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Einleitung.

puciner (1528), der Barnabiten (1530) und der Jesuiten (1540) mit der Bestätigung zugleich die Erlaubniß, zu predigen, oder vielmehr die erstere, weil sie sich zu dem legteren verpflichteten, und das tridentiner Concil machte es (Sess. 24. de reform. c. 7.) allen Pfarrern zur Pflicht unter der Messe und bei anderem Gottesdienste dem Volke die heilige Schrift, die Lehre des Heils, in der Landessprache an allen Sonn- und Festtagen auszulegen.“

In der russisch - griechischen Kirche verordnete Romanus Rostislawitsch, Fürst von Smolensk (1174), daß in seinem Fürstenthum kein ungelehrter oder unwissender Priester angestellt werden sollte, und er legte auf eigene Kosten Schulen an, in denen die zukünftigen Geistlichen unterrichtet werden sollten. Die späterhin eintretenden ungünstigen Verhältnisse aber, die langjährige Tatarenherrschaft und die Zwistigkeiten im Innern, waren allerdings für die Pflege der Wissenschaften und der geistigen Cultur ein so mächtiges Hinderniß, daß nur etwa in den Klöstern etwas für sie geschehen konnte, während die Weltgeistlichen meist nur im Stande waren, den Gottesdienst me= chanisch zu verrichten. Das Verbot, daß kein Pope dem Volke frei predigen dürfe," hatte daher seinen Grund zunächst nur in der Befürchtung, daß die Popen, in der Regel sehr dürftig gebildet und mechanisch abgerichtet, dem Volke nur zu leicht Irrthümer predigen. könnten, weshalb auch der Bischof Simeon von Polozk (1682) ange= legentlich auf eine bessere Vorbereitung zum Priesteramt hinzuwirken und die Predigten wieder einzuführen bemüht war, worin er freilich durch die damaligen Zeitverhältnisse schlecht unterstüßt wurde. Denn nicht lange nachher hielt es Peter der Große wieder für nothwendig, den Popen das Predigen zu verbieten, weil sie es zu fanatischem Polemisiren gegen seine ,,Neuerungen" mißbrauchten.

Wieviel in der protestantischen Kirche für das Predigtwesen geschehen, ist allgemein bekannt. Auch hier mußte Luther anfangs, bei der Unwissenheit mancher Prediger, den Gebrauch der Postillen auf der Kanzel gestatten, und er ließ ihn gern zu, „damit nicht ein Jeder, wie im Papstthum geschehen, wiederum von blauen Enten predigen möchte." Aber je mehr man dies als einen bloßen Nothbehelf anerkannte, desto mehr beeilte man sich mit der Gründung von Schulen und Universitäten, um die künftigen Diener der Kirche von Jugend auf in der reinen Lehre zu unterrichten und zur Verwaltung des Predigtamtes heranzubilden. Und in Folge der eifrigen Bemühungen kam es auch bald dahin, daß man in Beziehung auf wissenschaftliche Tüchtigkeit ziemlich strenge Anforderungen an die Candidaten machen konnte, ohne befürchten zu dürfen, daß die Pfarrstellen dann unbeseßt bleiben

würden.

Grundsäglich haben also alle Kirchen übereinstimmend die Predigt als einen höchst wichtigen Theil des Gottesdienstes und das Wegbleiben derselben als einen Uebelstand anerkannt, worin sie sich allerdings auch nicht täuschten. Denn wo diesem Uebelstande nicht abgeholfen wurde, sind die nachtheiligen Folgen nicht ausgeblieben. Es ist wahr, in der griechischen wie in der römischen Kirche ist von den frühesten Zeiten bis auf den heutigen Tag beim

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Gottesdienst von der Bibel fleißig Gebrauch gemacht worden. Durch die ganze Liturgie zieht sich der Gesang von Psalmen hin, die Gebete erinnern fast überall an Bibelworte, und die eigentlichen Bibellectionen sind, namentlich in der griechischen Kirche, fast in ihrer ganzen Vollständigkeit bis jezt beibehalten worden. Und doch hat damit das allmälige in Vergessenheit Kommen der Bibellehre nicht abgewehrt werden können.

In der römischen Kirche hinderte dies schon der Gebrauch der lateinischen Kirchensprache beim Gottesdienst, die den romanischen Völkern, jemehr sich bei ihnen eine eigene Landessprache ausbildete, allmälig immer unverständlicher werden, der deutschen Nation aber von Anfang an unverständlich sein und bleiben mußte. In der griechischen Kirche ward zwar den verschiedenen Völkern der Gebrauch der Landessprache gelassen; aber auch hier mußten die Bibellectionen, da die lebende Sprache sich änderte und umgestaltete, die Sprache der Kirchenbücher aber dieselbe blieb, nach und nach unverständlicher werden.

