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Verfall der kirchlichen Baukunst.

gen des Kunstgeschmacks bis jezt noch nicht hat vereinigen lassen. Und in der That, forscht man dem Grunde des vielfach beklagten Verfalles der kirchlichen Baukunft in neueren Zeiten genauer nach, so läßt fich - um gleich hier in kurzen Worten auszusprechen, was weiterhin ausführlicher nachgewiesen werden soll kaum ein anderer angeben, als dieser: Ein in der Predigt sich concentrirender protestantischer Gottesdienst verlangt nur ein einfaches Local mit Bänken für die Zuhö rer und einem erhöhten Standort für den betenden oder predigenden Geistlichen, von welchem aus dieser überall leicht verstanden werden fann. Wenn demnach von den in neuerer Zeit gebauten und von vorn herein auf einen solchen Gottesdienst berechneten Kirchen viele mehr oder weniger den einfachen Betsälen der Quäker gleichen, so verdienen sie wenigstens um ihrer Zweckmäßigkeit willen Anerkennung, unterschieden sie sich auch sonst in nichts von einem Concertsaal oder irgend einem anderen Local, das gleichfalls nur die Bestimmung hat, eine größere Anzahl von Menschen zu vereinigen, um rhetorische oder musikalische Vorträge anzuhören.

Gerade der Umstand aber, daß auf solche Weise die Kirchen äußerlich von den zu weltlichen Zwecken dienenden Localen nur wenig unterschieden sein können, ist uns hier um so störender, weil wir bei einem, der Andacht und dem Gottesdienst geweihten Gebäude den weltlichen Charakter gern auch im Aeußeren möglichst fern gehalten wünschen, und wir, sobald von Kirchen die Rede ist, unwillkürlich an jene mittelalterlichen Dome denken, denen dieser weltliche Charakter allerdings durchaus fremd ist. Fragen indeß Protestanten, wie es so oft geschieht, wenn sie bewundernd vor einem jener Meisterwerke der mittelalterlich christlichen Baukunft stehen, mißmüthig: Warum haben wir nun nicht auch solche Kirchen? und warum fehlt selbst den größten unter unseren, in neuerer Zeit gebauten Gotteshäusern so oft jener eigenthümlichkirchliche Charakter, der auch in den ärmlichsten Dorfkirchen der Katholiken noch deutlich genug hervortritt? so könnte man mit gleichem Rechte dagegen fragen: Warum laffen sich von dem Eichbaum keine Goldorangen pflücken? Denn ganz ebenso, wie wir die einfachen Betsäle der Puritaner als eine nothwendige Folge des calvinistischen Protestantismus ansehen müssen, erscheinen jene Dome nur als der plasti sche Ausdruck des altchristlichen Katholicismus, indem hier wie dort die äußere Form durch die innere Einrichtung und diese wiederum durch die Art und Weise des kirchlichen Gottesdienstes bedingt ist, wie dies im folgenden Abschnitt genauer dargethan werden soll.

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IV.

Die innere Einrichtung des Gotteshaufes.

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Je schwieriger es ist, durch Beschreibung in Worten die räumlichen Verhältnisse eines Gebäudes, namentlich einer altchriftlichen Kirche, klar und anschaulich zu machen, desto rathsamer scheint es, dem, was über die innere Einrichtung des Gotteshauses zu sagen ist, den Grundriß einer alten Kirche mit einigen erläuternden Bemerkungen voranzuschicken. 1)

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Grundriß einer altchristlichen Kirche.

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Erklärung der Zeichen.
W-O. die heilige (Kirchenbau-) Linie;
W-I. Längenmaß der Vorhalle;
r. Wasserbecken;

U-u. Drt der Weinenden;

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K. Kathedra (Sitz des Bischofs);
P-P. Siße der Presbyter (Presbyterium);
R. Oblationarium_(mit dem Rüfttisch) ;
D. Diaconicum (Sacristey).

Was zuvörderft die Lage betrifft, so bauten die Griechen. und Römer ihre Tempel bekanntlich so, daß bei Oeffnung der Thüren die Morgensonne hineinschien, und in dem jüdischen Tempel

1) Vergl.,,Sendschreiben an den Dombaumeister Zwirner“ (im Kölner Domblatt No. 42 ff.).

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Kirchenbaulinie.

Aeußere Vorhalle.

stand, da es für den Juden (der mit den heidnischen Sonnenanbetern nichts gemein haben sollte) Gefeß war, seine Gebete mit gegen Abend gewendetem Gesicht zu sprechen, der Altar im Westen. Die Christen jedoch mußten es von Anfang an als ihre Aufgabe anerkennen, aus der Region der irdischen und geistigen Finsterniß der Negion des Lichtes zuzuftreben, und daher wurde schon frühzeitig die Linie von. W nach O als die sogenannte heilige (oder Kirchenbau-), Linie festgestellt.

