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men, sondern, was weit schlimmer wäre, eine fortwährende Aufforderung zu kritischen Bemerkungen und Warnungen gegen das meiner Meinung nach Verfehlte und Unbrauchbare enthalten haben. Ich finde trotz der Strenge, die man mir bisweilen beigelegt hat, und die ich wohl auch, wo es sich um Ausrottung wuchernden philologischen Unkrauts handelte, gezeigt haben mag, gar keine Freude an häufigem und herbem Tadel. Und doch geht mir die Geduld aus, wo ich emsigen Sammlerfleifs mit Unklarheit in den ersten Grundbegriffen gepaart finde (wie z. B. wenn man lehrt, die Römer hätten freilich im allgemeinen das Bürgerrecht als Voraussetzung der Senatorwürde betrachtet, jedoch nicht ganz selten Männern und Familien aus Munizipien Zutritt zum Senate gewährt), oder wo ich leichtfertige Hypothesen sich da in Einzelheiten ergehen sehe, wo jede feste Grundlage fehlt und wo der Gegenstand für die Erkenntnis des geschichtlichen Römerstaates ohne alles Interesse ist (wie z. B. das Detail des Heerwesens in der Königszeit), oder wo bei so einfachen Dingen, wie der zeitweiligen Unterbrechung der regelmässigen Rechtspflege bei grofser öffentlicher Gefahr oder Trauer, iustitium, durch weitläufige Deduction aus allgemeinen, den Römern fremden Sätzen herausgebracht wird, das iustitium sei eigentlich Aufhören und Aufhebung von Recht und Gesetz. Ich leugne nicht, dass theils infolge einer seit vielen Jahren gemachten Erfahrung über manche Erscheinungen der Speziallitteratur auf diesem Gebiete, theils infolge der mit den Jahren wachsenden Unlust, über Gegenstände, bei denen man sich in die Quellen vertieft hat, viele neue Bücher zu lesen, besonders wenn man wie ich mit fremden Augen und daher langsam liest, meine Kenntnisnahme der einschlagenden Spezialschriften der letzteren Jahre unvollständig geblieben ist, und dafs mir vielleicht auch Gutes entgangen ist. Was mir wahre Ausbeute zu versprechen schien, habe ich nicht unterlassen gewissenhaft, wie in früheren Jahren, zu benützen. Für den letzten Zeitabschnitt verdanke ich dem auf Godefroys und dann auf Savignys und Bethmann-Hollwegs Schultern ste

henden Walter Vieles; dafs mir in noch weiterem Umfange Marquardts fleifsige und sorgfältige Zusammenstellung des Stoffes, obschon sie einer, das Ganze durchdringenden und beherrschenden Selbständigkeit entbehrt, sehr nützlich gewesen ist, würde Unrecht sein zu verschweigen. Schade, dafs der Band, welcher den Grundorganismus des Staates und die Hauptfaktoren des republikanischen Staatslebens umfafst, nicht der neuen Bearbeitung theilhaft geworden ist. Es würde eine sonderbare Affektation sein, wenn ich in diesem Zusammenhange das Werk, welches sich als ein Bestandtheil der Arbeit Marquardts anschliefst, Mommsens römisches Staatsrecht unerwähnt liefse und nicht hier ausspräche, was man man aus vielen Stellen meines Buches, vielleicht mit minder wohlwollenden Zusätzen, herauslesen würde, dafs das Werk trotz sehr vieler verdienstlicher Einzelheiten mich doch im ganzen nicht befriedigt. Eine Darstellung des römischen Staatsrechts, die mit Übergehung des Volkes und des Senates mit der Magistratur anfängt, entbehrt der nöthigen Grundlage; kommt nun hierzu ein Bestreben, die in der Wirklichkeit hervortretenden Formen und Einrichtungen aus allgemeinen, dem Bewufstsein der Römer untergeschobenen Begriffen und Theorien abzuleiten, zumal so unbestimmten wie Kollegialität u. s. w., und noch dazu eine Neigung zu nicht ganz natürlichen oder besonnenen Kombinationen und Hypothesen, geht nothwendig daraus etwas Schiefes und Gekünsteltes hervor, selbst in der späteren geschichtlichen Zeit, wie es sich in der theoretischen Konstruktion der kaiserlichen Staatsverfassung zeigt, wie gern man auch den Scharfsinn und die aufserordentliche Gelehrsamkeit des Verfassers und seine ganz einzig dastehende Beherrschung des ganzen, ausserhalb der Litteratur liegenden monumentalen Stoffes anerkennt und bewundert. Wenn ich trotz Wenn ich trotz der im ganzen durchgeführten Nichterwähnung neuerer Schriften doch nicht habe unterlassen können, an manchen Orten auf solche Abweichungen von meiner Darstellung hinzuweisen, die eine gewisse Verbreitung haben und von einer nicht zu übersehenden Autorität gestützt werden, und nicht selten in der

