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wie durch unermüdlichen Fleiss und rege wissenschaftliche Thätigkeit vor vielen seiner Zeitgenossen ausgezeichnet 89); er hatte sich nach Ciceros Vorgang mit grossem Eifer dem Studium der griechischen Philosophie und Litteratur gewidmet 90) und bereits anerkennenswerte Proben seines oratorischen Talentes abgelegt91). Ausserdem erkennt Cicero trotz ihrer gegenseitigen Verschiedenheit doch anderseits wieder eine gemeinsame Grundrichtung 92), nach der Brutus, wenn sie in die rechten Bahnen gelenkt würde, in Zukunft etwas Grosses leisten müsste. Was lag unter diesen Umständen näher, als dass Cicero nicht allein in dem Werk, das er direkt an ihn richtete, dem Orator, sondern auch in dem kurz zuvor geschriebenen Brutus wiederholt auf die falschen, einseitigen Richtungen der modernen Attiker näher einging und ihre unberechtigten Prätensionen wie ihre Inkonsequenzen und Verirrungen darlegte!

Ist doch die ganze Entwickelungsgeschichte der römischen § 14. Beredsamkeit, wie sie Cicero in seinem Brutus darlegt, ein lautredendes Zeugnis gegen die Einseitigkeit und Beschränktheit dieser modernen Attiker. Die Mannigfaltigkeit der zahlreichen römischen Redner, die Meisterschaft der grossen Redner Crassus und Antonius, lange bevor dieser Neuatticismus aufgetaucht ist, die thatsächliche Erfahrung, dass diese Attiker kein Mensch hören mag, Ciceros eigener Entwickelungsgang durch verschiedene Stufen hindurch und seine vielseitige oratorische Ausrüstung – sind das nicht lauter beredte Warnungen vor der abstrakten, einseitigen, modernen Alleinbetonung des Attischen, das noch nicht einmal das rechte Attisch ist! Dieser pseudoattischen Richtung gegenüber soll Brutus auf die rechten Muster unter den Griechen, vor allen auf Demosthenes, wie unter den Römern auf die epochemachenden Redner der Nation sehen und überall das Ideal des wahren Redners vor Augen haben. Auf diesen höheren Standpunkt soll er sich stellen, nach dem Höchsten soll er trachten, damit sein Name in der Geschichte der römischen Beredsamkeit an die grossen Namen eines Crassus, Antonius, Hortensius sich würdig anreihe 93).

Um dieser Stellung willen, die Brutus nach Ciceros Wunsch $ 15. und Hoffnung dereinst in der Geschichte der römischen Bered

89) 8. Anm. 133. 90) s. Anm. 134. 91) 8. Anm. 127.

92) wie die Späteren auch, nur dass man diese allgemeine Gleichartigkeit des oratorischen Charakters noch auf andere Redner mit ausdehnte. Tac. dial. de or. 25 nec refert quod inter se specie differunt,

cum genere consentiant: astrictior
Calvus gravior Brutus, vehemen-
tior et plenior et valentior Cicero;
omnes tamen eandem sanitatem elo-
quentiae ferunt, ut si omnium pa-
riter libros in manum sumpseris,
scias, quamvis in diversis ingeniis,
esse quandam iudicii ac voluntatis
similitudinem et cognationem.

93) Brut. 332.

samkeit einnehmen soll, hat denn auch Cicero seiner Schrift den bedeutungsvollen Titel Brutus gegeben 94). Er selbst jedoch ist die Hauptperson und der eigentliche Träger des Ganzen. Wen hätte auch Cicero anders zum Vertreter einer solchen geschichtlichen Darstellung der römischen Beredsamkeit von ihren ersten unvollkommenen Anfängen bis zu der Höhe der Vollendung in der Gegenwart wählen können, als sich selbst, der allein auf diesem Höhepunkt stand und von da aus freien Blickes auf die vorausgehenden Entwickelungsstufen und Perioden der römischen Redekunst zurückblicken konnte? Wem hätte er ferner die ästhetisch-kritische Beurteilung und Charakteristik der verschiedenen Redner aller Zeiten zuweisen sollen, als wieder sich selbst, der nach seiner natürlichen Begabung, wie nach seiner wissenschaftlichen Bildung und reichen Erfahrung eines langen, vielbewegten Lebens mit der für eine solche Kritik erforderlichen Fähigkeit ausgerüstet war, wie ausser ihm keiner? Cicero besafs für seine Person die Eigenschaften eines wahren Redners in höherem Masse, als irgend einer seiner Zeitgenossen: wer sollte sie demnach besser auch an anderen erkennen und schildern können, als er selbst? Cicero hatte für seine Person mit den unzähligen Schwierigkeiten gerungen, die zur Erreichung des hohen Zieles überwunden werden mussten, wie keiner: wer wäre daher mehr im stande gewesen, nun auch das auf das gleiche Ziel gerichtete Ringen und Streben anderer mit Gerechtigkeit

