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mal voneinander abweichen 42), sondern überhaupt in den sonstigen chronologischen Angaben, die sich auf die römische Litteraturgeschichte und deren Träger beziehen. Dass dabei jedoch Cicero auch selbständig forscht 43) und das chronologische Material seinen Zwecken entsprechend gehörig ver

arbeitet, versteht sich von selbst. § 10.

Zu dieser selbständigen Verarbeitung des historischen Materials nach seinen besonderen Zwecken gehört insbesondere 41) sowohl die überaus geschickte Gruppierung der Redner innerhalb der durch die Zeitfolge bestimmten Grenzen 45), als auch die Abwechselung, die er durch gelegentliche Besprechung allgemeiner Fragen in die geschichtliche Aufzählung zu bringen weiss. So teilt er in der vorgeschichtlichen Zeit, ehe er zu dem ersten Redner kommt, für den ein bestimmtes, namhaftes Zeugnis spricht, die Vorgänger desselben in zwei Kategorien und führt sie unter diesem Gesichtspunkte vor 46). In gleicher Weise stellt er in der geschichtlichen Zeit,

es nur angeht, Gruppen auf, die innerhalb eines Zeitabschnittes durch irgend ein Band, sei es als ältere und jüngere Zeitgenossen eines hervorragenden Redners 47) oder durch ihre Familien- 48) und sonstigen Lebensverhältnisse 49), durch Freundschaft 50) und Gleichheit der Gesinnung und Richtung 51), durch gleiche oder entgegengesetzte politische Thätigkeit52), durch gleiche Heimat 53) und gleiche Schicksale 54) miteinander ver

WO

.

42) wie hinsichtlich der Lebenszeit des Livius Andronicus Brut. 72 ut hic ait, quem nos sequimur. Die absichtliche Differenz über Coriolans Tod hat ihre besonderen Gründe, 8. Anm. 152.

43) wie Cicero mehrmals durch Berufung auf die alten Quellen andeutet 60 His enim consulibus, ut in veteribus commentariis scriptum est, Naevius est mortuus und er hält diese Bestimmung selbst der Autorität eines Varro gegenüber aufrecht -; quamquam Varro noster, diligentissimus investigator antiquitatis, putat in hoc erratum vitamque Naevii producit longius. 72 nos in antiquis commentariis invenimus.

44) Hierher gehört auch die Hervorhebung solcher Jahre, die für die Geschichte der römischen Beredsamkeit epochemachend sind, z. B. 161 des Jahres der suasio legis Serviliae: his enim consulibus eam legem suasit, quibus nati sumus etc.

45) Brut. 74 Ego vero, inquit Brutus, et delector ista quasi notatione temporum et ad id quod instituisti, oratorum genera distinguere aetatibus, istam diligentiam esse accommodatam puto. 122 Nunc reliquorum oratorum aetates, si placet, et gradus persequamur.

46) Brut. 52–57.

47) Brut. 77 die älteren Zeitgenossen Catos; 78 u. 81 die jüngeren,

48) Brüder und Verwandte: die Mummii 94, die Aurelii 94, die Caepiones 97, die Fannii 99, die Memmii 136.

49) Kollegen im Amt 128, 135. 50) wie Laelius und Scipio 83.

51) wie die Stoiker Rutilius Rufus, Scaurus und Tubero 117, die accusatores 130 f., die Staatsreduer 222.

52) wie die Demagogen 223 ff.; die Gegner der Gracchen 95, 107 ff.; mit Galba gleich sein Ankläger Scribonius Libo 90, wie mit Crassus der Censor Domitius 165.

53) die Provinzialen 169.
54) die im Bürgerkrieg zwischen

bunden sind, oder sich in passender Weise unter einen gemeinsamen Gesichtspunkt zusammenstellen lassen. Schon dadurch wird der Ermüdung, die sich bei der Aufzählung so vieler Namen gar leicht einstellt, meist glücklich gewehrt; und wenn auch hin und wieder, wie das bei der Natur des Gegenstandes nicht wohl anders sein konnte, die Darstellung ein wenig skizzenhaft wird, so werden wir doch anderseits wieder durch die meisterhaften längeren Charakteristiken und Schilderungen, vor allen der grofsen Redner Antonius 55), Crassus 56), Hortensius 57), wie des Servius Sulpicius 58) und Ciceros selbst 54), die eigentlich die Hauptzierde des Buches ausmachen 6'), sehr reichlich entschädigt. In gleicher Weise dienen zur Belebung des Ganzen auch die vielfachen an passender Stelle eingestreuten Bemerkungen, sei es vergleichungsweise über die verschiedenen Kunststufen der griechischen Plastik und Malerei 61), oder über den Vorzug einer angeerbten Eleganz und Reinheit der Diktion und über die Wichtigkeit der Angewöhnung an eine gute Aussprache von Haus aus 62), über den höheren Wert des öffentlichen Redners und Staatsmannes im Vergleich mit dem Imperator oder Offizier 63) und noch manches andere.

