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Russische Glöckner.

Thurmuhren.

dere Glöckner angestellt, während auf dem Lande in der Regel der Schullehrer mit seiner zweiten Würde, als Cantor und Organist, auch noch die dritte des Glöckners und Küsters vereinigt.

In Betreff des Läutens ist außerdem noch zu bemerken, daß, während bei uns die Glocke selbst in Schwung gebracht wird, damit der Hammer anschlage, bei den Russen die Glocken selbst in Ruhe blei ben und nur die Hämmer hin und her bewegt werden. Troßdem aber ist die Arbeit eines russischen Küsters keine gar so leichte. Zwar, wenn er nur ein Paar Glocken zu bearbeiten hat, kann er sich bequem auf einen Stuhl in der Mitte hinsehen und er hat nur abwechselnd bald an dem einen, bald an dem anderen Strick zu ziehen. Sollen aber eine Menge Glocken zugleich ertönen, dann muß er sich die Stricke theils um die Finger der beiden Hände, ein Paar andere um die Beine, und den der größten Glocke um den Leib schlingen, um so durch die verschiedenen Bewegungen, die er bald rückwärts, bald vorwärts, bald rechts, bald links macht, die einzelnen Hämmer zu bewegen, und wie komisch auch der Anblick eines solchen mit Händen, Füßen und dem ganzen Leibe hin und her zappelnden Glöckners ist, so sehr thut Einem doch der Mann leid, wenn man die hellen Schweißtropfen sieht, welche ihn die beschwerliche Arbeit kostet. Gleichwohl machte die Sache einem russischen Czaaren der früheren Zeit so viel Vergnügen, daß er es sich nicht nehmen ließ, bei seiner Hofkirche selbst das Glöckneramt zu verwalten, was allerdings für einen Einzelnen nur bei kleineren Glocken möglich ist; denn bei der an tausend Centner schweren Riesenglocke auf dem Jwan Weliki, die vorzugsweise „die Große“ (bolschoi) heißt 1), find zu einem anhaltenden Läuten vier und zwanzig Menschen erforderlich, und ein dumpfes Getöse, gleich dem Rollen des Donners erschallt durch die ganze Stadt, wenn sie ertönt.

3. Die Thurmuhren und die gottesdienstlichen Stunden.

Während man in der Vorballe der russischen Kirchen meist eine ganz gewöhnliche Hausuhr picken hört, und die Thurmuhren dort völlig unbekannt sind, baute man, wenigstens in früheren Zeiten, in Deutschland und den übrigen Ländern des westlichen Europa nicht leicht einen Kirchenthurm, der nicht oben mit einem, auch für den Kurzsich= tigen vollkommen deutlichen Zifferblatt und einem, oft höchst kunstreichen, Uhrwerk ausgestattet gewesen wäre, und auch diese seit dem XIV. Jahrhundert in Gebrauch gekommenen Thurmuhren hatten vornehmlich einen gottesdienstlichen Zweck.

1) Unter den Glocken in Deutschland sind die bedeutendsten: die des Domes zu Ollmüß in Mähren, 358 Ctr., die des Wiener Domes, 354 Ctr., die Erfurter „Maria Gloriofa“ (von 1472) 275 Ctr., die des Cölner Domes (von 1447) 224 Ctr., die der Breslauer Elisabethkirche (von 1507) 220 Ctr., die der Peter Paulskirche zu Görlig 217 Ctr., die „Dominica“ des Halberstädter Domes (von 1457) 150 Ctr. Von Glocken in anderen Ländern verdienen eine zu Toulouse von 550 Ctr., eine Pariser von 310 Ctr. und eine Mailänder von 300. Etr. Gewicht genannt zu werden.

Die drei Gebetsstunden im Alterthum.

Waren nämlich auch die Sonnen-, Sand- und Wasseruhren schon den Alten bekannt, so sind doch die Glocken- oder Schlaguhren höchst wahrscheinlich von den Mönchen des Mittelalters erfunden, oder, wenn man auf Grund der Nachricht, daß Sultan Saladin dem Kaiser Friedrich II. ein künstliches ührwerk zum Geschenk gemacht, lieber annehmen will, daß die Uhren eine Erfindung der Saracenen und durch die Kreuzfahrer aus dem Orient in den Oc= cident gebracht worden seien, in den Klöstern wenigstens vervollkomm net worden, weil man hier allerdings das Bedürfniß einer genauen Zeiteintheilung behufs der kanonischen Stunden oder Horen am ersten fühlen mußte.

