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drinischen Poesie und Grammatik bildete sich in Rom unter ihren Verehrern nach und nach die Geschmacksrichtung derjenigen aus, die auch auf dem oratorischen Gebiete vorzugsweise an dem verstandesmässigen, überall mit bewusster Reflexion wol künstlich, aber völlig schmucklos zubereiteten, an einem wol glatten, aber dabei gedrängten Ausdruck Gefallen hatten. Sie verwarfen von diesem ihrem ästhetischen Standpunkte aus allen höheren Schwung der Sprache und waren als Gegner jeder reicheren, volleren, erhabeneren Diction mit einseitiger Vorliebe dem genus dicendi tenue zugethan. Als höchstes Muster galt ihnen unter den Griechen nicht sowol Demosthenes (auf den Cicero immer hinwies 65)), als vielmehr Lysias und in gewisser Beziehung auch Thucydides, wie sie sich denn überhaupt gern allgemein als Attiker bezeichnen hörten 66). Bei der Einseitigkeit, mit der viele dieser Richtung folgten, konnte es denn nicht ausbleiben, dass die Mehrzahl dieser Attiker in Wahrheit nicht attisch, sondern vielmehr nüchtern und trocken, kalt und farblos schrieb und redete 67). Dass sie nun mit dieser ihrer trockenen, nüchternen Redeweise, die höchstens auf den Verstand, nicht aber auf den Willen und das Gemüt zu wirken im Stande war, beim Volke keinen Beifall fanden 68), ist leicht zu erklären. Aber weit entfernt, sich durch diese oft schmerzliche Erfahrung 69) belehren zu lassen, verwarfen sie vielmehr in stolzer Einbildung auf ihre vermeintlichen Vorzüge das Urteil des grossen Publikums und fanden in dem Beifall der ihnen günstigen gelehrten Kritiker und Aesthetiker70), die ihren Standpunkt theilten, hinreichenden Ersatz. Gegen diese pseudoattische Richtung ist nun sowol der längere, an die Charakteristik ihres hauptsächlichsten Vertreters geknüpfte Excurs gerichtet 71), als auch die an einer früheren Stelle 72) unmittelbar vor der Charakteristik der gefeierten Volksredner Cotta und Sulpicius eingefügte ausführlichere Erörterung über das richtige Verhältnis des Volksurteils zu der Kritik der gelehrten Aesthetiker, deren Zustimmung dem öffentlichen Redner den Beifall des Publikums, vor dem er zu reden hat, keineswegs ersetzen kann 73).

65) de opt. gen. or. 4, 13. Ex quo intellegitur, quoniam Graecorum oratorum praestantissimi sunt ei qui fuerunt Athenis, eorum autem princeps facile Demosthenes, hunc si quis imitetur, eum et Áttice dicturum et optime. Or. 7, 23; 31, 110 ff. Brut. 84, 289.

66) Or. 7, 23 qui aut dici se desiderant Atticos aut ipsi Attice volunt dicere.

67) Brut. 82, 285, Tusc. II 1, 3,

68) Brut. 84, 289 cum isti Attici dicunt, non modo a corona, quod est ipsum miserabile, sed etiam ab advocatis relinquuntur. 82,283. Tusc. II 1,3.

69) Brut. 51, 192'; 89, 305.
70) Brut. 82, 283.
71) Brut. 82, 284–85, 292.
72) Brut. 49, 183–55, 102.

73) Brut. 49, 185; 84, 290. Tusc. II 1, 3 popularis est enim illa facultas et effectus eloquentiae est audientium approbatio.