Unter solchen Umständen war es jedenfalls das leichteste Auskunftsmittel, wenn der in Beziehung auf Sprache und Inhalt unverständliche Bibeltert durch eine Predigt in der allgemein verständlichen Landessprache erklärt und den Gemüthern der Zuhörer näher gebracht wurde. Fehlte dagegen die Predigt, so blieben nicht nur die vorgelesenen biblischen Abschnitte unverstandene, todte Worte, sondern der Gottesdienst selbst reducirte sich auf einen rein äußerlichen Ceremoniendienst, indem man eine Menge äußerer Handlungen vornehmen sah und mitmachte, die zwar ursprünglich bedeutungsvoll waren, und deren Bedeutung man aus den sie begleitenden Worten noch allenfalls hätte errathen können, nunmehr aber den Meisten so räthselhaft waren, daß nur das dunkele Gefühl ihnen den Schimmer von bedeutsamen, heiligen Handlungen lieh. Dies aber war ein Hauptgrund, weshalb sie und überhaupt der ganze Gottesdienst allmälig zu einem opus operatum wurde, ein Irrthum, der die unversiegliche Quelle mannigfachen Aberglaubens geworden ist. Auf solche Weise ist es dahin gekommen, daß die Kirchgänger in streng katholischen Gegenden, oft ohne recht eigentlich zu wissen, was die Messe ist und sein soll, dennoch weit lieber sie besuchen, als die vorangehende, vollkommen verständliche Predigt, obwohl sie außer dem, was der Meßcultus für die Sinne darbietet, nichts zu ihrer Erbauung haben, als ihr Gebetbuch oder den Rosenkranz, den sie ebenso gut zu Hause beten könnten.

In der griechischen Kirche finden wir ganz Aehnliches. Daß der Priester ein breites Band bald um den Nacken trägt, bald das Evangelienbuch damit umschlingt, daß er bald durch eine Seitenthür heraustritt zur Gemeine, bald durch die Mittelthür, bald mit einem Leuchter erscheint, bald mit einem Rauchfaß, daß die heiligen Thüren in der Altarwand sich bald öffnen, bald wiederum schließen, — alles das hat seine Bedeutung; aber nur selten wissen die gewöhnlichen Kirchgänger etwas davon, und ihre ganze Theilnahme am Gottesdienst besteht darin, daß sie ein Mal um das andere sich bekreuzen, niederfallen auf das Angesicht und in das "Gospodi pomilui« einstimmen.

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Richten wir den Blick auf die protestantische Kirche, so ist es hier nur die anglikanische, in welcher die Predigt im Verhältniß zur Liturgie im Nachtheil erscheint. Die Verhältnisse sind hier durchaus anders. Der Gottesdienst wird in der Allen verständlichen Landessprache gehalten; regelmäßige Bibellectionen bilden den Hauptbestand= theil des kirchlichen, wie des häuslichen Gottesdienstes; in allen Gebetsformularen klingen uns Bibelworte entgegen; der ganze Cultus hat unbestreitbar ein biblisch-kirchliches Gepräge, und doch ist gerade England das Land der Secten, und am reichsten an Dissenters, welche, nicht befriedigt durch den Gottesdienst der Landeskirche, sich von ihr getrennt haben. Es ist hier nicht der Ort, näher darauf einzugehen, inwiefern politische Verhältnisse, der englische Nationalcharakter, das Ansteckende religiöser Schwärmerei zc., das dortige Sectenwesen begünstigt haben. Auch kommt es hier nicht darauf an, zu un= tersuchen, ob die Diffenters in den Punkten, in welchen sie von der Landeskirche abweichen, Recht oder Unrecht haben. Aber wenn es ein Erfahrungssag ist, daß ein Extrem nicht durch Abirrung vom Normalzustand zu entstehen, sondern durch das andere Extrem hervorgerufen zu werden pflegt, so mag man nicht mit Unrecht schon darum aus der fanatischen Schwärmerei der meisten Secten auf einen starren und kalten Formalismus in der Landeskirche schließen. Wenn ferner die Quä ker, in Uebereinstimmung mit den früheren Puritanern, dieser Kirche ,,todten Buchstabendienst" zum Vorwurf machten, und ihrerseits in dem Betsaale lieber ganz still und stumm da sizen, als die tausend und abertausendmal gehörten Formulare immer wieder hersagen hören wollten, so geht aus ihrem leidenschaftlichen Widerspruch und ihrem einstimmigen Dringen auf das „Beten und Predigen im Geist" wenigstens so viel hervor, daß sie statt der ein für allemal feststehenden Gebete und der in gleicher Weise von der Kanzel vorgelesenen, kirchlich verordneten oder eigen verfaßten Homilien das warm und lebendig aus dem Herzen hervorquellende Wort haben und die eigentliche freie Predigt nicht von dem Einfluß des liturgischen Buchstabendienstes beherrscht oder durch ihn beeinträchtigt wissen wollten. Nimmt man hierzu das Geständniß, daß erst durch die Predigten der Methodisten wieder „Leben in die starren Glieder der Kirche" und eine christliche Erweckung an die Stelle einer unlebendigen Werkheiligkeit gekommen sei, so wird sich kaum in Abrede stellen lassen, daß sich auch hier die Nachtheile der zu Gunsten der Liturgie vernachlässigten Predigt bemerkbar gemacht haben.