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Was die Sitte betrifft, bestimmte Stunden vorzugsweise für Andachtsübungen festzusehen, so findet sie sich schon in sehr frühen Zeiten wie bei anderen Völkern, so auch bei den Juden, welche vornehmlich drei Stunden, die dritte, sechste und neunte (nach unserer Zeitrechnung 9 Uhr des Morgens, 12 Uhr und 3 Uhr Nachmittags) als Gebetsstunden auszeichneten, und die jüdischen Gelehrten wollten sogar genau wissen, daß sie schon von den drei Erzvätern, die Morgenandacht von Abraham, die Mittagsandacht von Isaak und die Abendandacht von Jakob, angeordnet worden seien.

Diese drei Stunden sind gemeint, wenn es von Daniel (c. 6, 10. 13.) heißt, daß er dreimal des Tages hinaufgegangen sei auf den Söller des Hauses, um zu beten; und daß die Apostel hierin der jüdischen Sitte treu blieben, beweisen mehrere Stellen der Apostelgeschichte. So war es nach c. 2, 15. die dritte Stunde, als sie am Pfingsttage zum Gebet zusammenkamen und den heiligen Geist empfingen; die sechste, als Petrus hinaufstieg auf den Söller, um zu beten (c. 10, 9.), und die neunte, als Petrus und. Johannes in den Tempel gingen, um ihr Gebet zu verrichten (c. 3, 1.).

Hierzu kamen späterhin noch drei andere: die erste Morgenstunde (früh um 6), die leßte Tagesstunde (Abends um 6) und die Stunde des Hahngeschrei's (früh um 3). Demnach heißt es in den apostolischen Constitutionen 1): Verrichtet eure Gebete am Morgen, in der dritten, sechsten und neunten Stunde, am Abend und in der Stunde des Hahngeschrei's: am Morgen, indem ihr Gott danket, daß er es hat Licht werden lassen, indem er die Nacht entfernte und den Tag herbeiführte; in der dritten Stunde, weil der Herr in dieser von Pilatus das Verdammungsurtheil empfing; in der sechsten, weil er in dieser gekreuzigt wurde; in der neunten, weil nach der Kreuzi gung des Herrn Alles erschüttert wurde, zusammenschauernd über die Frechheit der ruchlosen Juden, und unfähig, die dem Herrn zugefügte Schmach zu ertragen; am Abend, indem ihr Gott danket, daß er euch zum Ausruhen von den Mühen des Tages die Nacht gegeben hat; in der Stunde des Hahngeschrei's, weil es die Stunde ist, welche den Anbruch des neuen Tages verkündigt zur Vollbringung der Werke des Lichtes."

1) Constit. VIII. 34.

Die sieben kanonischen Stunden.

In den Klöstern des Orients stieg späterhin die Zahl der sogenannten kanonischen Stunden oder Horen auf acht, indem noch das Completorium (Abends um 9 Uhr) und die Mitternacht dazu genommen wurden. Doch wurden die beiden leßteren bald wiederum zu einer Mitternachtsandacht vereinigt, und die griechischen Mönche halten demnach

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1) früh um 3 Uhr die Matine (Matutina, Mette),
2) früh um 6 Uhr die Prima,
3) früh um 9 Uhr die Tertia,

4) Mittags um 12 Uhr die Serta,

5) Nachmittags um 3 Uhr die Nona,

6) Abends um 6 Uhr die Vesper,

7) in der Nacht um 12 Uhr das Mesonyktion (die Vigilie), und die Feststellung von sieben Gebetsstunden schien um so mehr gerechtfertigt, da es Ps. 119, 164. heißt: „Ich lobe dich, Herr, des Lages siebenma I."

Diese tlösterliche Praris wurde auch bald bei den Mönchen im Occident eingeführt; nur wurde hier häufig entweder das mitternachtliche Nocturnum mit der Matutina zusammen früh um 3 Uhr, oder diese mit jenem zusammen in der Nacht um 12 Ühr, Abends um 9 Uhr aber das Completorium gehalten.

