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des unblutigen Opfers" eben die Predigt „von der freien Gnade Gottes in Christo" haben wollte, auf die Evangelienlection den Glauben und darauf die Predigt folgen, und der Anordnung in seiner Deutschen Meffe" (1526) gemäß, sollte auf die Epistel ein deutsch Lied, dann das Evangelium, hierauf der von der Gemeine gesungene Glaube und sodann die Predigt folgen. Aber auch das war wiederum der späteren Zeit nicht recht. Man hielt es für angemessener, daß der Geistliche, wenn er einmal am Altar stand, nun auch ohne Unterbrechung Alles nach einander vorlas, was er vorzulesen hatte. So folgte denn nunmehr auf die Epistel das Evangelium, das Hauptlied, der Glaube und dann die Predigt. Bei dieser Ordnung hatte nun die Gemeine zwei Lieder unmittelbar hinter einander zu singen, und es war ihr dabei „des Singens zu viel." Aber auch der Geistliche war mit dieser Praris nicht zufrieden. Er hatte das "Hauptlied" sorgfältig ausgewählt, um damit auf die Predigt vorzubereiten. Der ganze Zweck aber schien verloren zu gehen, wenn darauf wieder das ermüdende Einerlei des ewig wiederkehrenden Glaubens“ folgte, den man sich zweckmäßiger für besondere festliche Gelegenheiten aufgespart wissen wollte. Er blieb also für die gewöhnlichen Sonntage weg, und so erhielt denn der lutherische Gottesdienst folgende Gestalt: Er begann mit einem einleitenden Morgenliede, dann folgte das Kyrie und das Gloria, die Collecte, die Epistel und das Evangelium, darauf das Hauptlied, die Predigt und zum Schluß die Beichte, auf diese das allgemeine Kirchengebet, das Vaterunser und der auf der Kanzel gesprochene Segen, worauf die Gemeine einen Liedervers sang, während dessen der Geistliche nochmals an den Altar trat, um eine Collecte zu recitiren und denen, die bis dahin die Kirche noch nicht verlassen hatten, nochmals den Segen zu ertheilen.

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Bei einer solchen Ordnung des Gottesdienstes mag man immerhin den redlichsten Willen mitbringen; es wird nicht gelingen, eine plan= mäßige Ordnung herauszufinden. Man mag immerhin die kühnste Virtuosität im Allegorisiren auffordern; es wird ihr nicht gelingen, eine solche hineinzudeuten. Es ist hier nicht mehr die, wenn auch noch fo defecte Ruine eines ehemaligen Prachtgebäudes, wie im römischen Meßgottesdienst, sondern es sind eine Menge einzelner Steine, die um einen Hauptstein herumliegen, ohne daß man sagen kann, warum fie gerade so liegen müßten und nicht auch anders liegen könnten, oder warum sie nicht lieber ganz bei Seite geschafft würden. Daher war es auch kein Wunder, daß man, wo man nicht etwa aus Haß ge= gen die Reformirten bei der herkömmlichen lutherischen Agende beharrte, in bunter Willkür änderte, wie und wo man wollte.,,Wozu," fragte man, die Vorlesung des Evangelii am Altar, wenn es auf der Kanzel vor der Predigt noch einmal vorgelesen wird?" Die Evangelienlection blieb also weg. Wozu die Vorlesung der Epistel, wenn über sie nicht gepredigt wird?" Sie blieb weg. „Wozu an ge= wöhnlichen Sonntagen das Gloria, das zu dem unmittelbar vorhergehenden Kyrie so schlecht past? und wozu wiederum das Kyrie, wenn fein Sündenbekenntniß vorhergeht, sondern dasselbe am Schluß der

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Predigt in der Beichte folgt?" - Beides unterblieb also. -,,Wozu aber auch die Beichte nach der Predigt, wenn keine Communion dahinter folgt?" Auch sie wurde demnach häufig weggelassen und der Gottesdienst reducirte sich somit auf folgende Theile: Morgenlied, Altargebet, Hauptlied, Evangelium, Predigt, Kirchengebet, Vaterunser (oder wie nun gerade die Anfangsworte des Reimgedichtes waren, in dem der Prediger das Gebet des Herrn versificirt hatte), Segen und Schlußgesang.

