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FRANZ BUECHELER

ZUGEEIGNET

Das vorliegende Werk reicht in seiner äufseren Entstehung

zurück bis in den Sommer 1894. Damals veranlafste mich die Interpretation des Minucius Felix in unserm philologischen Seminar, den eigenartigen Stil dieses Schriftstellers genauer zu prüfen, um ihn vor allen Dingen historisch zu begreifen. Dadurch kam mein schon längere Zeit gehegter Plan, der Entwicklungsgeschichte der antiken Kunstprosa nachzugehen, zur Reife. Ich wurde dabei unaufhaltsam nach rückwärts und vorwärts geführt; es dauerte geraume Zeit, bis ich in dem Labyrinth den leitenden Faden fand, dann aber lichtete sich das scheinbare Chaos und ich vermochte alles auf eine einfache Formel zu bringen. Das, was ich aus den vorhandenen Denkmälern selbst herauslas, fand ich auf meinem Wege allenthalben durch direkte Aussprüche antiker Zeugen bestätigt, so dafs sich mir im Lauf der Zeit das Ganze zu einem festgefügten Gebäude ausgestaltete.

Dafs dieses Gebäude solche Dimensionen annehmen würde, hatte ich nicht erwartet und selbst am wenigsten gewünscht. Die Furcht vor dem uέya Bußlíov war bei der Freude des Suchens und Findens das einzige störende Moment. Aber je weiter ich kam, desto mehr begriff ich, dafs sich das Thema nur auf breitestem Untergrunde behandeln lasse. Die Form der Darstellung ist im ganzen Altertum mit dem Inhalt so eng verwachsen gewesen, dafs die Kunstprosa recht eigentlich einen wesentlichen Teil der Litteraturgeschichte ausmacht. Ich mufste daher, wenn ich nicht bei Äufserlichkeiten stehen bleiben wollte, öfters weit ausholen. Gelegentlich ist dabei der Rahmen zu grofs für das Bild geworden, aber, wie ich hoffe, nur da, wo es sich um Beantwortung einschneidender prinzipieller Vorfragen handelte, z. B. betr. der Stellung sowohl der altchristlichen als auch der mittelalterlichen Litteratur zur antiken. Es kam hinzu, dass

der Stoff gelegentlich Proben verlangte, um durch sie das theoretisch Ausgeführte zu bestätigen und zur lebendigen Anschauung zu bringen.

Ich bin mir bewufst, keine in allen Einzelheiten abgeschlossene Geschichte der antiken Kunstprosa geschrieben zu haben. Das ist meiner Überzeugung nach vorläufig überhaupt noch nicht möglich, denn dazu fehlt uns eine Unzahl von Vorarbeiten, die ein Einzelner gar nicht zu liefern vermag. Ich habe vielmehr nur in grofsen Zügen den Gang des stetigen Fortlebens darstellen wollen, den die antike Kunstprosa in einem Zeitraum von 2000 Jahren genommen hat: litterar- und stilgeschichtliche Zusammenhänge zu ermitteln, die Theorie der kunstvoll gewählten Diktion im Geist der Antike selbst darzulegen, sind meine hauptsächlichen Ziele gewesen. Dafs man die poetische Litteratur der Antike nicht begreift ohne ein genaues Verständnis der Metrik, ist allgemein zugegeben; während wir daher in dieser Disziplin oft zu tieferer Erkenntnis vorgedrungen sind als ausgezeichnete Metriker des Altertums selbst, sind wir auf sehr vielen Gebieten des Prosarhythmus, einer der wesentlichsten Eigentümlichkeiten der antiken Kunstprosa, noch nicht so weit gekommen wie einzelne ganz untergeordnete antike Technographen. Und doch lässt sich hier vieles sicher beweisen, einiges freilich nur fühlen. Auf antikes Fühlen rechne ich daher auch bei meinen Lesern: wer nicht bedenkt, dafs 'Kunstprosa' im antiken Sinn sich oft mit demjenigen deckt, was wir Modernen als 'Manier' bezeichnen, und dafs daher vieles, was dem modernen Gefühl als schwülstig oder geziert erscheint, bei hervorragenden Stilkritikern des Altertums als erhaben oder zierlich gegolten hat, der versteht weder Thukydides und Tacitus, noch Isokrates und Cicero. Freilich hat die Antike auch auf dem Gebiet der kunstmässigen prosaischen Darstellung ein Ideal der Schönheit erreicht, das - frei von jeder Manier und, wie alle höchste Kunst, sich mehr verhüllend als zur Schau stellend in seiner hoheitsvollen Unnahbarkeit auch auf uns Moderne so wirkt wie die Poesie des Sophokles oder die Skulpturen des Parthenon; aber während der Ästhetiker im Schauen dieses Ideals seinen Schönheitssinn nährt und mit ihm abschliefst, will der Historiker den Weg ermitteln, der zu ihm emporgeführt und den es im Wandel der Zeiten genommen hat; der emporsteigende Weg ist

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