünftigen Denfons entziehend: so entsteht der Mystizismus, die Neigung christlich zu sein ohne vernünftigen Ges dankenverkehr. Setzen wir dagegen das christliche Gefühlsleben in Wechselwirkung mit der Vernunfttbåtigkeit, aber sich durch eine Erdrückung der Phantasie von dem åußeren und volksthůmlichen Leben der Kirdse trennend: so entsteht der Pietismus, die Neigung Firdlich zu sein ohne volfsthúms liche Thätigkeit der Phantasie. Und diese Eintheilung würde ihr Recht behalten, wenn man auch die erste Verirrung mit dem Namen des Fanatismus *), welcher jedoch mehr einen sittlichen Fehler ausdruckt, und die zweite mit dem Namen der Settirerei, welche jedoch mehr eine firchlichstatistische Erscheinung ist, bezeidynen wollte.

*) Wie Walch S. 309 ein Kapitel hat von den Streitigkeiten

mit den Fanaticis ; Schubert P. 3. c. 5. de enthusiasmo. Von dem heißt es . 1, solet autem et fanaticismus appellari.

Erstes Kapitel.
Vom Mystizismus,

S. 1.

Der Mystizismus ist die Separazion des Gefühle und der Phantasie von dem vernünftigen Gedanken: verkehr in der Kirdie.

Jede nåhere Bestimmung des Begriffs. Mystizismus hat heutzutage mehr als je Ursache, denselben von dem Begriffe der Mystik zu unterscheiden, die zwar an denselben grånzt aber etwas wesentlich Verschiedenes ist, fo wie die Gnosis verschieden ist vom Gnostizismus. Denn Mystit bedeutet ein Bewußtsein des Mystischen in der Religion, welches Bes wußtsein von der erfahrungsmäßigen Wahrnehmung selbst bis zur wissenschaftlichen Form der Unterscheidung des Mys stischen von dem Sinnlichen und Intellektuellen entwickelt werden kann, und in allen diesen Stufen rechtmäßig sein fann, so gewiß das Mystische an sich sein Redyt in aller Religion und also auch in der christlichen hat. Denn my: stisch ist, was als eine Mittheilung des Lebens Gottes an die Seele (wir Christen wissen, durch welche Vermittelungen) sich der begrifflichen Entwickelung entzieht, und dennoch sein wirkliches Vorhandensein durch die Merkmale des Gottlichen und die Uebereinstimmung mit dem Gebiete des auch begriff lich zu erkennenden Göttlichen fundmacht. Mystisch in diesem Sinne ist nothwendig alles christliche Geistesleben von der einen Seite, theils weil es unmöglich ist, daß das Geis stebleben in dem menschlichen Begriff aufgehe, theils weil die Verbreitung der Wirkungen des Geistes im natürlichen Sees Iculeben in Licfen hincinrcicht, die für die Beobachtung

unzigånglich sind. Darin liegt nicht, daß das Mystische das Höchste im Geistesleben sei, vielmehr wird es in dems felben Maaße sich verlieren, als das Geistesleben sich bes grifflich entwickelt, auf der anderen Seite aber auch immer wieder, nur auf immer verklärtere, religios gelåutertere Weise sich aus der fortschreitenden Gemeinschaft mit dem Geiste Christi erneuern, so daß es immer da ist, und weder durch abstrakte noch durch spekulative Begriffe irgend einer Ordkung hinweggeräumt werben kann. Die christliche Behandlung des Mystischen im gläubigen Gebrauche des göttlichen Worts und der Sakramente wird nun die sein, daß ihm nicht zugelassen werde mehr zu sein, als es sein kann, daß es in einem durch innere Treue und Geistesarbeit vermittelten Gleichgewichte mit der begrifflichen Ausbildung stehen also, da diese an das Wort Gottes gebunden und durch dasselbe getragen ist, daß es sich unterordne dem vom Geiste Gottes aufgeschlossenen Worte, sich durch dasselbe reinigen und verflåren lasse, und in steter Wechselwirkung mit dem Klaren, vernünftig Durchdachten, geistig Freien, den religiós sen Herzenszustand als einen im Lichte warmen, mitten im Geheimnisse klaren, und, ungeachtet der Erkennbarkeit seiner moralischen Früchte auch vor der Welt, doch der Welt ver: borgenen darstelle. Wer das Mystische audy in diesem Sinne nicht will, wer es auch so schon als Mystizismus verwirft : der wird freilich immer noch Vernünftiges und Gefühlvolles über das Augemeine der Religion sagen können, aber er wird entweder dem Orthodorismus oder dem Razionalismus huldigen müssen, sobald er sich über das Wesen des Chris stenthums erklären will, und wird die größten Erscheinungen in der Geschichte der Kirche nur halb verstehen.

Wie verhålt sich nun der Mystizismus zur Mystik, und wann fångt diese an in den Mystizismus auszuarten? Die Antwort ist: Sobald die Mystik den vernünftigen Gedankens verkehr in der Kirche meidet, wird sie Mystizismus und eine bedeutende kirchliche Berirrung, und hört damit auf, Mystik

zu sein. Denn das rein Mystische zeigt seine Reinheit das durch, daß es vermittelst vernünftigen Gedankenverkehrs in Zusammenhang und Uebereinstimmung fich erhålt mit allem Klaren, Allgemeingültigen, Geistigbelebenden, was die Kirche in sich schließt; das falsch Mystische zeigt sich darin, daß es den vernünftigen Gedankenverkehr in der Kirche scheut, weil es den Gegenstand des Glaubens, Gott in Christus, nur so haben will, wie die selbstisch - losgetrennte Thätigkeit des Gefühls und der Phantasie ihn dem Individuum gezeigt, nicht wie er sich in dem Ganzen der Kirche gezeigt hat, und wie ihn eben dadurch auch jedes im Ganzen lebende Indi: viduum, nach seinem Maaße, sehen will. Es ist daher nicht richtig, den Mystizismus als Verzichtleistung auf den Ges brauch der Vernunft im Allgemeinen zu karakterisiren,

denn einerseits ist diese Verzichtleistung gar nicht möglich, und gewiß bei einem jeden religiösen und gewissenhaften Mens schen, wie doch auch der mit dem Mystizismus Behaftete immer noch angesehen werden muß, niemals wirklich, ans dererseits wurde die Verzichtleistung auf den Gebrauch der Vernunft in razionalistischer Weise nicht das sein in der Erfassung der positiven Religion, was dem Mystiker eigen ware, sondern das, was der Mystiker mit dem glaubensgesunden Christen gemein håtte. Aber das macht den Mys stiker im tabelnswerthen Sinne aus, daß er den in der Kirche selbst, in der Gemeinschaft der Gläubigen und Wies dergeborenen vorhandenen, vom Glauben getragenen, der lebendigeren und klareren Aneignung des gåttlichen Lebens sich entgegenbewegenden erleuchteten Vernunftgebrauch selbst nicht will, ihn blos deshalb nicht will, weil er für ihn eine Herausbewegung aus der Festigkeit und ungeistigen Kraft eines individuell angeeigneten, meist bildlichen Gedankenkreises mit sich bringen würde, und weil er ihm die dem Důnfel schmeichelnde Ueberzeugung nehmen würde, das Höchste und Beste in der Glaubensauffassung schon erreicht zu haben, so daß er vielmehr der Kirche zum Vorbilde zu dienen, als

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