Im Westen waren daher die Eingangsthüren, gen Often stand der Altar 1), von welchem das Licht des Evangelii ausging, und die Katechumenen näherten sich, jemehr sie innerlich dieses Lich. tes theilhaftig wurden, desto mehr auch äußerlich dem Orte des Lichtes (dem Altarraum), während umgekehrt die Pönitenten, jemehr sie sich innerlich von Christo, dem Lichte der Welt und dem Abglanz der Herrlichkeit des Vaters, entfernten, desto weiter nach den Thüren hin, und bei dem lehten und schärfften Grad der Kirchenbuße ganz hinaus verwiesen wurden. Für sie war demnach die (nicht zu dem eigentlichen Gotteshaus gerechnete) äußere Vorhalle (atrium) bestimmt, die daher der Ort der Weinenden (locus lugentium), und da sie kein vor Wind und Wetter schüßendes Dach hatte, »locus hiemantium« hieß; in der Mitte (bei r) war das Wasserbecken (cantharus, phiala), in welchem man sich vor dem Eintritt in die Kirche wusch.

Die Linie a-b bezeichnet die Wand, welche das eigentliche Gotteshaus von der äußeren Vorhalle trennte, mit dem Haupteingang (1) und zwei Seitenthüren, rechts und links. Demnach giebt die Linie I-Ŏ das Längenmaß für die Kirche; und bei dem Bedürfniß, für die drei verschiedenen Klassen der Theilnehmer am Gottesdienst (Priester, Abendmahlsgenossen und Zuhörer) abgesonderte Räume zu haben, theilte sich diese Linie ganz natürlich in drei Theile; der Raum 1-11 war für die zum Abendmahlsgenuß nicht Berechtigten (Katechumenen, Pönitenten und für die als Zuhörer dem Gottesdienst beiwohnenden Juden und Heiden) bestimmt; der Raum II-III für die zum Abendmahlsgenuß berechtigten Gläubigen, und für die Stehenbleiber (consistentes, welche der Abendmahlsfeier zwar beiwohnen durften, aber während die Anderen an den Altar traten, um das Sacrament zu empfangen, an ihrem Plage zurück bleiben mußten, ohne es genießen zu dürfen, was der erste und gelindeste Grad der

1) Daher bemerkt es auch Sokrates (H. E. V. 22.) an der Kirche zu Antlochia als etwas Besonderes, daß der Altar hier nicht im Osten, sondern im Westen geftanben babe; (ἐν ̓Αντιοχείᾳ τῆς Συρίας ἡ ἐκκλησίᾳ ἀντίστροφον ἔχει τὴν θέασιν· οὐ γὰρ πρὸς ἀνατολὰς τὸ θυσιαστήριον, ἀλλὰ πρὸς dvou oog). Ebenso meint Walafried Strabo (de reb. eccles. 4.): Non magnopere curabant illius temporis justi, quam in partem orationis loca converterent. Sed tamen usus frequentior et rationi vicinior habet in Orientem orantes converti et pluralitatem maximam ecclesiarum eo tenore constitui.

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Narther.

Paradies.

Schiff der Kirche.

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Kirchenbuße war), und der Raum III–O für den Altar und die Priesterschaft. 1)

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Der erste Raum (hier I-II) hieß, weil er mehr breit, als lang war, Narther (vágons; bei Hesiod. opp. et dies v. 62. der ,,Stab" oder das Rohr," in welchem Prometheus das Feuer herunter holte, und ebenso bei den späteren Schriftstellern die Bezeichnung für alles Stab- und Lattenartige). Auf der inneren Seite der Wand a-b waren Gemälde angebracht; am häufigsten „Adam und Eva im Paradiese," als symbolische Andeutung des Gedankens: daß die aus dem Paradiese verbannte Nachkommenschaft Adams in der Kirche Christi gleichsam das verlorene Paradies wiederfände. Wenn daher Athanasius von der Lehre der Arianer sagt, daß sie sich einzuschleiten fude in bas, arabies ber Girde" (εἰς τὸν παράδεισον τῆς Exxλnoías), so meint er damit diese Abtheilung des Gotteshauses, und es ist dies zugleich eine wißige Anspielung auf die Nüchternheit der, dem platten Alltagsverstand der gemeinen Leute am meisten zusagende arianische Lehre; denn in dem Paradies" standen meist Leute von niederem Stande und geringer Bildung, die Knechte (Garciones, woher das französ. garçon), weshalb der Ort selbst auch Garsono statios (Standort der Knechte) hieß; und hieraus erklärt es sich auch, warum noch heutzutage der schlechteste Plaz im Theater das,,Paradies" genannt wird.

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Der Narther selbst aber mußte, da sich die hierher gewiesenen Theilnehmer am Gottesdienst in zwei Klaffen theilten, von denen die eine den auf die biblische Lection und die Predigt folgenden und knieend gesprochenen Gebeten beiwohnen, und sie knieend mitbeten durfte, während die andere vor dem Beginn derselben das Gotteshaus zu verlaffen hatte, demgemäß auch zwei abgesonderte Räume enthalten, von denen der obere der Plaß für die Knieenden (locus substratorum), der untere, an die Vorhalle grenzende, der Ort für die bloßen Zuhö rer (locus audientium) hieß.