Cicero benutzt hier (wie im Orator74)) und de optimo genere $ 12. oratorum75)) zugleich die Gelegenheit, indirect sich selbst gegen die Angriffe, die sein oratorischer Stil gerade von dieser Seite zu erleiden hatte, zu vertheidigen und seinen Gegnern den von ihnen ausschliesslich für sich in Anspruch genommenen Vorzug 76) mit Recht streitig zu machen 77). Obwol nämlich Cicero seine frühere Hinneigung zum s. g. asianischen Stil78) nach seinem längeren Aufenthalt in Griechenland und Rhodus besonders durch Milos Einfluss bedeutend gemässigt79) und sich von da an vor allen den grossen athenischen Redner Demosthenes zum Muster genommen hatte, so fand er doch bei allen denen, die der oben geschilderten attischen Manier huldigten, begreiflicher Weise wenig Beifall 80). Wenn Cicero den Rednern dieser Richtung Trockenheit und Mangel an Frische, Magerkeit und Dürftigkeit, Plattheit und allzugrosse Nüchternheit vorwarf, so rächte sich die stolze Zunft, die Niemanden anerkannte, der nicht ihren Grundsätzen zugethan war, ihrerseits damit, dass sie dagegen Ciceros Stil schwülstig und breit, zügellos und üppig, weichlich und unmännlich nannte. Daher die Polemik gegen diesen Pseudoatticismus. Zudem sah Cicero aufs klarste ein, dass durch diese Richtung, wenn sie zur herschenden würde, die römische Beredsamkeit nicht nur auf einen unvollkommenen längst überwundenen Standpunkt zurückgedrängt werden, sondern auch ein ganz einseitiges, dem wirklichen Leben entfremdetes Gepräge erhalten müsste.

Dazu kam aber noch eine weitere Veranlassung. Unter $ 13. den bedeutenderen rednerischen Persönlichkeiten der jüngeren Generation war es neben C. Licinius Calvus und andern auch M. Junius Brutus, der in stilistischer Beziehung gleichfalls sich mehr zu der attischen Richtung hingezogen fühlte und daher die Ciceronianische Redeweise nicht immer billigte. Auch ihm war Cicero in seiner Sprache nicht immer markig und entschieden, energisch und kräftig genug, während Brutus hin

74) Or. 7, 23; 23, 75 ff.
75) de opt. gen. or. 4, 11 ff.

76) de opt. gen. or. 4, 11 nonnullorum sermo iam increbuit, partim se ipsos Attice dicere, partim neminem nostrum dicere.

77) Brut. 82, 284 (16, 64 und 67); vgl. Or. 9, 28.

78) Brut. 91, 316. Vgl. 13, 51; 95, 325. Or. 8, 25.

79) Brut. 91, 316.

80) Quint. XII 10, 12 ff. At M. Tullium non illum habemus Euphranorem circa plurium artium species praestantem, sed in omnibus, quae in quoque laudantur eminentissi

mum. Quem tamen et suorum ho-
mines temporum incessere audebant
ut tumidiorem et Asianum et red-
undantem et in repetitionibus ni-
mium et in salibus aliquando fri-
gidum et in compositione fractum,
exultantem ac paene, quod procul
absit, viro molliorem. - Praecipue
vero presserunt eum, qui videri
Atticorum imitatores concupierunt.
Haec manus quasi quibusdam sacris
initiata, ut alienigenam parum stu-
diosum devinctumque illis legibus
insequebantur; unde nunc quoque
aridi et exsucci et exsangues. Hi
sunt enim, qui suae imbecillitati

wiederum seinem älteren Freunde trotz aller Eleganz des Ausdrucks oft zu reflectiert und trocken, zu abgebrochen und ungeschmeidig erscheinen mochte 81). So theilte Brutus weder Ciceros Vorliebe für Isokrates 82), noch konnte er sich mit dem klangvollen Rhythmus der Ciceronianischen Periode befreunden83), während er dagegen nicht selten in den Fehler verfiel, die Worte so zu stellen, dass ein förmlicher Vers herauskam 84). Andererseits aber war es doch weder bei Brutus etwa Eifersucht und Rivalität oder Misgunst 85), sondern mehr sein angeborenes Temperament wie das Vorherschen des Verstandes, die stoische Kälte und der Ernst seines Wesens, wodurch hauptsächlich die formelle Verschiedenheit seines oratorischen Stils von der Eigentümlichkeit Ciceros bedingt wurde; noch bei Cicero irgendwie Geringschätzung der oratorischen Befähigung des jüngeren strebsamen Mannes, sondern eben eine andere Gemütsbeschaffenheit und Geistesrichtung wie andere oratorische Grundsätze und Erfahrungen, die den Charakter seiner Rede bestimmten. Daher suchte Brutus nichts desto weniger bei dem Meister in der Redekunst Unterweisung und Rat86), und Cicero war ebenso bereit, ihm wie andern schon erwachsenen

sanitatis appellationem, quae est nobis, nonnumquam, Brute, leniter maxime contraria obtendunt; qui et erudite repugnante te. quia clariorem vim eloquentiae ve- 83) Quint. XII 1, 22 Transeo illos, lut solem ferre non possunt, umbra qui Ciceroni ac Demostheni ne in magni nominis delitescunt.

