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I.

Der Ursprung der Sonntagsfeier.

Wicht ohne einen gewissen Schein des Rechtes wendeten die Mystiker bisweilen gegen die kirchliche Feier des Sonntags ein, daß fie nur zu leicht zu dem gefährlichen Selbstbetrug verleite, als sei es vollkommen hinreichend, wenn ein Tag in der Woche auf diese Weise ausgezeichnet würde, während jeder Tag dem Herrn geweiht, jede Stunde durch die Erinnerung an den Heiland geheiligt und unter inbrünftigem Beten und Flehen verlebt werden müsse, und Karlstadt, der bekannte Zeitgenosse Luthers, gleichfalls ein Gegner der Sonntags= feier, hielt es, wenn vor den übrigen Tagen der Woche einer kirchlich ausgezeichnet werden sollte, wenigstens für nothwendig, daß dies der von Gott geheiligte und eingefeßte Sabbath wäre. Denn Christus, meinte er, habe sich nie gegen, sondern vielmehr für die Feier desselben erklärt, wie dies theils der Ausspruch, daß er nicht gekommen sei, das Gesez und die Propheten aufzulösen, theils sein eigener regelmäßiger Besuch der Synagoge am Sabbath beweise; und auch in den Schriften der Apostel sei nirgends von einer Anordnung der Sonntagsfeier die Rede.

Gleichwohl hat sich die Kirche zu keiner Zeit in ihrer Sonntagsfreude stören lassen, und, was auch immer gegen die Feier dieses Lages gesagt werden mochte, ihn stets als ihren schönsten Ehrentag fest= lich begangen. Denn an einem Sonntage war es, nach dem Bericht der Evangelisten, als Jesus Christus aus dem Grabesdunkel hervortrat an das Licht und seine Jünger auf das Unwiderleglichste überzeugte, daß er wieder lebe. Eben er, den sie am jüngstverfloffenen düsteren Freitag als entseelten Leichnam unter heißen Thränen ins Grab gelegt hatten, stand nun lebend vor ihnen! 1) Allerdings nicht

1) Und warum nur vor ihnen? frägt Mancher noch immer so gern mit dem Wolfenbüttler Fragmentisten; warum zeigte er sich nicht auch seinen Feinden als den Auferstandenen, um jedem möglichen Verdachte zu begegnen? Die Entgegnungen der Apologeten auf diese Frage können als bekannt vorausgesetzt werden; daher hier nur eine bistorische Notiz als Antwort.

Zur Zeit der franz. Revolution bestieg am 7. Novbr. 1793 ein Schauspieler

Der Sonntag als Denktag der Auferstehung.

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mehr ganz Derselbe. Es war nicht mehr der in ärmlicher Niedrigfeit lebende Menschensohn, der nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegte, sondern der verklärte und beglaubigte Gottessohn. Das große Wort, daß er am dritten Tage von den Todten auferstehen würde, war erfüllt und damit zugleich die Wahrheit aller seiner Aussagen, die Wahrheit des ganzen Christenthums feierlich bestätigt. Denn seine Auferstehung sollte eben der Beweis sein, daß er nicht als das wehrlose Opfer mächtigerer Feinde gefallen, sondern freiwillig in den Tod ge= gangen sei, um der sündigen Menschheit den Trost und die Gewißheit der Sündenvergebung und Begnadigung zuzusichern, und daher sagt auch der Apostel Paulus so entschieden: Ist Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich; so ist euer Glaube eitel; so seid ihr noch in euren Sünden."

Und jener große Auferstehungstag hätte nicht von den Aposteln in freudiger Erinnerung gefeiert werden sollen, so oft die sich erneuende Woche ihn wiederkehren ließ? Eine Sonntagsfeier in unserem Sinne darf man hieraus allerdings noch nicht folgern. Denn den Jüngern genügte es keinesweges, nur einen Tag in der Woche durch gemeinschaftliche Andachtsübungen auszuzeichnen. Es war ihnen vielmehr Be= dürfniß, täglich bei einander zu sein, sich wechselseitig an die einzelnen Züge aus dem Leben des göttlichen Meisters zu erinnern und mit einander zu beten, und so wenig sie bei diesem täglichen Gottesdienste den Denktag der Auferstehung vergessen konnten, eben so wenig werden sie und die von ihnen bekehrten Juden die geseßlich gebotene Sabbathsfeier unterlassen haben.