Der zweite Raum (II-III) hieß das Schiff (gleichsam die Arche des neuen Bundes, in welcher die,,Gläubigen" ebenso sicher vor dem allgemeinen Verderben sind, als damals die in der Arche Noah's Befindlichen); und hier wurden, seitdem man den ehemals in der Vorhalle befindlichen Wasserbehälter in der Gestalt der Weihwasserbecken in die Kirche selbst aufnahm, diese Weihwasserbecken angebracht, so daß bei ihnen die eigentliche Kirche anfing. An den Seiteneingängen rechts und links (die in größeren Kirchen auch ihre Vorhallen hatten) bezeichnete die mittelalterliche Baukunft den Anfang der eigentlichen Kirche häufig auch durch das Standbild des (in Riesengröße dargestellten) heiligen Christophorus, der das Symbol des Ueberganges aus dem Heidenthum zum Christenthum war; und beim Volke herrschte ziemlich allgemein der Glaube, daß man an dem Tage

1) Diese drei Abtheilungen des chriftlichen Gotteshauses werden schon Offenb. 11, 1. 2. burdy bic 2luebriicte θυσιαστήριον, ναὸς unb αὐλὴ ἡ ἔξωθεν

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angedeutet.

54 Chortenne.

Ambon. Chor. Cancellen.

keines jähen oder bösen Todes sterben werde, an welchem man diesen Heiligen gesehen.

Natürlich sollte damit zunächst nur ausgedrückt sein, daß Gott denjenigen, welcher seinen frommen Sinn durch fleißigen Kirchenbesuch an den Tag lege, vor einem solchen Tode bewahre. Indeß nahm man diesen Ausdruck sehr bald ganz wörtlich, und um den Vortheil, welchen man sich von dem Anblick des Christophorusbildes versprach, auch ohne den Besuch der Kirche zu haben, stellte man dieses Standbild auch auf den Landstraßen vielfach auf.

In dem Schiffe selbst waren links, bei N (gegen Norden), die Frauenpläge, rechts, bei S (gegen Süden), die Männerpläge; in größeren Kirchen waren auch wohl auf beiden Seiten für beide Geschlechter Pläße, für die Männer unten, und für die Frauen oben (auf Emporkirchen oder Chören). Weiter hin hatten in dem halbfreisförmigen Raum rechts (bei 1) die Mönche, links (bei m) die Matronen (theils fromme Wittwen, die nach dem Tode des ersten Mannes nicht wieder geheirathet hatten, theils Diakonissen und Nonnen) ihre Pläge, woher der Ort selbst das Matronäum (paroorixov) hieß.

Im Mittelschiff trennte die Chorschranke (i-k), über welcher sich oben ein oft prächtiger Triumphbogen (porta triumphalis) wölbte, die sogenannte Chortenne (c g k i) von dem übrigen Raum des Schiffes, welche um einige Stufen höher, als der Fußboden der Kirche, aber nicht so hoch lag, als der weiterhin zu erwähnende Altarchor. Daher hieß auch die Chortenne, zum Unterschied von dem ,,hohen Chor," der Unterchor." Hier war im Alterthum mitten, bei A, der Ambon, auf welchem der Lector oder der Diakon die biblischen Lectionen vorlas; späterhin waren es zwei verschiedene Pulte, links bei E das Evangelienpult, rechts bei e das Epistelpult, an denen die Lectionen stattfanden, und von eben diesen Lectionen (,,Leß," wie es im niederrheinischen Plattdeutsch heißt) erhielt die Chorschranke selbst den Namen Lettner (lectionarium, lectorium). Daß der Lettner in größeren Hauptkirchen eine höchst kunstvoll gearbei tete Gitterwand mit reicher und prächtiger Vergoldung war, sei hier nur kurz erwähnt. In dem Unterchor war ferner das Odeum (delov), der Ort für die Sänger, welche hinter den Lesepulten rechts und links standen, wie bei den Chorgesängen im altgriechischen Theater; denn wie dort, so waren es auch hier meist Wechselge= fänge, die man sang. Ebenso hatte hier zu beiden Seiten die niedere Geistlichkeit: die Anagnosten (Lectoren), Exorcisten (Be= schwörer), Akoluthen (Fackel- oder Kerzenträger des Bischofs) ihre Size. Daß der ganze Raum, eben weil einige Stufen (gradus) zu ihm heraufführten, auch Graduale hieß, sei hier nur im Vorbeigehen bemerkt.

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Der dritte Raum endlich (III-O) war der eigentliche Chor, zum Unterschiede von dem niedrigeren Unterchor der hohe Chor" genannt (daher auch die Ausdrücke: Hochamt, hohe Messe, Hochaltar). Durch die Cancellen, eine Gitterwand, die sich von n bis p hinzog, war er von dem Unterchor getrennt; und diese Gitter

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