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13. Was Cicero noch immer vermisste, leistete in ausgezeichneter Weise T. Livius Patavinus in seinem colossalen Werke: T. Livi ab urbe condita annales libri CXXXXII, ursprünglich wohl auf 150 Bücher bestimmt, welche Roms Geschichte bis auf Augustus' Tod herabführen sollten.

T. Livius war zu Padua unter dem Consulat des C. Julius Caesar und M. Bibulus, 59 v. Chr., geboren. Er war weder Staatsmann noch Feldherr, sondern Rhetor, d. h. Gelehrter, welcher in der Philosophie und Redekunst, der historischen Technik, gründlich unterrichtet war. Verstimmt über den Sittenverfall der Gegenwart suchte er Trost und Erholung in der Betrachtung des sittenstrengen Alterthums: die Anschauung der Thaten, der Charaktere, der Sitten der Vergangenheit war ihm Bedürfniss und Erhebung. In der Praefatio gibt er selbst ein offenes Bekenntniss.

Wer die Geschichte Roms von der Urzeit bis auf die Gegenwart und mit dem 142. Buch kam er bis zum Jahr 9 v. Chr. sich zur umfassenden Darstellung wählt, der kann, mag er auch dieser Aufgabe sein ganzes Leben widmen, unmöglich die kritische Forschung, sondern nur die ehrliche und geschmackvolle Wiedergabe des vorhandenen Stoffes sich zum Ziele setzen. Die historische Kritik liegt also Livius, fern, wiewohl er auch hier vielfach gesunden Tact bewährt. In der Regel studierte er einen Abschnitt an der Hand eines Vorgängers, vergegenwärtigte sich in lebhafter Anschauung das Bild dieser Vergangenheit, prüfte dann die Ueberlieferung durch Vergleichung mehrerer Annalisten, um das Bild zu vervollständigen und Differenzen entweder auszugleichen oder unvermittelt neben einander mitzutheilen, dann endlich suchte er die gewonnene Anschauung in lebhafter und geschmackvoller Sprache zur künstlerischen Darstellung zu bringen. Wo Ereignisse oder Personen ihm wichtig genug erscheinen, erhebt er sich zur künstlerischen Erfindung von Rede und Gegenrede, wobei er mitunter Entwürfe oder Ausführungen seiner Vorgänger besser gestaltet haben mag.

Menschenkraft konnte ein so ausgedehntes Werk nicht mit gleicher Ausdauer und Vollendung schaffen; kein Wunder, wenn man bemerkt, dass Livius' Sprache von Dekade zu Dekade immer mehr Spuren der Eile trägt und von der Darstellungsweise der Quellen mehr und mehr abhängig wird. Wo er indessen in der Vergegenwärtigung vergangener Zeiten wirklich Grosses, Edles und Schönes findet, da fühlt er immer wieder einen höheren Schwung und weiss das Herrliche mit dem vollen Reichthum seiner Farben zu schmücken.

Die Zuverlässigkeit des Livius ist natürlich durch die Be

schaffenheit seiner Quellen bedingt; aber es ist auch das kein geringer Vortheil, dass die Darstellung des Livius frei ist von politischer Tendenzmacherei, dass er Thatsachen und Zustände wenigstens nicht absichtlich entstellt. Von den 142 Büchern (annales libri, annales, libri) sind noch 35 übrig, die 1., 3. und 4. Dekade vollständig, von der fünften das 41.-45. Buch. Dass das Werk frühzeitig im Alterthum in Dekaden abgetheilt wurde, begünstigte den Ausfall grösserer Abtheilungen, wie z. B. den Verlust vom 11.–20. Buch. Von den fehlenden Büchern besitzen wir noch Inhaltsangaben, Periochae, welche für die spätere Geschichte der Republik nicht ohne Bedeu

tung sind.

14. Fast um dieselbe Zeit wie Livius, aber ganz unabhängig von ihm, schrieb Dionysius von Halicarnassus seine 'PQuainn dozaiolozia in 20 Büchern. Sein Zweck war der Nachweis, dass die Römer keineswegs Barbaren, sondern recht eigentlich Hellenen und unter den Hellenen die gerechtesten und besten seien; dass das römische Staatswesen von jeher ausgezeichnet der Kenntniss und Bewunderung der Hellenen würdig sei. Da nun Roms Geschichte von Beginn des ersten punischen Kriegs den Hellenen durch Polybius bekannt und in demselben Geiste empfohlen war, so schrieb Dionysius die Urgeschichte und die Entwicklung der Republik bis 490 a. u. c.

264 v. Chr. Von diesem Werke sind uns die ersten 11 Bücher bis zum Consulat des M. Geganius Macerinus II und T. Quinctius Capitolinus V, d. h. 443 v. Chr., vollständig erhalten, dagegen vom 12.–20. Buch sind nur noch Excerpte übrig.