gröfsten Kürze eine Widerlegung oder den Ausgangspunkt einer solchen anzudeuten, wird es natürlich gefunden werden, dafs diese Andeutungen, wo sie nicht althergebrachte Irrthümer betreffen, sehr häufig Niebuhr und Mommsen gelten. Dafs nicht ganz Wenige mir diese Andeutungen und Bemerkungen, womit ich hier über meine Stellung, diesen und anderen Männern gegenüber, Rechenschaft habe ablegen wollen, als Verkleinerung deutschen Verdienstes von seiten eines gehässigen Fremden anrechnen werden, sehe ich voraus, kann es aber durch Worte nicht abwenden. Ich bin immer zugleich ein warmer, obgleich nicht blinder Verehrer deutscher Wissenschaft und Bildung und ein ebenso eifriger Vertheidiger des Rechts und der Ehre meines Vaterlandes gewesen; aber in der Wissenschaft denke ich nicht an die Nationalität, sondern an die Wahrheit, möge auch vielleicht meine Auffassung vieler Phänomene einigermassen von dem Platze beeinflusst sein, von welchem aus ich, aufserhalb des Kreislaufs der deutschen Litteratur stehend, die sich da zeigenden Gestaltungen betrachte. Dafs ich ein Fremder bin, das wird auch, was ich sehr beklage, Verschiedenes in der Sprachform dieses Buches bezeugen; indem ich bei der Revision des deutschen Manuskriptes, welches eine deutsche Hand, weit von mir, entworfen hatte, Änderungen unternahm, habe ich, wie ich fürchte, hin und wieder Disharmonien und vielleicht Fehler hineingebracht. Ich spreche nicht von der Rechtschreibung; zu spät entdeckte ich, indem mir das Geschriebene und Gedruckte vorgelesen wurde, dafs man sich der in Preufsen für die Unterrichtsanstalten anbefohlenen Schreibweise bediente; nach der Entdeckung machte ich noch einigen Widerstand, der nachgerade ermüdete, aber ohne Zweifel störende Spuren hinterlassen hat. Diesen Mangel wird man wohl einem Verfasser, der seit mehr als fünf Jahren mit eigenen Augen nicht lesen und nur wenige und ganz kurze, dazu noch ihm und Anderen häufig unlesbare Aufzeichnungen machen kann, zugute halten, wenn er sonst in diesem Zustande Recht gehabt, ein Buch herauszugeben. Diese Entschuldigung möge dann auch bei andern

verwandten Mängeln gelten, z. B. bei gewissen Inkonsequenzen in der Citirweise und bei der Unterlassung nachsehen zu lassen (was schwerer ist als selbst nachzusuchen), ob diese oder jene nach anderen Quellen benutzte Inschrift schon in das corpus inscriptionum Latinarum aufgenommen sei. (Die grofsen publicistischen und juristischen Inschriften habe ich ausschliefslich nach Bruns: Fontes iuris Romani, vierte Ausgabe, citirt, welches Buch Allen zugänglich ist und wo sich die weiteren Nachweisungen finden.) Noch eine Bemerkung ist vielleicht nicht überflüssig. Es schien mir bei einem Werke dieser Art unzweckmäfsig, die aus früherer Zeit allgemein recipirten Fasten zu verlassen und mehr oder minder wahrscheinliche Berichtigungen aufzunehmen. Es ist für das Verstehen der Staatsverfassung und der Institute ganz gleichgültig, ob ein vor dem Jahre 300 v. Chr. fallendes Ereignis drei oder vier Jahre früher oder später eingetroffen sei, wenn nur die Reihenfolge des Zusammengehörigen nicht gestört wird. Einen Wunsch sei es mir noch erlaubt auszusprechen, nämlich dafs Diejenigen, die über dieses Werk urtheilen wollen, die in wenigen Monaten erfolgende Ausgabe des zweiten Bandes erwarten mögen, um darin die Betrachtung und Darstellung durch die Hauptseiten der Staatsverwaltung, die lokale Verwaltung der Theile des Reiches, das Rechtswesen, den Staatshaushalt, das Kriegswesen, den öffentlichen Kultus und noch einige im Alterthum minder hervortretende Gegenstände der öffentlichen Fürsorge durchgeführt zu sehen. Diesen Abschnitten werden. sich als Anhang einige Bemerkungen über die antiquarische Überlieferung bei einigen alten Hauptschriftstellern, besonders Livius und Dionysius, und ein Register anschliefsen.

Im März 1881.

J. N. Madvig.

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