Neben diesen kürzeren Bemerkungen sind es aber auch § 11. noch einige längere Exkurse, die ebenfalls nicht wenig dazu beitragen, der Darstellung die erforderliche Abwechselung und Frische zu geben. Zugleich verfolgt aber Cicero in diesen längeren Exkursen noch die andere höhere Tendenz, gewissen falschen Richtungen und Bestrebungen entgegenzutreten, die bereits damals aufkamen und zu dem späteren Verfall der römischen Beredsamkeit 64) unstreitig das Ihrige mit beigetragen haben. Durch den Einfluss der gelehrten alexandrinischen Poesie und Grammatik bildete sich in Rom unter ihren Verehrern nach und nach die Geschmacksrichtung derjenigen aus, die auch auf dem oratorischen Gebiete vorzugsweise an dem verstandesmässigen, überall mit bewusster Reflexion wohl künstlich, aber völlig schmucklos zubereiteten, an einem wohl glatten, aber dabei gedrängten Ausdruck Gefallen hatten. Sie verwarfen von diesem ihrem ästhetischen Stand

Caesar und Pompejus Gebliebenen 265–269.

55) Brut. 139–143.

56) Brut. 143 -- 150, 158—165, 197-199.

57) Brut. 301-304, 320-328.
58) Brut. 150–158.
59) Brut. 307–320.

60) Daneben sind jedoch auch noch die verhältnismässig längeren Charakteristiken des Laelius, Scipio

und Galba (83 -94), des Scaurus und Rutilius (110–117), des C. Gracchus (125—127), des Sulpicius und Cotta' (201 – 207),

des Calidius (274-279) und des Calvus (283 f.) sehr frisch und lebendig.

61) Brut. 70.
62) Brut, 210 f., 258 ff.
63) Brut, 255 ff.
64) Tusc. II 5. Tac, dial, de or. 1

u. W.

punkte aus allen höheren Schwung der Sprache und waren als Gegner jeder reicheren, volleren, erhabeneren Diktion mit einseitiger Vorliebe dem genus dicendi tenue zugethan. Als höchstes Muster galt ihnen unter den Griechen nicht sowohl Demosthenes (auf den Cicero immer hinwies 65)), als vielmehr Lysias und in gewisser Beziehung auch Thucydides, wie sie sich denn überhaupt gern allgemein als Attiker bezeichnen hörten 66). Bei der Einseitigkeit

, mit der viele dieser Richtung folgten, konnte es denn nicht ausbleiben, dass die Mehrzahl dieser Attiker in Wahrheit nicht attisch, sondern vielmehr nüchtern und trocken, kalt und farblos schrieb und redete 67). Dass sie nun mit dieser ihrer trockenen, nüchternen Redeweise, die höchstens auf den Verstand, nicht aber auf den Willen und das Gemüt zu wirken im stande war, beim Volke keinen Beifall fanden 68), ist leicht zu erklären. Aber weit entfernt, sich durch diese oft schmerzliche Erfahrung 69) belehren zu lassen, verwarfen sie vielmehr in stolzer Einbildung auf ihre vermeintlichen Vorzüge das Urteil des grossen Publikums und fanden in dem Beifall der ihnen günstigen gelehrten Kritiker und Ästhetiker 70), die ihren Standpunkt teilten, hinreichenden Ersatz. Gegen diese pseudoattische Richtung ist nun sowohl der längere, an die Charakteristik ihres hauptsächlichsten Vertreters geknüpfte Exkurs gerichtet 7'), als auch die an einer früheren Stelle 72) unmittelbar vor der Charakteristik der gefeierten Volksredner Cotta und Sulpicius eingefügte ausführlichere Erörterung über das richtige Verhältnis des Volksurteils zu der Kritik der gelehrten Ästhetiker, deren Zustimmung dem öffentlichen Redner den Beifall des Publikums, vor dem er zu

reden hat, keineswegs ersetzen kann 73). $ 12.