cum

94) Or. 23. de div. II 4. Quintil. X 1, 38. Sueton. Caes. 57. Der Titel de claris oratoribus, welcher sich meist daneben befindet, entbehrt jedes Zeugnisses aus dem Altertume, sowie jeder handschriftlichen Autorität. Er findet sich zuerst in der Italia illustrata des Flavius Blondus: Nos vero publicis patriae tractandis negotiis adolescentes Mediolanum adiissemus, Brutum de Claris Oratoribus' primi omnium mirabili ardore ac celeritate transcripsimus (Detlefsen, Verhandl. der 27. Vers. d. Phil. u. Schulm. in Kiel 1870, S. 98). Kurz vorher jedoch lesen wir bei der Inhaltsangabe des Laudensis ebendaselbst: Continebat is codex

Brutum de Oratoribus claris' etc. und ebenso in der Subscriptio des Ottob. 1592 & Brutus 'de oratoribus claris’. M. T. Ciceronis. Vgl. Heerdegen in Fleckeis. Jahrb. 1884, 107. Daraus ergiebt sich, dass Blondus damit nicht einen durch die Mutter

handschrift überlieferten Titel an-
führte, sondern einen oberfläch-
lichen, ja unrichtigen Hinweis auf
den Inhalt der Schrift selbst gab.
Oberflächlich ist er, weil diese nicht
von den berühmten Rednern allein,
sondern von den Rednern über-
haupt handelt (Sueton. Caes. 56
Cicero ad M. Brutum oratores'
enumerans), unrichtig, weil er der
von Cicero mehrfach ausgesproche-
nen Tendenz der Schrift wider-
spricht. Vgl. 137, 180, 244, 270, 299
und 332: effice ut te eripias 'ex
ea, quam ego congessi in hunc ser-
monem, turba patronorum
rari in vulgo patronorum’ und si
quidem similes 'maioris partis ora-
torum futuri sumus? etc. In der
Überschrift des Mutinensis VI D 6

Brutus hat der Schreiber, welcher den zweiten Titel bereits als wesenlos erkannt hatte, aus ihm de illustribus oratoribus gemacht. Vgl. Stangls Ausg. des Br.

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zum

p. XX.

zu würdigen und auch da gern anzuerkennen, wo noch manches zu wünschen übrigblieb. Cicero hatte für seine Person einen so vollständigen oratorischen Entwickelungsgang durchgemacht und die hauptsächlichsten Richtungen und Gegensätze an sich selbst so erfahren, wie gleichfalls in dem Grade keiner neben ihm: wem hätte also besser die Rolle zuerteilt werden mögen, die verschiedenen Stufen und Richtungen zu charakterisieren und vor einseitigen Tendenzen zu warnen, als eben ihm ? Endlich an lebendigem Interesse für die Redner seines Volks, an eifrigem und sorgfältigem Studium wie an oratorischem Verständnis der griechischen und römischen Quellen 95) für die Geschichte der griechischen und römischen Beredsamkeit kam ihm niemand gleich: darum durfte auch den Vortrag dieser Geschichte niemand anders haben als er selbst.

