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Am wichtigsten ist in dieser Hinsicht für den Redner be- $ 7. greiflicher Weise das Studium der grossen griechischen Redner und Lehrer der Beredsamkeit, eines Lysias und Hyperides, Aeschines und Lycurgos und vor allen des unerreichten Musters und Vorbilds, des Demosthenes, wie des Isokrates und Aristoteles 24). Diese hohe Bedeutung des Studiums der classischen griechischen Redner und Rhetoren ist denn auch sicher ein Grund mit, dass Cicero seiner geschichtlichen Darstellung der römischen Redner sehr passend, als eine Art Einleitung, eine kurze Uebersicht der Geschichte der griechischen Beredsamkeit nach ihrer praktischen und theoretischen Seite vorangehen lässt25). Denn wenn auch diese literarhistorische Uebersicht der griechischen Beredsamkeit und Rhetorik zunächst nur den Zweck zu erfüllen hat, das chronologische Verhältnis der oratorischen Literaturen beider Völker zu einander zu veranschaulichen26), so leistet sie doch unstreitig zugleich auch den Dienst, auf die grossen griechischen Redner immer wieder aufmerksam zu machen und die fleissige Beschäftigung mit ihren Meisterwerken, deren entscheidenden Einfluss Cicero an sich selbst so reichlich erfahren hatte 27), von Neuem einzuschärfen.

Darum soll aber keineswegs die oratorische Literatur der $ 8. römischen Nation vor der griechischen geringgeschätzt und vernachlässigt werden; im Gegenteil, Cicero beabsichtigt gerade mit seiner Schrift, den grossen, aber meist ganz übersehenen 28) Reichtum der römischen Nationalliteratur auf dem Gebiete der Redekunst aufzuweisen und insbesondere auch der unberechtigten Geringschätzung der älteren römischen Redner von Cato, Galba, Lepidus, Scipio, Lälius, Carbo und den Gracchen bis auf Crassus und Antonius herab nach Kräften zu wehren9). Einer Ueberschätzung dieser älteren Werke der römischen Beredsamkeit soll jedoch damit

Jahr der suasio legis Serviliae des 27) Brut. 90, 308 ff. Crassus und zugleich das Geburts- 28) Brut. 32, 123 (sagt Cicero) jahr Ciceros), ut dicendi Latine nocuimus fortasse, quod veteres prima maturitas in qua aetate ex- orationes post nostras non a me stitisset posset notari, et intellege- quidem (meis enim illas antepono) retur iam ad summum paene esse sed a plerisque legi sunt desitae. perductum, ut eo nihil ferme quis- Numerā me (antwortet Brutus) in quam addere posset, nisi qui a plerisque; quamquam video mihi philosophia, a iure civili, ab hi- multa legenda iam te auctore, quae storia fuisset instructior 96, 328; 97, antea contemnebam 17, 65 f.; 29, 331. Vgl. de or. I 17, 79; 52, 95. 112; 35, 133. 24) Brut. 9, 35 ff. 12, 46 ff.

29) Daher tadelt er die einseitige 25) Brut. 7, 26—13, 52.

Beachtung der Griechen und em26) Brut. 10, 39; 13, 49 et Grae- pfiehlt die Lectüre Catos 17, 65 ciae quidero oratorum partus atque (Lysias) habet tamen suos laudafontes vides ad nostrorum annalium tores; Catonem vero quis nostrorum veteres, ad ipsorum sane recentes. oratorum, qui quidem nunc sunt,

durchaus nicht das Wort geredet, sondern nur eine gerechte Würdigung der genannten römischen Redner befördert werden 30): ihr Wert ist doch immer nur ein relativer, nach der Zeit, in die sie fallen, zu beurteilen, und wenn auch bis auf Cicero manches Grosse von den Römern in der Redekunst geleistet ist: die Griechen stehen doch höher; einigermassen ebenbürtig wenigstens wird die römische Beredsamkeit der griechischen erst durch den, der die Vorzüge der Griechen

mit dem römischen Nationalgut gücklich zu vereinigen wusste31). § 8. So sehen wir, dass Cicero neben dem historischen zugleich

einen pädagogischen Zweck verfolgt: hier im Brutus in ähnlicher Weise, wie früher in den Büchern de oratore 32), seinen Zeitgenossen vor allem das Studium der lebendigen Quellen der griechischen und römischen Beredsamkeit ans Herz zu legen 33). Ebenso beabsichtigt er weiter, nicht bloss das literarische Interesse zu befriedigen, sondern, abgesehen von einigen gelegentlichen Belehrungen im Einzelnen 34) namentlich auch durch die Kritik der verschiedenen Redner mittelbar die Erkenntnis der Forderungen zu erneuen und zu befestigen, die an den wahren Redner zu stellen sind 35). Dadurch nämlich, dass die für die ora

legit, aut quis novit omnino? at haupt. Tac. dial. de or. 22 Ad quem oratorem! Licet ex