Cicero benutzt hier (wie im Orator 74) und de optimo genere oratorum 75)) zugleich die Gelegenheit, indirekt sich selbst gegen die Angriffe, die sein oratorischer Stil gerade von dieser Seite zu erleiden hatte, zu verteidigen und seinen Gegnern den von ihnen ausschliesslich für sich in Anspruch genommenen

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65) de opt. gen. or. 13. Ex quo intellegitur, quoniam Graecorum oratorum praestantissimi sunt ei qui fuerint Athenis, eorum autem prin. ceps facile Demosthenes, hunc si qui imitetur, eum et Attice dicturum et optime. Or. 23, 110 ff. Brut. 289.

66) Or. 23 qui aut dici se desi-
derant Atticos aut ipsi Attice vo-
lunt dicere.

67) Brut. 285. Tusc. II 3.
68) Brut. 289 cum isti Attici di-

cunt, non modo a corona, quod est
ipsum miserabile, sed etiam ab ad.
vocatis relinquuntur. 283. Tusc. II 3.

69) Brut, 192, 305.
70) Brut. 283.
71) Brut. 284—292.
72) Brut. 183—202.

73) Brut. 185, 290. Tusc. II 3 popularis est enim illa facultas et effectus eloquentiae est audientium approbatio.

74) Or. 23, 75 ff.
75) de opt. gen. or. 11 ff.

Vorzug 76) mit Recht streitig zu machen 77). Obwohl nämlich Cicero seine frühere Hinneigung zum s. g. asianischen Stil 78) nach seinem längeren Aufenthalt in Griechenland und Rhodus besonders durch Milos Einfluss bedeutend gemässigt79) und sich von da an vor allen den grossen athenischen Redner Demosthenes zum Muster genommen hatte, so fand er doch bei allen denen, die der oben geschilderten attischen Manier huldigten, begreiflicherweise wenig Beifall 80). Wenn Cicero den Rednern dieser Richtung Trockenheit und Mangel an Frische, Magerkeit und Dürftigkeit, Plattheit und allzugrosse Nüchternheit vorwarf, so rächte sich die stolze Zunft, die niemand anerkannte, der nicht ihren Grundsätzen zugethan war, ihrerseits damit, dass sie dagegen Ciceros Stil schwülstig und breit, zügellos und üppig, weichlich und unmännlich nannte. Daher dié Polemik gegen diesen Pseudoatticismus. Zudem sah Cicero aufs klarste ein, dass durch diese Richtung, wenn sie zur herrschenden würde, die römische Beredsamkeit nicht nur auf einen unvollkommenen, längst überwundenen Standpunkt zurückgedrängt werden, sondern auch ein ganz einseitiges, dem wirklichen Leben entfremdetes Gepräge erhalten müsste.

Dazu kam aber noch eine weitere Veranlassung. Unter § 13. den bedeutenderen rednerischen Persönlichkeiten der jüngeren Generation war es neben C. Licinius Calvus und anderen auch M. Junius Brutus, der in stilistischer Beziehung gleichfalls sich mehr zu der attischen Richtung hingezogen fühlte und daher die Ciceronianische Redeweise nicht immer billigte. Auch ihm war Cicero in seiner Sprache nicht immer markig und entschieden, energisch und kräftig genug, während Brutus hinwiederum seinem älteren Freunde trotz aller Eleganz des Ausdrucks oft zu reflektiert und trocken, zu abgebrochen und ungeschmeidig erscheinen mochte 81). So teilte Brutus weder

76) de opt. gen. or. 11 nonnul- exultantem ac paene, quod procul lorum sermo iam increbruit, par- absit, viro molliorem. Praecipue tim se ipsos Attice dicere, partim vero presserunt eum, qui videri neminem nostrum dicere.