So war man denn in der lutherischen Kirche auf eben den Standpunkt gekommen, auf welchen Calvin den reformirten Gottesdienst gleich anfangs gestellt hatte. Während nämlich Zwingli sich mit seiner Anordnung des Gottesdienstes in Zürich ziemlich genau an Luthers Formula Missae angeschloffen hatte, der die römische Meßordnung zum Grunde lag, war von Calvin der Cultus in der zu Genf festgestellten Ordnung (1543) auf obige Bestandtheile reducirt worden. Psalmengesang, Gebet, Bibeltext, Predigt, Gebet und Gesang waren in der reformirten Kirche grundsäglich, weil Calvin im Gegensatz zur römischen Messe den Gottesdienst wiederum in seiner apostolischen Simplicität haben wollte, und in der lutherischen Kirche, weil man mit den alten liturgischen Formen nichts mehr anzufangen wußte, die alleinigen Bestandtheile des Cultus geworden. Die Predigt bildete den Mittelpunkt und war alleinige Hauptsache; alles Andere, was außer ihr in der Kirche noch vorgenommen wurde, sollte nur theils Vorbereitung auf dieselbe sein, theils den Eindruck derselben befestigen. Die Abendmahlsfeier aber war exilirt und mußte sich ent= weder in einen Wochentag flüchten, oder des Sonntags vor dem Beginn des eigentlichen Hauptgottesdienstes in der Kirche ein Unterkommen suchen; im Gottesdienst selbst fand sie als integrirender Theil desselben keine Stelle mehr.

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Die eifrigeren Vertheidiger dieser Praxis könnten hierzu allerdings bemerken, daß es immer noch besser sei, wenn die Communion der Predigt, als wenn diese jener weichen muß, zumal da die Erfahrung sattsam dargethan habe, daß auf eine regelmäßige Theilnahme der Gemeine an der sonntäglichen Communion nicht viel zu rechnen sei. Ob also der griechischen und römischen Praris gemäß bei jedem fonntäglichen Gottesdienst die Anstalten zur Abendmahlsfeier gemacht werden, ohne daß es jemals zum wirklich gemeinschaftlichen Abendmahlsgenuß kommt, sondern bei der bloßen Priestercommunion sein Be= wenden haben muß, oder ob man eben darum schon von vorn herein keine solche Anstalten treffen wolle, sei zuleßt einerlei. Ebenso könnten sie, wenn daran erinnert wird, daß der calvinischen Praxis zufolge jeder Unterschied zwischen Altar und Kanzel aufgehoben und somit zugleich der ganze finnige Kirchenbaustyl der älteren Zeit besei= tigt ist, darauf erwiedern:,,Was schadet das? Die Kirche ist um des Gottesdienstes willen da, und muß sich mit ihrer localen Einrichtung nach ihm, nicht er nach ihr richten, und reicht ein einfacher Saal mit Bänken für die Zuhörer und einem erhöhten Plaß für den Sprechenden hin, so ist es vielleicht um so beffer."

Ungleich bedenklicher aber ist es, daß dieser Praxis zufolge fast

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Alles auf die Subjectivität und Individualität des Predigers ankam. Das Gebet, das er sprach, der Bibeltert, den er vorlas, und die Predigt, die er hielt alles das war seiner eigenen freien Wahl überlassen, und konnte, je nachdem der Prediger war, sehr gut, aber auch sehr nachtheilig sein. Ein Gebet, das der christlich lebendige Prediger frei aus dem Herzen betet, findet gewiß eher und sicherer den Weg in die Herzen der Zuhörer, als ein kirchlich feststehendes, das sie schon tausendmal gehört haben. Einen Bibeltert, den er nach den jedesmaligen speciellen Bedürfnissen der Gemeine ausgewählt hat, wird er leichter und besser in der Predigt so zu behandeln wissen, daß jene Bedürfnisse befriedigt werden, als wenn der Text ein für allemal feststeht, und er, um ihn nicht ganz bei Seite liegen zu laffen, sich künstlich drehen und wenden muß, damit er ihm einen Anknüpfungspunkt für das abgewinnt, was der Gemeine zu sagen gerade Noth_thut, und von der Predigt endlich versteht es sich von selbst, daß sie, wenn er sein christliches Lehramt wahrhaft würdig zu verwal ten im Stande ift, tieferen Eindruck macht und segensreicher wirkt, als die besten liturgischen Formulare, gegen die man ihrer unveränderlichen Wiederkehr wegen gleichgültig geworden ist.