eloquentia quidem satis tribuunt, 81) Tac, dial, de or. 18 Satis con- quamquam neque ipsi Ciceroni Destat, ne Ciceroni quidem obtrecta

mosthenes videatur satis perfectus, tores defuisse, quibus inflatus et

quem dormitare interim dicit, nec tumens nec satis pressus, sed supra

Cicero Bruto Calvoque, qui certe modum exsultans et superfluens et compositionem illius etiam apud ipparum antiquus videretur. Legistis sum reprehendunt. Vgl. ad Att. XIV utique et Calvi et Bruti ad Cicero- 20, 3. nem missas epistulas, ex quibus 84) Quint. IX 4, 75 f. Itaque et facile est deprehendere, Calvum versus hi fere excidunt, quos Brutus quidem Ciceroni visum exsanguem ipso componendi ductus studio saeet aridum, Brutum autem otiosum pissime facit. Brutus war ja auch atque diiunctum; rursusque Cicero- Dichter (Tac. dialog. de or. 21) und nem a Calvo quidem male audisse hatte sich gewöhnt, bei jeder Getamquam solutum et enervem, a legenheit Verse aus Homer und den Bruto antem, ut ipsius verbis utar, griechischen Tragikern zu citieren, tamquam fractum atque elumbem. die ihm bei seinem glücklichen GeDemgemäss war später Ciceros Ur- dächtnis und seiner fleissigen Lecteil über Brutus Rede in contione türe stets reichlich zu Gebote stanCapitolina ad Att. XV 16, 2 est au- den. tem oratio scripta elegantissime 85) Tac. dial. de or. 25 solum inter sententiis, verbis ut nihil possit ul- hos arbitror Brutum non malignitra: ego tamen si illam causam ha- tate nec invidia, sed simpliciter buissem, scripsissen ardentius.

et ingenue iudicium animi sui de82) Or. 13, 40 Horum aetati suc

texisse. cessit Isocrates, qui praeter ceteros 86) ad Att. XIV 20, 3 cum ipsius eiusdem generis laudatur semper a (sc. Bruti) precibus paene adductus.

Männern 87) seine Erfahrungen und Ansichten mitzutheilen. Ja Cicero setzte gerade auf ihn die Hoffnung einer besseren Zukunft88). Brutus war durch treffliche Naturanlagen, wie durch unermüdlichen Fleiss und rege wissenschaftliche Thätigkeit vor vielen seiner Zeitgenossen ausgezeichnet'); er hatte sich nach Ciceros Vorgang mit grossem Eifer dem Studium der griechischen Philosophie und Literatur gewidmet90) und bereits anerkennenswerte Proben seines oratorischen Talentes abgelegt91). Ausserdem erkennt Cicero trotz ihrer gegenseitigen Verschiedenheit doch andererseits wieder eine gemeinsame Grundrichtung92), nach der Brutus, wenn sie in die rechten Bahnen gelenkt würde, in Zukunft etwas Grosses leisten müsste. Was lag unter diesen Umständen näher, als dass Cicero nicht allein in dem Werk, das er direct an ihn richtete, dem Orator, sondern auch in dem kurz zuvor geschriebenen Brutus wiederholt auf die falschen einseitigen Richtungen der modernen Attiker näher eingieng und ihre unberechtigten Prätensionen wie ihre Inconsequenzen und Verirrungen darlegte!

Ist doch die ganze Entwickelungsgeschichte der römischen $ 14. Beredsamkeit, wie sie Cicero in seinem Brutus darlegt, ein lautredendes Zeugnis gegen die Einseitigkeit und Beschränktheit dieser modernen Attiker. Die Mannigfaltigkeit der zahlreichen römischen Redner, die Meisterschaft der grossen Redner Crassus und Antonius lange bevor dieser Neuatticismus aufgetaucht ist, die thatsächliche Erfahrung, dass diese Attiker kein Mensch hören mag, Ciceros eigener Entwickelungsgang durch verschiedene Stufen hindurch und seine vielseitige oratorische Ausrüstung – sind das nicht lauter beredte Warnungen vor der abstracten, einseitigen modernen Alleinbetonung des Attischen, das noch nicht einmal das rechte Attisch ist! Dieser pseudoattischen Richtung gegenüber soll Brutus auf die rechten Muster unter den Griechen, vor allen auf Demosthenes, wie unter den Römern auf die Epoche machenden Redner der Nation sehen und überall das Ideal des wahren Redners vor Augen haben. Auf diesen höheren Standpunkt soll er sich stellen, nach dem Höchsten soll er trachten, damit

scripsissem ad eum de optimo genere dicendi Or. 1, 1; 10, 35.