Anders aber war es mit den zum Christenthum bekehrten Heiden. Ihnen war bisher durch kein Geseg die Feier des Sabbaths geboten. Sollten sie jest dazu verpflichtet werden? Wohl meinten dies einige Judenchristen, indem sie verlangten, daß dieselben gleichfalls sich beschneiden lassen und das jüdische Gesez halten sollten. Die Apostel zu Jerusalem jedoch entschieden in einer gemeinsamen Be= rathung (Apostelg. 15, 1 ff.),,,den Heidenchristen solle das Gefeß nicht aufgebürdet werden," und Paulus schreibt den Koloffern ausdrücklich, ,,daß ihnen Niemand einen Vorwurf zu machen habe, wenn sie die jüdischen Speisegeseze nicht beobachteten und die jüdischen Feste, Neumonde und Sabbathe nicht feierten" (Kol. 2, 16.). Fiel nun bei ihnen die Feier des Sabbaths weg, so war es natürlich, daß man um der Ordnung willen dafür einen anderen Tag wählte, und welcher hätte für eine christliche Gemeine bedeutsamer sein können, als der Denktag der Auferstehung?1) Es frägt sich nur, ob dieser auch wirklich ge=

oder Priester in der Kirche St. Roch die Kanzel und forderte unter gräßlichen Lästerungen Gott heraus, sein Dasein zu beweisen, oder sich zu rächen, wenn er mehr als ein Phantom des kindischen Aberglaubens sei; und Gott blieb den verlangten Beweis schuldig.

1) Wie entschieden und bestimmt die griechische Kirche auch in späterer Zeit den Sonntag als Auferstehungstag auszeichnete, geht unter andern daraus hervor, daß im Russischen das Wort woskressenje (Auferstehung) zugleich der Name für den Sonntag ist.

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22 N. T.-liche Stellen für die Sonntagsfeier.

wählt worden ist? und zum Beweise für den apostolischen Ursprung der Sonntagsfeier beruft man sich hauptsächlich auf drei Stellen, von denen die eine zwar als unbrauchbar zurückzuweisen ist, die beiden anderen aber desto mehr Beachtung verdienen.

In der ersten nämlich (Offenb. 1, 10.) wird ein Tag des Herrn" erwähnt, und da dies bei den Kirchenvätern häufig die Bezeichnung des Sonntags ist, so schien es Manchem gewiß, daß das apostolische Zeitalter mit dem Namen für die Sache auch die Sache selbst gehabt haben müsse. Wenn aber auch die Kirchenväter unter dem ,,Tag des Herrn" den Sonntag verstehen, so folgt daraus noch keinesweges, daß auch in der Offenbarung dieser Tag gemeint ist. ,,Tag des Herrn" konnte vielmehr jeder durch den Herrn irgendwie ausgezeichnete Tag heißen, und ein solcher ist allerdings unser Sonntag, aber auch der zukünftige Weltgerichtstag, und der ganze Inhalt und Zweck der Offenbarung spricht dafür, daß eben dieser lehtere, von dem Verfasser in prophetischer Begeisterung als gegenwärtig gedachte Tag gemeint sei.

In der zweiten Stelle (Apostelg. 20, 7.) heißt es: „An dem ersten Tage nach dem Sabbath, da wir in Troas beisammen waren, das Brot zu brechen, predigte ihnen Paulus, da er am folgenden Tage abreisen wollte." Daß an jenem Sonntage eine gottesdienstliche Zusammenkunft stattfand, ist in der Stelle selbst gesagt,für die Sonntagsfeier aber," wird Mancher sagen, „gleichfalls kein Beweis; denn nicht, weil es ein Sonntag, sondern weil es der lezte Tag vor der Abreise war, scheint der Apostel ihn auf die angegebene Weise benugt zu haben." Wie kam es aber, könnte man dagegen fragen, daß der Apostel diesen Tag noch dort verweilte? Das jüdische Geset hätte ihn wohl allenfalls bestimmen können, nicht am Sabbath zu rei= sen; aber an dem folgenden Tage konnte er ganz unbedenklich seine Reise antreten. Blieb er also diesen Tag noch da, und benußte er ihn zu einer Sonntagsfeier in unserem Sinne, so liegt die Vermuthung sehr nahe, daß dies auch der Grund seines Verweilens gewe= fen sei.