Atticorum imitatores concupierant. 77) Brut. 284 (64 und 67); vgl. Haec manus quasi quibusdam sacris Or. 28.

initiata, ut alienigenam et parum 78) Brut. 316. Vgl. 51, 325. Or. 25. superstitiosum devinctumque illis 79) Brut. 316.

legibus insequebatur, unde nunc 80) Quint. XII 10, 12 ff. At M. quoque aridi et exsuci et exsangues. Tullium non illum habemus Euphra- Hi sunt enim, qui suae imbecillitati norem circa pluris artium species sanitatis appellationem, quae est praestantem, sed in omnibus, quae maxime contraria optendant: qui in quoque laudantur eminentissi- quia clariorem vim eloquentiae velut mum. Quem tamen et suorum ho- solem ferre non possunt, umbra mines temporum incessere audebant magni nominis delitescunt. ut tumidiorem et Asianum et red- 81) Tac. dial. de or. 18 Satis conundantem et in repetitionibus ni- stat ne Ciceroni quidem obtrectamium et in salibus aliquando frigi- tores defuisse, quibus inflatus et dum et in compositione fractum, tumens nec satis pressus, sed supra

Ciceros Vorliebe für Isokrates $2), noch konnte er sich mit dem klangvollen Rhythmus der Ciceronianischen Periode befreunden 83), während er dagegen nicht selten in den Fehler verfiel, die Worte so zu stellen, dass ein förmlicher Vers herauskam 84). Anderseits aber war es doch weder bei Brutus etwa Eifersucht und Rivalität oder Missgunst 85), sondern mehr sein angeborenes Temperament wie das Vorherrschen des Verstandes, die stoische Kälte und der Ernst seines Wesens, wodurch hauptsächlich die formelle Verschiedenheit seines oratorischen Stils von der Eigentümlichkeit Ciceros bedingt wurde; noch bei Cicero irgendwie Geringschätzung der oratorischen Befähigung des jüngeren strebsamen Mannes, sondern eben eine andere Gemütsbeschaffenheit und Geistesrichtung wie andere oratorische Grundsätze und Erfahrungen, die den Charakter seiner Rede bestimmten. Daher suchte Brutus nichtsdestoweniger bei dem Meister in der Redekunst Unterweisung und Rat 86), und Cicero war ebenso bereit, ihm wie anderen schon erwachsenen Männern 87) seine Erfahrungen und Ansichten mitzuteilen. Ja Cicero setzte gerade auf ihn die Hoffnung einer besseren Zukunft 88). Brutus war durch treffliche Naturanlagen,

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modum exsultans et superfluens et parum Atticus videretur. Legistis utique et Calvi et Bruti ad Ciceronem missas epistulas, ex quibus facile est deprehendere Calvum quidem Ciceroni visum exanguem et aridum, Brutum autem otiosum atque diiunctum, rursusque Ciceronem a Calvo quidem male audisse tamquam solutum et enervem, Bruto autem, ut ipsius verbis utar, tamquam fractum atque elumbem. Demgemäss war später Ciceros Urteil über Brutus' Rede in contione Capitolina ad Att. XV 1b, 2 est autem oratio scripta elegantissime sententiis, verbis ut nihil possit ultra: ego tamen si illam causam habuissem, scripsissem ardentius.

82) Or. 40 Horum aetati successit Isocrates, qui praeter ceteros eiusdem generis laudatur semper a nobis, nonnumquam, Brute, leniter et erudite repugnante_te.

83) Quint. XII 1, 22 Transeo illos, qui Ciceroni ac Demostheni ne in eloquentia quidem satis tribuunt, quamquam neque ipsi Ciceroni Demosthenes videatur satis esse perfectus, quem dormitare interim dicit, nec Cicero Bruto Calvoque, qui certe compositionem illius etiam

apud ipsum reprendunt. Vgl. ad Att. XIV 20, 3.

84) Quint. IX, 4, 76 f. Itaque et versus hi fere excidunt, quos Brutus ipso componendi durius studio saepissime facit. Brutus war ja auch Dichter (Tac. dialog. de or. 21) und hatte sich gewöhnt, bei jeder Gelegenheit Verse aus Homer und den griechischen Tragikern zu citieren, die ihm bei seinem glücklichen Gedächtnis und seiner fleissigen Lektüre stets reichlich zu Gebote standen.

85) Tac. dial. de or. 25 solum inter hos arbitror Brutum non malignitate nec invidia, sed simpliciter et ingenue iudicium animi sui detexisse.

86) ad Att. XIV 20, 3 cum ipsius (sc. Bruti) precibus paene adductus scripsissem ad eum de optimo genere dicendi Or. 1, 35.

87) ad Fam. IX 16,7; 18, 1. Sueton.'de rhet. 1. Quint. XII 11, 6. Brut. 23, 300.

88) Brut. 22 cum tibi aetas nostra iam cederet fascesque summitteret. Or, 110 cum dico me, te, Brute, dico, nam in me quidem iam pridem effectum est quod futurum fuit.

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