87) ad Fam. 1X 16, 7; 18, 1. Sueton. de rhet. 1. Quint. XII 11, 6. Brut. 6, 23; 87, 300.

88). Brut. 6, 22 cum tibi aetas nostra iam cederet fascesque summitteret. Or, 31, 110 cum dico me, te, Brute, dico, nam in me quidem iam pridem effectum est, quod futurum fuit.

89) 8. Anm. 135.

90) s. Anm. 136.
91) s. Anm. 129.

92) wie die späteren auch, nur
dass man diese allgemeine Gleich-
artigkeit des oratorischen Charak-
ters noch auf andere Redner mit
ausdehnte. Tac. dial, de or. 25 nec
refert quod inter se specie differant,
cum genere consentiant: astrictior
Calvus, gravior Brutus, vehemen-
tior et plenior et valentior Cicero,
omnes tamen eandem sanitatem elo-

sein Name in der Geschichte der römischen Beredsamkeit an die grossen Namen eines Crassus, Antonius, Hortensius sich

würdig anreihe 93). § 15. Um dieser Stellung willen, die Brutus nach Ciceros Wunsch

und Hoffnung dereinst in der Geschichte der römischen Beredsamkeit einnehmen soll, hat denn auch Cicero seiner Schrift den bedeutungsvollen Haupttitel Brutus gegeben 94), dem dann ähnlich wie bei Varro95) zur Bezeichnung des eigentlichen Themas noch der andere: de claris oratoribus hinzugefügt ist. Die doppelte Bezeichnung hat also hier zum Teil wenigstens einen andern Grund, als bei den kleinern Schriften Ciceros wie des Cato de senectute oder des Laelius de amicitia, in denen der Haupttitel wesentlich dadurch bedingt ist, dass die genannten Männer Cato und Laelius selbst die Hauptredner sind. So ists bekanntlich im Brutus nicht, im Brutus ist penes ipsum Ciceronem principatus 96); Cicero ist diesmal selbst die Hauptperson und der eigentliche Träger des Ganzen. Wen hätte auch Cicero anders zum Vertreter einer solchen geschichtlichen Darstellung der römischen Beredsamkeit von ihren ersten unvollkommenen Anfängen bis zu der Höhe der Vollendung in der Gegenwart wählen können, als sich selbst, der allein auf diesem Höhenpunkt stand und von da aus freien Blickes auf die vorausgehenden Entwickelungsstufen und Perioden der römischen Redekunst zurückblicken konnte? Wem hätte er ferner die ästhetisch-kritische Beurteilung und Charakteristik der verschiedenen Redner aller Zeiten zuweisen sollen, als wieder sich selbst, der nach seiner natürlichen Begabung, wie nach seiner wissenschaftlichen Bildung und reichen Erfahrung eines langen, viel bewegten Lebens mit der für eine solche Kritik erforderlichen Fähigkeit ausgerüstet war, wie ausser ihm keiner? Cicero besass für seine Person die Eigenschaften eines wahren Redners in höherem Mass, als irgend einer seiner Zeitgenossen: wer sollte sie demnach besser auch an andern erkennen und schildern können, als er selbst? Cicero hatte für seine Person mit den unzäligen Schwierigkeiten gerungen, die zur Erreichung des hohen Zieles überwunden werden mussten, wie keiner: wer wäre daher mehr im Stande gewesen, nun auch das auf das gleiche Ziel gerichtete Ringen und Streben anderer mit Gerechtigkeit zu würdigen und auch da gern anquentiae ferunt, ut si omnium pa- 95) z. B. Sisenna de historia, riter libros in manum sumpseris, Curió de cultu deorum, Metellus scias, quamvis in diversis ingeniis de pietate, Messalla de valetudine. esse quandam iudicii ac voluntatis 96) ad Att. XIII 19, 4 Quae ausimilitudinem et cognationem. tem (im Gegensatz zu den Büchern 93) Brut. 97, 332.

de oratore) his temporibus scripsi, 94) Or. 7, 23. de div. II 1, 4. Sue

'AQLototélécov morem habent; in ton. Caes. 56.

quo sermo ita inducitur ceterorum, ut penes ipsum sit principatus.

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