Ciceronem venio, cui eadem pugna his eligant ea quae notatione et cum aequalibus suis fuit, quae mihi laude digna sunt: omnes oratoriae vobiscum est; illi enim antiquos virtutes in eis reperientur, und mirabantur, ipse suorum temporum weiter: sed ea in nostris inscitia eloquentiam anteponebat; nec ulla est, quod hi ipsi, qui in Graecis re magis oratores aetatis eiusdem antiquitate delectantur eaque sub- praecurrit quam iudicio. tilitate, quam Atticam appellant, 31) Quint. X 1,8 mihi videtur M. hanc in Catone ne noverunt quidem. Tullius, cum se totum ad imitaEbenso nützlich ist die Lectüre der tionem Graecorum contulisset, efReden des C. Gracchus 33, 125, U. finxisse vim Demosthenis, copiam der Reden u. der Selbstbiographie Platonis, iucunditatem Isocratis. des Scaurus: tres libri de vita ipsius, 32) de or. I 5, 19 ff.; 34, 155; II lectu sane utiles, quos nemo Teget: 1, 5; III 35, 143 docto oratori palma at Cyri vitam et disciplinam legunt, danda est. praeclaram illam quidem, sed ne- 33) Brut. 93, 322 nemo erat, qui que tam nostris rebus aptam, nec videretur exquisitius studuisse tamen Scauri laudibus anteponen- litteris, quibus fons perfectae dam 29, 112; 35, 132 f. Vgl. Or. 7, 23. eloquentiae continetur 29, 111.

30) Darum die Gegenrede des 34) wie z. B. über die Tropen und Atticus 85, 292—87, 297. Auch kennt σχήματα 17, 69; 37, 141; 79, 275, über Cicero die Mängel der älteren Red- die Bedeutung der Dialektik für ner natürlich recht wol (18, 69 Nec den Redner 41, 152 f., über nepiodos vero ignoro nondum esse satis poli- und xola 44, 162, über das Wesen tum hunc oratorem (d. h. Cato) et der urbanitas 46, 171, über den Wert quaerendum esse aliquid perfectius der stoischen und der akademischen 87, 298) u. bekämpft die einseitigen Philosophie für den Redner 31, 118 f. Verehrer des Alten, bloss weil es und noch einiges andere. alt ist, ebenso wie die Verächter 35) Brut. 93, 319 Sed quoniam der altrömischen Literatur über- omnis hic sermo noster non solum

torische Tüchtigkeit massgebenden ästhetischen Grundsätze, wie sie in den Büchern de oratore aufgestellt werden, bei der Charakteristik der einzelnen Redner in Anwendung kommen, wird natürlich indirect das Bewusstsein von dem Ziel und Wesen der oratorischen Thätigkeit fortwährend wach erhalten und das Verständnis der oratorischen Normen gefördert.

Dadurch aber, dass Cicero zugleich diesen pädagogischen $ 9. Zweck im Auge bat, wird der allgemeine Charakter einer historischen Darstellung nicht im mindesten getrübt: der geschichtlich-chronologische Gang, ist im Grossen und Ganzen, wie im Einzelnen möglichst eingehalten. In dieser Hinsicht bot ihm das Geschichtswerk seines Freundes Atticus, seine Annalen oder liber annalis 36), eine tüchtige Vorarbeit und sichere Grundlage. Atticus hatte darin eine Uebersicht der 700 Jahre römischer Geschichte von der Erbauung der Stadt bis auf seine Zeit gegeben und auf Grund sorgfältiger chronologischer Forschungen 37) jedem Jahr der Stadt die zugehörigen wichtigsten Ereignisse, Magistrate, Gesetze, Kriege und Friedensschlüsse zugewiesen38). Wie Atticus zur Abfassung dieses Werkes hauptsächlich durch Ciceros Schrift de republica veranlasst war 39), so regten wiederum die Annalen in Cicero das Interesse für solche chronologische Untersuchungen überhaupt 40) und auf dem Gebiet der römischen Literatur insbeson

verum

cus

nur

enumerationem oratorum ,
etiam praecepta quaedam desiderat,
quid tamquam notandum et animad-
vertendum sit in Hortensio breviter
licet dicere.
36) Corn. Nep. vit. Hann. 13 Atti-

in annali suo scriptum reliquit.