Wie aber, wenn dies nicht der Fall ist, und der Prediger nicht im christlichen Geist betet und predigt?,,Dann darf er auch nicht vor der Gemeine beten und predigen; nur welche der Geist treibt, die sollen es thun." — Und was soll dann in der Kirche geschehen? ,,Dann mag ein Anderer, den der Geist treibt, es thun." wenn kein Anderer da ist? ,,Dann unterbleibe es ganz." wird sich erinnern, daß dies die gewöhnliche Rede der puritanischen Secten war, und daß die Quäker, von solchen Ansichten geleitet, es in ihren Versammlungen ganz darauf ankommen ließen, ob sich Jemand fand, den der Geist zum Beten oder Predigen trieb, oder nicht. Ebenso wird man es ganz folgerecht finden müssen, wenn englische und nordamerikanische Dissentergemeinen mit ihrem Prediger einen Contract schlossen, durch den sie sich das Recht sicherten, ihn wieder zu entlassen, wenn er ihnen nicht mehr gefiel. Waren sie hinsichtlich ihrer kirchlichen Bedürfnisse durchaus seiner Willkür preisgegeben, indem sie entweder hören mußten, was er ihnen vorbetete und vorpredigte, oder vom Gottesdienst wegzubleiben genöthigt waren, so lag es in der Natur der Sache, daß er auf der anderen Seite auch ihrer Willkür preisgegeben war, und verabschiedet werden konnte, wenn man mit ihm nicht mehr zufrieden war.

In Deutschland sind dergleichen Erscheinungen nicht vorgekommen; aber die nachtheiligen Folgen jener Praris, welche den ganzen Gottesdienst subjectivirt und in der Predigt concentrirt, haben sich auch hier fühlbar genug gemacht.

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War die Gemeine mit der Predigtweise des Predigers nicht zufrieden, so bot ihr der kirchliche Gottesdienst in der That wenig oder nichts dar, was sie schadlos halten konnte, und sie mußte sich entweder mit den „,freieren Ansichten" des Predigers nach und nach befreunden lernen, was leider oft genug geschehen ist, oder diejenigen, die dies nicht wollten, mußten die Kirche meiden und sich als Separatisten" verkeßern lassen.

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Uebrigens ist dies nur der eine Fall, der durch das Umsichgreifen des Rationalismus in den legten Decennien des vorigen und den ersten des gegenwärtigen Jahrhunderts am häufigsten zur Anschauung gekommen ist. Ganz ebenso aber, wie der Prediger als Verkündiger eines bibelfeindlichen Unglaubens die Gemeine zu Bibelverächtern macht, verleitet der fanatische Schwärmer sie zu Schwärmerei und Fanatismus oder, wenigstens die Gegenpartei, zur Abneigung und Verachtung des kirchlichen Gottesdienstes, und auch dafür hat es die Kirchengeschichte der neueren Zeit nicht an Beispielen fehlen lassen.

War es doch erst die mit den Kriegsjahren hereinbrechende Noth, welche die Einen, die in ihrem weltlichen Uebermuth das Beten bereits ganz vergessen hatten, und die Anderen, die in ihrem geistlichen Hochmuth für den Besuch der Kirche sich zu gut dünkten, den gemeinschaftlichen kirchlichen Gottesdienst wieder schäßen lehrte. Dem neu erwachten christlichen Leben aber konnte er in seiner damaligen, überaus dürftigen Form und mit seinem ebenso dürftigen Inhalt natürlich nicht mehr genügen, und die bald nach Wiederherstellung des Friedens eintretende dreihundertjährige Jubelfeier der Reformation mußte nothwendig den lebhaften Wunsch erzeugen, jene glaubensfrohen Zeiten der Väter wiederkehren zu sehen, einen Wunsch, zu deffen Erfüllung, inwieweit äußere Maßregeln etwas dazu beitragen konnten, vorläufig nichts geeigneter schien, als eine zweckmäßigere Anordnung des an vielen Orten fast ganz in Verfall gerathenen kirchlichen Gottesdienstes, und dies eben war bei der Einführung der neuen Agende in Preußen der Hauptzweck.