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So weit werden, wie es scheint, die Sprecher für Protestantismus und protestantisches Kirchenthum alle vollkommen einverstanden sein. Aber sie würden, wie es scheint, zu früh abschließen, wenn sie es schon hier thun und sagen wollten: Gut; so ist denn die Predigt die Hauptsache, und ihre Vernachlässigung zu Gunsten der Liturgie kann nur nachtheilige Folgen haben." Denn nicht minder gewiß ist es, daß auch die Vernachlässigung des liturgischen Elementes zu Gunsten der Predigt ihre sehr bedenklichen Folgen gehabt hat.

Wollen wir nämlich eine klare Einsicht in das eigentliche Wesen der Liturgie haben, so müssen wir uns in jene alten Zeiten zurückver

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lezen, da sich der Sonntagsgottesdienst zu jenem großartigen symbofisch-liturgischen Drama entfaltet hatte, deffen Inhalt, wie weiterhin genauer gezeigt werden soll, eine Darstellung des Erlö = sungswerkes von Erschaffung der Welt und dem Sündenfall an bis zur Vereinigung Christi mit dem Gläubigen im Sacramente, und dessen Personal die Priesterschaft und die Gemeine war.

Ein solcher Gottesdienst aber, der, in seiner ganzen Ausdehnung abgehalten, in den griechischen Kirchen Syriens und Palästina's_noch jest vom frühen Morgen bis Mittags um 12 Uhr dauert, so daß der Culminationspunkt desselben, die Vereinigung Christi mit dem Gläubigen im Sacrament, auch äußerlich mit dem Culminationspunkt der Sonne zusammentrifft, dauerte der Gemeine späterhin, wenigstens für die gewöhnlichen Sonntage, zu lange. Man suchte ihn daher abzukürzen und auf ein geringeres Maß von Zeit zusammenzudrängen. Daher kam in den Kirchen des Orients statt der alten Liturgia St. Jacobi späterhin die bedeutend abgekürzte Liturgia St. Basilii in Ge= brauch, die nachmals wiederum der noch mehr abgekürzten Liturgia St. Chrysostomi weichen mußte, ganz ebenso wie in der römischen Kirche die älteren ausführlicheren Sacramentarien dem Sacramentarium St. Gregorii Plas machen mußten, welches bald die Norm für den Gottesdienst der gesammten abendländischen Kirchen wurde.

Aus der Vergleichung der römisch-katholischen Messe mit der alt= chriftlichen Liturgie ergiebt sich aber, daß in der ersteren zwar die wefentlichsten Hauptpunkte alle enthalten sind; indem jedoch hier auf den Zeitraum von einer, höchstens zwei Stunden zusammengedrängt ist, was damals auf eine Dauer von sechs und mehr Stunden berechnet war, erscheinen dieselben häufig ohne vermittelnden Uebergang neben einander, und das Ganze hat einestheils in Folge der vielfachen Ab= breviaturen einen höchft fragmentarischen, anderentheils darum, weil hier der einzelne Meßpriester das zu verrichten hat, was ehemals auf ein gemeinschaftliches Zusammenwirken der Priesterschaft und Gemeine berechnet war, einen oft ziemlich räthselhaften Charakter. Das Wegbleiben der fonntäglichen Communicanten machte, daß das altchriftliche Offertorium, das zu der nachfolgenden Abendmahlsfeier nur die Vorbereitung war, hier zur Hauptsache wurde, die Communion selbst aber, da nur der einzelne Meßpriester communicirte, als bloße Zugabe erschien. Nun denke man sich den Eindruck, den das Wahrnehmen einer Menge von beibehaltenen symbolischen Handlungen, die nicht mehr oder nur höchst dürftig durch begleitende Worte erklärt wurden, und das gesangartige Recitiren von Formeln in einer fremden Sprache, wie man sie sonst nur etwa bei Geisterbeschwörungen hörte, auf die Zuhörer machen mußte; man denke ferner daran, daß die,,Darbringung des unblutigen Opfers" in der Meffe die symbolische Darstellung des wirklichen Versöhnungstodes Christi und die Hoftie, seiner Zusage zufolge, wirklich das Medium seiner unsichtbaren geistigen Gegenwart und Mittheilung sein sollte, und man hat ein solches Gemisch von Wahrheit und Irrthum, daß man kaum noch besondere Täuschungs