Doch wenn Cicero auch die Hauptperson ist, so ist er $ 16. doch hier noch nicht (wie im Orator) die einzige; Cicero hat vielmehr im Brutus noch aus ästhetischen und anderen Gründen mit sicherem Takt die dialogische Form gewählt. Einmal nämlich verlieh Cicero durch diese dialogische Form mehr noch als durch die oben erwähnten Exkurse seiner Darstellung eine grössere Lebendigkeit. Die Aufgabe der Schrift war, die lange Reihe der römischen Redner vorzuführen und sie nach ihrer oratorischen Eigentümlichkeit zu charakterisieren. Wäre bei einem solchen Stoffe nun der Faden ohne alle Unterbrechung fortgesponnen, so hätte sich trotz der Digressionen ine ermüdende Einförmigkeit schwerlich ganz vermeiden lassen. Durch die dialogische Form aber wird dieser Gefahr glücklich begegnet: sie macht es dem Schriftsteller möglich, nicht nur an geeigneten Stellen Ruhepunkte eintreten zu lassen, sondern auch durch eingelegte Fragen der Mitunterredner das Ganze zu beleben und durch sie gelegentlich die Anregung zu geben, einmal zur Erholung und Erfrischung den geschichtlichen Faden auf einige Augenblicke fallen zu lassen und die Aufmerksamkeit auf einen anderen naheliegenden Punkt aus dem Gebiet der Beredsamkeit zu richten. Die dialogische Form bot aber noch andere Vorteile dar. Zunächst liels sich der pädagogische Zweck, den Cicero neben dem historischen verfolgte 96), am einfachsten und leichtesten erreichen, wenn dem Meister in der Beredsamkeit ein empfänglicher und lernbegieriger Jünger gegenübertrat, an den sich die nötig erachtete Belehrung und Ermahnung persönlich richten konnte. Von grosser Wichtigkeit war sodann weiter dies : Cicero wollte mit der Aufzählung so vieler verhältnismässig unbedeutender römischer Redner zugleich beweisen, dass es mit der Redekunst keine leichte Sache 95) Er hat alles gelesen, was 150 Reden. Brat. 65. Vgl. 124,

oratorischen Litteratur ge- 300. hört, von Cato allein mehr als 96) s. Anm. 35.

:

zur

Cic. BRUT. 3. Aufl.

sei und daher im ganzen nur sehr wenige einen höheren Grad von Vollkommenheit erreicht haben 97). Durch nichts aber konnte Cicero diesen Hauptgesichtspunkt so scharf und klar hervortreten lassen, als wenn er einer dazu geeigneten Persönlichkeit eine darauf gerichtete Kritik in den Mund legte, die zu wiederholten Malen hinlängliche Veranlassung bot, auf bestimmtes Festhalten jenes Gesichtspunktes zu dringen. Einer solchen Persönlichkeit bedurfte es aber auch, um noch einen anderen Konflikt zu beseitigen. Da Cicero durch seine Geschichte der römischen Beredsamkeit zugleich die jüngere Generation zu dem Studium der älteren römischen Redner zu reizen beabsichtigte: so musste er besonders den enragierten einseitigen Attikern gegenüber diese ältere römische Litteratur der Beredsamkeit in das möglichst günstigste Licht stellen und ihre relative Ebenbürtigkeit mit der griechischen besonders hervorheben. Anderseits aber war doch auch Cicero wieder von dem höheren Stand der Griechen im Vergleich mit den älteren römischen Rednern überzeugt. Was war da passender, um uns auch in dieser Beziehung den rechten Standpunkt anzuweisen, als dass Cicero nach der Weise der akademischen Philosophie gegen seine eigene Schilderung am rechten Ort von einem der Mitunterredner in geeigneter Weise Einsprache erheben liess? Doch die dialogische Form leistet noch einen weiteren wesentlichen Dienst. Cicero hatte sich aus guten Gründen entschlossen, der Lebenden unter seinen Zeitgenossen keine Erwähnung zu thun 98). Gleichwohl verlangte es anderseits die Tendenz der Schrift, bis auf den Höhepunkt, den die Beredsamkeit in Ciceros Person erreichte 99), vorzuschreiten und demgemäss notwendigerweise einzelne unter den Lebenden zu berühren. Seinem Plan nun nicht untreu zu werden und anderseits doch die geforderte Vollständigkeit nicht zu beeinträchtigen, dazu verhilft ihm die dialogische Form: Cicero übernimmt nicht selbst die ausnahmsweise Schilderung der wenigen lebenden Redner der Gegenwart, sondern weist die Charakteristik derselben je einem der beiden Mitunterredner zu. Was aber Ciceros eigene oratorische Bedeutung anbelangt, so überlässt er deren Anerkennung gleichfalls seinen Freunden, höchstens dass er auf besonderen Wunsch die freilich sehr schwerwiegende Schilderung seines oratorischen Bildungsgangs für seine Person übernimmt. Endlich bot die dialogische Form auch leicht und ungezwungen die Gelegenheit dar, mehrmals auf die politische Situation der Gegenwart anzuspielen und durch die gleichmässigen Ausserungen der Freunde 100) anzudeuten,