37) Brut. 3, 14 quo (sc. libro) omnem rerum memoriam breviter et ut mihi quidem visum est, perdiligenter complexus est 18, 72 et Atticus scribit et nos in antiquis commentariis invenimus ein Beweis für die Treue der Forschung.

38) Corn. Nep. vit. Att. 18 Moris etiam maiorum summus imitator fuit antiquitatisque amator, quam adeo diligenter habuit cognitam, ut eam totam in eo volumine exposuerit, quo magistratus ornavit. Nulla enim lex, neque pax, neque bellum, neque res illustris est populi Romani, quae non in eo suo tempore sit notata; et quod difficillimum fuit, sic familiarum originem subtexuit, ut ex eo clarorum virorum propagines possimus cogno.

scere. Or. 34, 120 orator cognoscat etiam rerum gestarum et memoriae veteris ordinem, maxime scilicet nostrae civitatis sed etiam imperiosorum populorum et regum illustrium; quem laborem nobis Attici nostri levabit labor, qui conservatis notatisque temporibus, nihil cum illustre praetermitteret, annorum septingentorum memoriam uno libro colligavit. Auf die wichtigsten ausserrömischen Ereignisse war wol

in synchronistischer Weise Rücksicht genommen.

39) Brut. 5, 19 eisque (sc. de republica libris) sagt Atticus, nosmet ipsi ad veterum rerum nostrarum memoriam comprehendendam impulsi atque incensi sumus. Daher widmete er auch seine Schrift seinem Freunde Cicero. Brut. 3, 13 An mihi potuit (sagt Cicero) esse aut gratior ulla salutatio aut ad hoc tempus aptior quam illius libri, quo me hic affatus quasi iacentem excitavit?

40) Brut. 19, 74 qui (sc. Atticus) me inflammavit studio illustrium

dere an. Ihm, diesem zuverlässigen Gewährsmann41) folgt denn auch Cicero im Brutus nicht bloss da, wo die Zeitbestimmungen der Annalisten einmal von einander abweichen42), sondern überhaupt in den sonstigen chronologischen Angaben, die sich auf die römische Literaturgeschichte und deren Träger beziehen. Dass dabei jedoch Cicero auch selbständig forscht 43) und das chronologische Material seinen Zwecken entsprechend gehörig

verarbeitet, versteht sich von selbst. § 10. Zu dieser selbständigen Verarbeitung des historischen

Materials nach seinen besondern Zwecken gehört insbesondere44) sowol die überaus geschickte Gruppierung der Redner innerhalb der durch die Zeitfolge bestimmten Grenzen 45), als auch die Abwechselung, die er durch gelegentliche Besprechung allgemeiner Fragen in die geschichtliche Aufzählung zu bringen weiss. So theilt er in der vorgeschichtlichen Zeit, ehe er zu dem ersten Redner kommt, für den ein bestimmtes, namhaftes Zeugnis spricht, die Vorgänger desselben in zwei Kategorieen und führt sie unter diesem Gesichtspunkte vor46). In gleicher Weise stellt er in der geschichtlichen Zeit, wo es nur angeht, Gruppen auf, die innerhalb eines Zeitabschnittes durch irgend ein Band , sei es als ältere und jüngere Zeitgenossen eines hervorragenden Redners 47) oder durch ihre Familien-48) und sonstigen Lebensverhältnisse49), durch Freundschaft 50) und Gleichheit der Gesinnung und Richtung 51), durch

hominum (wie des Livius Androni-
cus) aetates et tempora persequendi.

41) Brut. 11, 44 ego cautius post-
hac historiam attingam te audiente,
quem rerum Romanarum auctorem
laudare possum religiosissimum.

42) wie hinsichtlich der Lebens-
zeit des Livius Andronicus Brut.
18, 72 ut hic ait, quem nos sequi-
mur. Die absichtliche Differenz über
Coriolans Tod hat ihre besonderen
Gründe 8. Anm. 154.

43) wie Cicero mehrmals durch
Berufung auf die alten Quellen an-
deutet 15, 60 His consulibus, ut
in veteribus commentariis scriptum
est, Naevius est mortuus
hält diese Bestimmung selbst der
Autorität eines Varro gegenüber
aufrecht; quamquam Varro noster,
diligentissimus investigator antiqui-
tatis, putat in hoc erratum vitam-
que Naevii producit longius. 18, 72
nos in antiquis commentariis inve-
nimus.