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künfte der Priester anzunehmen braucht, um den mittelalterlichen Aberglauben und Unfug bei der Messe zu erklären.

Diesem widerseßten sich nun die Reformatoren auf das Entschie= denste. Aber wie sollte dem Uebel abgeholfen und die Messe zweckmäßig reformirt werden? Luther hielt es, wenigstens vorläufig, für das Gerathenste, von dem einmal Herkömmlichen beizubehalten, was sich irgend beibehalten ließ, und nur die wesentlichsten Mängel zu beseitigen. Die Bestandtheile der evangelischen Messe" sollten also folgende sein: 1) Ein das Sündenbekenntniß einleitender Gesang, das Confiteor, Kyrie und Gloria; 2) die Epistel- und Evangelienlection, die Predigt und der Glaube; 3) die Vorbereitung zur Abendmahls= feier und die Communion. Auf diese Weise waren die drei Theile der lutherischen Liturgie der Ausdruck der drei Säge: 1) Wir sind Sünder und können uns nicht selbst helfen, sondern müssen Alles von der göttlichen Barmherzigkeit hoffen. 2) Diese Hoffnung ist nicht vergebens; die Predigt des Evangelii hat vielmehr den Inhalt, daß Jesus Christus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen; wer an ihn glaubt, soll nicht verloren werden. 3) Der wahrhaft Gläubige sucht nur bei und in der Gemeinschaft mit Christo sein Heil, und das Mittel dazu, diese Gemeinschaft immer wieder zu erneuern, ist das Abendmahl.

Aber wie vormals, so war auch jest wiederum der Mangel an Zeit Ursache, daß der so geordnete Gottesdienst nicht lange in seiner Vollständigkeit bleiben konnte. Er dauerte den Leuten zu lange und mußte abgekürzt werden, wenn man nicht haben wollte, daß sie vor dem Schluß die Kirche verließen oder ganz fortblieben. Hier aber war wiederum Mangel an Einsicht der Grund, daß man bei der Abkürzung nicht symmetrisch verfuhr, sondern um den einen Theil in möglichster Vollständigkeit zu haben, die anderen Theile bald hierhin, bald dorthin stellte, bald ganz wegließ.

Luther hatte, für wie wichtig er auch die Predigt hielt, doch den Predigern eingeschärft:,,sie sollten die Zuhörer nicht martern und aufhalten mit langen Predigten, da es um das Gehör gar ein zärtlich Ding ist und man eines Dinges bald überdrüssig wird." Gleichwohl nahmen die Predigten in der Regel so viel Zeit hin, daß es den Meisten zu spät wurde, um an der darauf folgenden Communion Theil zu nehmen.

Um also Zeit zu gewinnen, wurde zuvörderft vorn das Sünden bekenntniß weggelassen, weil man es nach der Predigt als eine auf die Communion vorbereitende Beichte beffer an seiner Stelle glaubte. Was aber sollte es hier, wenn die Abendmahlsfeier wegen. Mangel an Communicanten wegblieb?

Ebenso war es mit dem ,,Glauben." 3m römischen Meßgottesdienst folgt allerdings das Credo unmittelbar auf das Evangelium; aber nur, weil hier die Predigt ausgefallen ist. Sollte nun diese wieder in ihr altes Recht eintreten, so mußte die Reihenfolge diese fein: Evangelium, Predigt, Glaubensbekenntniß. Schon Luther indes ließ, sei es, weil er an dem Herkömmlichen nicht zu viel ändern wollte, oder weil er statt der römisch-katholischen „Darbringung

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