97) Brut. 137, 182, 244, 270, 299. 98) Brut. 231, 244. Quint. X 1, 38. 99) Quint. XII 1, 20 stetisse ipsum

(sc. Ciceronem) in fastigio eloquentiae fateor.

100) Brut, 157, 250, 266.

dass Cicero mit seiner Klage 101) über das Unglück, das den Staat infolge des Bürgerkriegs zwischen Caesar und Pompejus betroffen habe, doch nicht allein stehe.

Diese politische Situation, die gleichsam den Hinter- $ 17. grund zu unserem Dialog bildet, war aber für Cicero und seine Gesinnungsgenossen nichts weniger als erfreulich. Cicero war seit der Abreise in seine Provinz Cilicien, also seit Anfang Mai 51 von der ersehnten Hauptstadt Italiens getrennt; denn auch als er nach Beendigung seines Prokonsularjahres und der Rückkehr nach Italien (Ende November 50) zu Anfang Januar d. J. 49_vor Rom anlangte, durfte er bei seinen Ansprüchen auf den Triumph als Imperator in die Stadt selbst nicht kommen. Dann brach der Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompejus aus und Cicero übernahm zeitweise den Oberbefehl über die Truppen an der Seeküste von Campanien, bis Pompejus im März sich nach Griechenland einschiffte und Caesar vorerst gegen Pompejus' Legaten in Spanien zu ziehen und so im Westen reine Bahn zu machen beschloss. Zuvor jedoch ging Caesar nach Rom, um da die nötigen Anordnungen zu treffen und so viel Optimaten als möglich, besonders auch Cicero, für die Anerkennung seiner Herrschaft zu bewegen. Ciceró befand sich damals auf seinem Formianum; hier besuchte ihn Caesar, um ihn für seine Sache zu gewinnen; aber noch mochte sich Cicero von Pompejus und der Senatspartei nicht lossagen, die Unterredung endete ohne Erfolg und Caesar gab ihm Bedenkzeit. Im April d. J. 49 zog Caesar nach Spanien – und im

. Juli endlich nach monatelangem Zögern und Schwanken setzte Cicero mit seinen Liktoren nach Dyrrhachium über. Hier aber im Lager des Pompejus wurde er sehr enttäuscht, nichts entsprach seinen Erwartungen und auf seinen Rat zum Frieden wurde natürlich nicht gehört. Unterdessen siegte Caesar in Spanien, ward noch während seiner Abwesenheit zum Diktator ernannt, eilte dann nach Rom, wo er nach Niederlegung der Diktatur die Konsulwürde erhielt, und nahm nun den Entscheidungskampf gegen Pompejus auf. Caesar siegte bei Pharsalus am 9. August 48 und wurde zum zweitenmale während seiner Abwesenheit zum Diktator auf ein Jahr gewählt. Cicero, der während der Schlacht in Dyrrhachium geblieben war, kehrte auf die Unglücksbotschaft, noch immer von seinen Liktoren begleitet, nach Brundisium zurück und verlebte hier voll banger Erwartung, was da kommen werde, bis zum September 47 eins der traurigsten Jahre seines Lebens. Aus dieser trostlos kummervollen Lage in Brundisium befreite ihn erst Caesars Ankunft in Italien. Cicero begrüsste den zurückkehrenden Sieger in Tarent; Caesar zeigte sich zuvorkommend gegen ihn und er

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101) Brut. 2 und 4, 7, 251, 266, 330.

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