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In der dritten Stelle (1. Kor. 16, 2.) endlich heißt es: Jeder gebe an jedem Sonntage so viel, als ihm zur Unterstügung der ärmeren Mitchriften in Jerusalem beizusteuern angemessen scheint, und lasse auf diese Weise die Summe anwachsen, damit die Einsammlung der Beisteuer nicht erst bei meiner Ankunft stattfinden darf.“ Nehmen wir nun an, daß der Sonntag schon damals für die korinthische Gemeine der zu gemeinschaftlichen Andachtsübungen bestimmte Tag war, so erklärt sich die Anordnung des Apostels ganz natürlich. Lassen wir dagegen diese Annahme nicht gelten, so haben wir auf die Frage, warum er gerade diesen Tag festseßt, keine genügende Antwort.

Wie gering nun auch die Beweiskraft der beiden leßteren Stellen sein würde, wenn sie einzeln dastehende Zeugnisse aus dem Alterthume wären, so bedeutend wird sie, wenn man die Zeugnisse der späteren Zeit dazu nimmt, in denen ganz bestimmt und ohne die mindeste Andeutung eines neueren Ursprungs, von der Sonntagsfeier als einer den Christen von jeher eigenthümlichen die Rede ist.

Zeugnisse des Barnabas, Ignatius, Plinius.

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Auf die dem Anschein nach ganz entscheidende Stelle im Briefe des Barnabas 1): Darum feiern wir auch den achten Tag, an welchem Christus von den Todten auferstand, und an dem er, sichtbar geworden, in den Himmel aufstieg," können wir freilich noch kein besonderes Gewicht legen. Denn wenn auch Barnabas (der Reisegefährte des Paulus) dem apostolischen Zeitalter angehört, und die angeführte Stelle an und für sich ganz unverdächtig ist, so ist doch der Brief im Ganzen, wie er uns vorliegt, nicht hinlänglich kritisch gerechtfertigt, und Mancher könnte sich für berechtigt halten, das Mißtrauen, das andere Stellen in ihm weckten, auch auf diese überzutragen.

Entscheidender würde in dieser Beziehung das Zeugniß eines Ignatius sein, welcher der Zeit nach dem Barnabas sehr nahe steht er starb 116, im Colosseum zu Rom, von Löwen zerrissen, den Märtyrertod wenn nur die hier in Betracht kommende Stelle in Beziehung auf die Sonntagsfeier flarer und bestimmter wäre. Igna= tius aber spricht nur ganz allgemein von der Verpflichtung der Chriften, im Gegensag zu denjenigen, welche den Sabbath feiern, ein Le= ben in dem Herrn zu führen, durch den sie selbst erst zu dem wahren Leben gekommen seien, und läßt es fonach zweifelhaft, ob wir bei dem Ausdruck,,welche den Sabbath feiern“ an die jüdische Feier des Sonnabends im Gegensatz zu dem christlichen Sonntag denken, oder ihn nur als eine Bezeichnung des Judenthums im Allgemeinen, dem Chriften-. thume gegenüber, auffaffen sollen. 2)

Desto mehr Beachtung aber verdient es, wenn Plinius in dem bekannten Briefe 3), in welchem er dem Kaiser Trajan von seinen Untersuchungen über die Christen Bericht erstattet, unter andern schreibt: ,,Andere versicherten, ihre Hauptschuld habe darin bestanden, daß sie gewohnt gewesen wären, an einem feststehenden Tage vor Sonnenaufgang zusammen zu kommen, Christo, als einem Gotte, wechselsweise einen Lobgesang anzustimmen und sich durch einen Eid, nicht zu einem Verbrechen, sondern dazu zu verpflichten, keinen Diebstahl, Raub oder Ehebruch zu begehen, ihre Zusage zu halten und das ihnen Anvertraute nicht abzuleugnen, wenn sie zum Geständniß aufgefordert würden. Alsdann sei es Sitte gewesen, fortzugehen und später wiederum zu einem Mahle zusammen zu kommen, an dem beide Geschlech

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1) Barnab. epist. c. 15. Διὸ καὶ ἄγομεν τὴν ἡμέραν τὴν ὀγδοὴν, ἐν ᾗ καὶ Ἰησοῦς ἀνέστη ἐκ τῶν νεκρῶν καὶ φανερωθεὶς ἀνέβη εἰς τοὺς οὐρανούς.