44) Hierher gehört auch die Her-
vorhebung solcher Jahre, die für

die Geschichte der römischen Beredsamkeit Epoche machend sind z. B. 43, 161 des Jahres der suasio legis Serviliae: his enim consulibus eam legem suasit, quibus nati sumus etc.

45) Brut. 19, 74 Ego vero, inquit Brutus, et delector ista quasi notatione temporum et ad id quod instituisti, oratorum genera distinguere aetatibus, istam diligentiam esse accommodatam puto. 32, 122 Nunc reliquorum oratorum aetates, si placet et gradus persequamur.

46) Brut. 14, 52–57; 14, 57—15, 57.

47) Brut. 19, 77 die älteren :Zeitgenossen Catos; 20, 78 und 21, 81 die jüngern.

48) Brüder und Verwandte: die Mummü 25, 94, die Aurelii 25, 94, die Caepiones 25,. 97,

die Fannii 26, 99, die Memmii 36, 136.

49) Collegen im Amt 34, 128; 35, 135. 50) wie Laelius und Scipio 23, 83.

51) wie die Stoiker Rutilius Rufus, Scaurus und Tubero 31,

und er

t17; 57) Brut. 88, 301 - 89, 304; 93, 320-96, 328.

gleiche oder entgegengesetzte politische Thätigkeit 52), durch gleiche Heimat 53) und gleiche Schicksale 54) mit einander verbunden sind, oder sich in passender Weise unter einen gemeinsamen Gesichtspunkt zusammenstellen lassen. Schon dadurch wird der Ermüdung, die sich bei der Aufzählung so vieler Namen gar leicht einstellt, meist glücklich gewehrt; und wenn auch hin und wieder, wie das bei der Natur des Gegenstandes nicht wol anders sein konnte, die Darstellung ein wenig skizzenhaft wird, so werden wir doch andererseits wieder durch die meisterhaften längeren Charakteristiken und Schilderungen, vor allen der grossen Redner Antonius 55), Crassus 56), Hortensius 57), wie des Servius Sulpicius 58) und Ciceros selbst 59), die eigentlich die Hauptzierde des Buches ausmachen so), sehr reichlich entschädigt. In gleicher Weise dienen zur Belebung des Ganzen auch die vielfachen an passender Stelle eingestreuten Bemerkungen, sei es vergleichungsweise über die verschiedenen Kunststufen der griechischen Plastik und Malerei61), oder über den Vorzug einer angeerbten Eleganz und Reinheit der Diction und über die Wichtigkeit der Angewöhnung an eine gute Aussprache von Haus aus 62), über den höheren Wert des öffentlichen Redners und Staatsmannes im Vergleich mit dem Imperator" oder Officier 63) und noch manches andere.

Neben diesen kürzeren Bemerkungen sind es aber auch $ 11. noch einige längere Excurse, die ebenfalls nicht wenig dazu beitragen, der Darstellung die erforderliche Abwechselung und Frische zu geben. Zugleich verfolgt aber Cicero in diesen längeren Excursen noch die andere höhere Tendenz, gewissen falschen Richtungen und Bestrebungen entgegenzutreten, die bereits damals aufkamen und zu dem spätern Verfall der römischen Beredsamkeit 64) unstreitig das ihrige mit beigetragen haben. Durch den Einfluss der gelehrten alexan

die accusatores 34, 130 f.; die Staatsredner 62, 222.

52) wie die Demagogen 62, 223 ff.; die Gegner der Gracchen 25, 95, 28, 107 ff.; mit Galba gleich sein Ankläger Scribonius Libo 23, 90, wie mit Crassus der Censor Domitius 45, 165.

53) die Provincialen 46, 169. 54) die im Bürgerkrieg zwischen Cäsar und Pompejus gebliebenen 76, 265–77, 269.

55) Brut. 37, 139—38, 143.

56) Brut. 38, 143 — 40, 150; 43, 158—45, 165; 53, 197–54, 199.

58) Brut. 40, 150—43, 158.
59) Brut. 89, 307 — 93, 320.

60) Daneben sind jedoch auch
noch die verhältnismässig längeren
Charakteristiken des Laelius, Scipio
und Galba (21, 83

25, 94), des
Scaurus und Rutilius (29, 110—31,
117), des C. Gracchus (33, 125—127),
des Sulpicius und Cotta (55, 201—57,
207), des Calidius (79, 274-80, 279)
und des Calvus (82, 283 f.) sehr frisch
und lebendig,

61) Brut. 18, 70.
62) Brut. 58, 210 f. 74, 258 ff.
63) Brut. 73, 255 ff.

64) Tusc. II. 2, 5. Tac. dial. de or. 1 u. W.

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