Natürlich aber sahen sich, ganz abgesehen von den dogmatischen Bedenklichkeiten, schon in Beziehung auf den Cultus diejenigen lutherischen Gemeinen, bei welchen die alten Agenden im Gebrauch geblieben waren, hierbei im Nachtheil, nicht nur, weil sie etwas aufgeben sollten, in das sie sich ganz bineingelebt hatten, sondern weil dies auch meist einen reicheren Inhalt hatte, als das dargebotene Neue. Wurde schon hierdurch eine Opposition hervorgerufen, so erhielt der Agendenstreit weiterhin eine noch größere Bedeutsamkeit durch das, trog aller officiellen Gegenerklärungen dennoch mit der Agende vielfach in Verbindung gebrachte Unionswerk" und die dadurch angeregte Streitfrage über die Symbole" und ihre Geltung.

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Während nämlich auf der einen Seite die Altlutheraner" gegen eine Union mit den Reformirten aus dem einfachen Grunde protestirten, weil sie eben Lutheraner bleiben wollten, und auf der anderen gemäßigtere Freunde der Union daran erinnerten, daß ja kein Aufgeben der Bekenntnißschriften selbst, sondern nur ein einstweiliges Auffichberuhenlassen der, im Vergleich mit der wesentlicheren Einheit minder bedeutenden Differenzpunkte gemeint sei, bis auch hier auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung jene höhere Einheit gefunden sei, in der fich die Gegensäge von selbst ausgleichen und versöhnen würden, erklärten noch Andere sich gerade darum mit Eifer für das Unionswerk, weil es ihnen eine sehr erwünschte Gelegenheit darzubieten schien, nicht bloß jene dogmatischen Streitfragen, sondern überhaupt die ihnen längst lästig gewordenen Symbole los zu werden.

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Der hierdurch veranlaßte Kampf zwischen „Symbolikern" und ,,Antisymbolifern" würde übrigens, wie er in der That schon seit längerer Zeit auf dem Gebiet der Wissenschaft geführt worden war, ohne auf das praktische Leben einen bedeutenderen Einfluß auszuüben, so auch hier unerwähnt bleiben können, wenn er nicht zur Bildung von separatistischen Gesellschaften geführt hätte, die in neuester Zeit unter dem Namen freie Gemeinen" hervorgetreten sind und natürlich auch in Rücksicht auf den Gottesdienst manches Eigenthümliche haben, was in einer Schrift, welche die Darstellung des christlichen Gottesdienstes in seinen verschiedenen Entwickelungsformen zum Gegenstand hat, eben so wenig ganz mit Stillschweigen übergangen werden kann, als die gottesdienstlichen Verhältnisse der Deutsch-Katholiken.

Je mehr aber die neuesten Zeitereignisse gerade auf diesem Gebiet den Stoff bedeutend haben anwachsen lassen, desto eher werden billige Leser es verzeihen, wenn ich mich, um die Grenzen des für diese Darstellung bestimmten Raumes nicht bei weitem zu überschreiten, hier vornehmlich auf die kirchliche Sonn- und Festtagsfeier beschränke; und gesteht man mir die Nothwendigkeit einer solchen Beschränkung zu, so wird man es, wie ich hoffe, auch nicht unangemessen finden, wenn ich zunächst die Abschnitte über die, allem christlichen Gottesdienst zum Grunde liegende Sonntagsfeier voranschicke, sodann die Darstellung des Gotteshauses und seiner inneren Einrichtung, hierauf die des Gottesdienstes selbst nach seinen verschiedenen Entwickelungsformen und einzelnen Theilen, und zum Schluß eine Schilderung der kirchlichen Feier der Wochen- und Festtage folgen laffe.

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