2) Seine Worte sind nämlich Ep. ad Magnes. c. 9.: Ei ovv zadαions γράμμασιν ἀναστραφέντες, εἰς καινότητα ἐλπίδος ἦλθον, μηκέτι σαββατίζοντες, ἀλλὰ κατὰ κυριακὴν ζωὴν ζῶντες, ἐν ᾗ καὶ ζωὴ ἡμῶν ἀνέτειλεν δὶ αὐτοῦ.

3) Plin. epp. X. 97. Affirmabant hanc fuisse summam vel culpae suae vel erroris, quod essent soliti, stato die ante lucem convenire carmenque Christo, quasi Deo, dicere secum invicem, seque sacramento non in scelus aliquod obstringere, sed ne furta, ne latrocinia, ne adulteria committerent: quibus peractis morem sibi discedendi fuisse rursusque coeundi ad cibum capiendum etc.

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Zeugnisse des Justinus, Tertullian, Origenes.

ter Theil genommen hätten, bei dem es jedoch ganz ehrbar zuge= gangen sei."

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Der Ausdruck status dies, den Plinius gebraucht, bezeichnet nicht einen jedesmal verabredeten, wandelbaren, sondern einen bestimmten feststehenden Tag, und die Worte: sie wären gewohnt, es sei ihre Sitte gewesen," berechtigen uns zu der Annahme, daß es ein regelmäBig wiederkehrender Tag war. Dies aber kann schwerlich ein anderer, als der Sonntag, gewesen sein, wenn man bedenkt, daß Juftinus, der Märtyrer, der kaum 30 Jahre später, als Trajan starb (er wurde um das J. 167 zu Rom hingerichtet; Trajan war 138 gestorben), in seiner zweiten Vertheidigungsschrift für die Christen 1) ganz klar und bestimmt sagt: „Wir halten unsere gemeinschaftlichen Zusammenkünfte am Sonntage; denn dies ist der erste Tag, an welchem Gott die Welt schuf, indem er die Finsterniß und die Materie umwandelte, und auch der Tag, an welchem Jesus Christus, unser Heiland, von den Todten auferstand."

Zur Zeit des Tertullian 2) (starb 220) waren die Christen wegen ihrer Sitte, sich beim Gebet gegen Morgen zu wenden, und weil der Sonntag für sie ein Freudentag war, schon in den Verdacht des Sonnendienstes gekommen, und die späteren Zeugnisse für die Sonntagsfeier find meistens auch zugleich Rechtfertigungen gegen den Vorwurf, als feierten die Christen höchst willkürlich statt des von Gott eingeseßten Sabbath einen anderen Tag. So sagt Origenes 3) (starb 253) in einer Predigt über das Manna in der Wüste: „Wenn es demnach aus der heil. Schrift bekannt ist, daß Gott am Sonntage das Manna vom Himmel regnen ließ, am Sabbath aber nicht, so mögen die Juden daraus abnehmen, daß schon damals unser Sonntag dem jüdischen Sabbath vorgezogen worden ist," und noch mehr weiß der Verfasser der 52. Homilie in den Serm. de tempore (welche ehedem, aber mit Unrecht, dem Augustinus zugeschrieben wurden) zur Rechtfertigung der Feier des Sonntags zu sagen: „Dies war," heißt es dort, der Tag, an welchem zum ersten Male das Licht zu leuch= ten anfing; an diesem Tage gingen die Kinder Ifrael trockenen Fußes durch das rothe Meer; an diesem Tage regnete es Manna in der Wüste; die Taufe Christi im Jordan, die wunderbare Verwandlung des Waffers in Wein auf der Hochzeit zu Kana, die Speisung der fünftausend Mann mit fünf Broten, die Auferstehung Christi, sein Erscheinen in der Mitte der Jünger bei verschlossenen Thüren und die Ausgießung des heil. Geistes fanden an diesem Tage statt; ja auch

1) Just. M. apol. II. c. 25.

2) Tertull. ad nat. I. 13. Alii solem Christianorum Deum aestimant, quod innotuerit, ad orientis partem facere nos precationem vel die solis laetitiam curare.

3) Orig. homil. in Exod. c. 15. Quodsi ex divinis scripturis hoc constat, quod die dominica Deus pluit manna de coelo et in sabbato non pluit, intelligant Judaei, jam tum praelatam esse dominicam nostram Judaico sabbato.

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