Die kirchliche Praris jedoch begnügte sich, was die Wochentage betraf, mit einer Früh- und Abendandacht, und nur am Sonnabend und an den Vorabenden von Festtagen wurden außerdem noch um Mitternacht die Vigilien gefeiert. Da aber dieser nächtliche Gottesdienst zu mancherlei Unfug eine nur zu günstige Gelegenheit darbot, so mußte schon das Concil zu Elvira (305) dem weiblichen Geschlechte die Theilnahme an der Vigilienfeier auf dem Kirchhofe untersagen, weil dort oft unter dem Vorwande der Andacht Schandthaten verübt würden." In späterer Zeit wurden die Vigilien, theils des eben erwähnten Unfugs wegen, theils darum, weil Viele nach der durchwachten Nacht am anderen Lage entweder gar nicht zur Kirche kamen oder dort einschliefen, nur an Weihnachten, Ostern und Pfingften gefeiert, und die zügellose Ausgelassenheit des gemeinen Volkes, das diese zur Andacht bestimmten Mitternachtsstunden nur zu gern zu Saufgelagen mißbrauchte, machte es nothwendig, daß auch diese Festvigilien nachmals mit dem Frühgottesdienst des Festtags selbst verbunden wurden. Ebenso hat auch die griechische Kirche die mitternachtliche Vigilienfeier nur beim Osterfest beibehalten, während die Vigilien zu den übrigen Festen am Nachmittage des vorhergehenden Tages gefeiert werden.

Zu Betreff der gewöhnlichen Sonntagsfeier wurde von den kanonischen Stunden die Vigilie mit der Matutina und Prima zusammen zum Frühgottesdienst, die Tertia mit der Sexta zum Hauptgottesdienst und die Rona mit der Vesper zum Nachmittagsgottesdienst bestimmt, und dieser dreifache Gottesdienst hat sich, wenigstens in den Hauptkirchen, bei allen Confeffionen erhalten.

Bei der Frühandacht wurde im Alterthum außer den übrigen, der

Früh- und Nachmittagsgottesdienst.

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Reihe nach vom ersten bis zum legten, gesungenen Psalmen, als fest= stehendes Morgenlied der 63. Psalm gesungen. Dann folgten die Gebete für die noch nicht getauften Katechumenen, für die geisteskranfen Energumenen, für die in der Kirchenbuße stehenden Pönitenten und für die Gläubigen. Hierauf sprach der Bischof das Morgengebet, worauf das Vaterunser folgte, und zum Schluß entließ der Bischof das Volk mit dem Morgensegen. Ganz ähnlich war die Abendandacht, bei welcher als feststehendes Abendlied der 141. Psalm gesungen wurde, und da fie in der Regel, namentlich in den Kirchen kleinerer Städte, eine bloße Betstunde ohne Predigt war, so hielt es Mancher nicht erst für nothwendig, in die Kirche zu kommen. Warum," wendet bei Chrysostomus 1) Einer ein, soll ich in die Kirche gehen, wenn ich Niemanden predigen höre ?" und der Kirchenvater giebt darauf die merkwürdige Antwort:,,Gerade eine solche Ausicht ist überaus nachtheilig und verderblich. Wozu bedarf es denn eines Predigers? Nur unsere sorglose Trägheit hat ein solches Bedürfniß erzeugt. Wozu ist die Predigt nothwendig? In den heiligen Schriften ist Alles klar und deutlich; Alles, was zu wissen Noth thut, liegt in ihnen offen da. Aber weil ihr zu eurer Unterhaltung etwas hören wollt, darum fragt ihr nach einer Predigt. Sage mir doch, welchen rednerischen Schmuck brauchte denn- Paulus? und gleichwohl hat er den gan= zen Erdkreis zum Christenthum bekehrt. Welchen brauchte Petrus, der Ungelehrte? Ja, entgegnet man, ich weiß nicht, was in der Bibel steht. Und warum weißt du es nicht? Ift sie etwa hebräisch oder lateinisch oder in einer anderen fremden Sprache ist sie nicht vielmehr griechisch geschrieben? Aber, erwidert man, doch unverständlich. Wie denn unverständlich? Sind es nicht Erzählungen? Das Verständliche verstehst du, und nach dem Unverständlichen kannst du fragen. Es giebt unzählige Erzählungen in der heiligen Schrift, sage mir eine einzige von ihnen. Du weißt keine, und deine Einwürfe sind leeres und nichtiges Geschwätz."

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Daß er übrigens selbst Nachmittagspredigten gehalten hat, beweisen mehrere Stellen in seinen Homilien. So heißt es in der Homilie über die Gelaffenheit, mit der man den Tadel ertragen müsse": ,,Werdet nicht ungeduldig, wenn auch der Abend hereinbricht. Unsere ganze Rede gilt ja dem Apostel Paulus, dem Paulus, sage ich, der drei Jahre hindurch Tag und Nacht seine Schüler lehrte," und in seiner vierten Predigt über das 1. Buch Mose sagt er: „Ich predige hier über die heilige Schrift; ihr aber wendet die Augen von mir weg auf die Lichter und auf den, welcher sie anzündet. Von welch' einem Leichtsinn zeugt es, daß ihr eure Gedanken von mir auf ihn richtet? Auch ich zünde hier ein Licht an, nämlich das aus der heiligen Schrift ze." Gleiches wissen wir von Bafilius d. Gr. und von Auguftinus 2), der z. B. die Fortseßung seiner Erklärung des 89.

1) Chrysost. hom. 3. in 2. Thessal.

2) August. I. I. Ad reliqua psalmi, de quo in matutino locuti sumus, animum intendite et pium debitum exigíte,

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Frühpredigt.

Kirchliche Katechisationen.

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Psalms mit den Worten beginnt: Höret jest aufmerksam und mit Andacht das Uebrige von dem Psalm, über den ich heut Vormittags gesprochen habe."

In der katholischen Kirche ist mit der Morgenandacht meist auch eine Meßhandlung, die Frühmesse, verbunden 1), und da sie gewöhn= lich in sehr kurzer Zeit beendigt ist, so war sie von jeher nicht bloß bei dem Volke, das seiner Arbeit wegen für den Gottesdienst nicht viel Zeit übrig hatte, sondern auch bei den Vornehmeren, die denselben zwar nicht ganz versäumen, aber doch auch den größten Theil des Tages für sich haben wollten, sehr beliebt. Bekannt sind in dieser Beziehung die Sagdmessen der mittelalterlichen Zeiten, die der Ka= pellan des Morgens in aller Frühe halten und so schnell, als möglich, absolviren mußte, da man mit Ungeduld auf den Schluß wartete, um unter dem lustigen Hörnerklang und dem lauten Gebell der Hunde hinauszustürmen in das Dickicht des Waldes.

In den evangelischen Kirchen ist der hauptsächlichste Bestandtheil der sonntäglichen Frühandacht die Frühpredigt, in welcher vornehmlich denjenigen aus der Gemeine, welche für den übrigen Theil des Tages zu Dienstgeschäften verpflichtet sind, entweder die Hauptstücke des lutherischen Katechismus, oder die Epistel oder das Evangelium auf eine einfache und der beschränkteren Bildung angemessene Weise erklärt zu werden pflegt.

Am Nachmittage folgt auf die Nachmittagspredigt in vielen Kirchen eine katechetische Velehrung der Kinder; in anderen vertritt die Katechisation die Stelle der Predigt, und mit Dank hat es die neuere Zeit anzuerkennen, daß dieser ehedem sehr vernachlässigte Theil des Jugendunterrichtes jeht ein Gegenstand der sorgfältigsten Aufmerksamkeit geworden ist. Zwar hatte schon Luther das Katechisiren dringend anempfohlen, und bekannt ist seine Aeußerung: „Wenn ich Ordnun= gen in der Kirche zu machen hätte, ließe ich mir gefallen, daß man Keinen zum Diakon oder Pfarrer wählte, er hätte denn zuvor ein Jahr oder drei in Schulen neben den guten Künsten den Katechismus die Kinder fleißig gelehret und mit ihnen repetiret." Allein der von ihm angeregte Eifer erkaltete nur zu bald und die Katechisationen wurden entweder zu einem bloßen Abfragen und Hersagen der Hauptstücke 2), oder machten einer Katechismuspredigt Plaß, die dem an das

1) Am Nachmittage kann die Feier der Messe nicht stattfinden, weil der Priester nur nüchtern communiciren darf, und es von ihm nicht füglich verlangt werden kann, daß er bis dahin ohne alle Nahrung bleibe.

2),,Wann,“ heißt es in der Brandenburg. Agende vom Jahr 1572, „daran am höchsten gelegen, daß die liebe Jugend zeitlich und nur wohl in den Hauptstücken christlicher Lehre unterrichtet werde, soll der Katechismus Mittwochs und Freitags, wöchentlich allzeit nach der Vesper durchs ganze Jahr in Städten von Knaben frag= weis recitirt werden, und nach derselben Recitation „Erhalt uns Herr bei deinem Wort," Verleih uns Frieden gnädiglich gesungen und mit einer Collecte pro pace geschlossen werden. Auf den Dörfern soll alle Sonntage um 12 Uhr vom Pfarrberrn oder Küster den Leuten in der Kirche der Katechismus vorgelesen und bisweilen von Einem oder Mehreren, was sie darinnen studiret, erforscht werden.“

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