Dionysius war nach Beendigung des Bürgerkriegs zwischen Octavian und Antonius, etwa um 29 v. Chr., nach Rom gekommen und lebte dort 22 Jahre, um sich eine vollkommene Kenntniss der lateinischen Sprache, der Litteratur und Geschichte Roms zu erwerben. Er ist also wohl unterrichtet, aber er ist in seiner Darstellung durchaus modern und überträgt Zustände und Denkweise der neueren Zeit auf das graueste Alterthum. Romulus und Numa halten Reden wie Cicero. Als griechischer Rhetor liebt er ausgedehnte Reden allzusehr. Mochte er dazu in seinen Quellen manche Entwürfe vorfinden, das Meiste verdankte er gewiss seiner eigenen Phantasie und die kunstvolle Ausführung im Stil der neuern Technik ist jedenfalls sein eigenstes Werk.

15. Eine poetische Bearbeitung der römischen Geschichte von Aeneas' Ankunft in Italien bis auf seine Zeit lieferte der Dichter Q. Ennius aus Rudiae in Unteritalien, geb. 239, gest. 169, der Schöpfer der daktylischen Poesie der Römer. Er

verknüpfte Sage und Geschichte in einer durch Neuheit, Kühnheit und Mannigfaltigkeit ausgezeichneten Sprache. Auch die wenigen noch vorhandenen Fragmente seines Werkes (annales) zeugen von einer ausserordentlichen Dichterkraft.

In späterer Zeit machte P. Ovidius Naso, geb. 43 zu Sulmo, den Versuch, Sage und Geschichte zum Gegenstand einer Dichtung zu machen. Sein unvollendetes Gedicht Fastorum libri VI, worin der Ursprung römischer Feste und religiöser Gebräuche aus den Quellen in lehrhaftem, aber ungezwungenem Tone vorgetragen wird, gehört zu den kühnsten und gelungensten Unternehmungen des Dichters. Ist auch Ovid durchaus modern, so liefert doch seine Dichtung den schlagenden Beweis, wie die sagenhafte Urgeschichte durch das Volkslied den Nachkommen überliefert sich leicht und gefällig wieder in Poesie umgestalten lässt.

16. Nicht allein als Ersatz für die fehlende zweite Dekade des Livius, sondern auch zur Vergleichung und Ergänzung der dritten und vierten Dekade desselben sind die Historien des Polybius von ausserordentlicher Bedeutung. Aber nicht allein der materielle Inhalt, auch die künstlerische Bearbeitung des Stoffes ist es, welche ihm für alle Zeit den Rang eines der bedeutendsten Historiker sichert. Man kann wohl sagen, dass neben Thukydides und Tacitus Polybius den grössten Einfluss geübt hat auf die Entwicklung der modernen Geschichtschreibung und der historischen Kritik, als deren Schöpfer wir in Deutschland Niebuhr und Ranke, die Engländer Gibbon verehren. Es gibt keinen Historiker des Alterthums, der in dem Leser sofort das Vertrauen der Gewissenhaftigkeit und Umsicht, der Klarheit und Wahrhaftigkeit in solchem Grade erweckte als Poly bius. Was er schreibt ist einfach und klar, frei von Leidenschaft und rhetorischem Schmuck. Dieser Vorzug ist nicht gering, wenn man bedenkt, dass die Rhetorik auch die besten Geschichtschreiber des Alterthums zuweilen zu Unrichtigkeiten und Entstellungen der Thatsachen veranlasste.

Das Geburts- und Todesjahf des Polybius ist nicht sicher bekannt; wir wissen nur, dass er ein Alter von 82 Jahren erreicht und wir können nicht weit irre gehen, wenn wir die Jahre 204_122 v. Chr. dafür annehmen. Sein Leben hatte einen reichen Inhalt. Es fällt in eine sturmbewegte Periode, welche die Geschicke von Europa, Nordafrika und Asien auf lange Zeit hinaus bestimmte. Er war der Sohn des achäischen Bundeshauptmann Lykortas und stammte der zwar jungen aber bedeutenden Stadt Megalopolis in Arkadien. Auf diesem Boden entwickelte Polybius schon frühe seine

aus

staatsmännische, militärische und litterarische Thätigkeit, aber ein merkwürdiges Geschick und seltene Wissbegierde liess ihn die fernsten Länder und Gegenden kennen lernen, die er mit ausserordentlicher Umsicht erforschte. So war er durch ausgebreitete Kenntnisse und durch ein erfahrungsreiches Leben, das seine Weltanschauung und Staatslehre bestimmte, von der Vorsehung vor Vielen zum Historiker berufen.

Mit der Schlacht von Pydna war die Makedonische Königsfamilie gestürzt und die Herrschaft Roms in Griechenland entschieden. Während des Krieges hatte der Achäische Bund sich lau gegen Rom gezeigt und seine Freude über die ersten Erfolge des Perseus nicht verhehlt. Polybius und Lykortas nahmen an dieser Politik Antheil: beide wollten Neutralität zwischen Rom und Makedonien. Nach dem Siege Roms mussten dafür alle irgendwie missliebigen Männer als makedonischer Gesinnung verdächtig (1000 der vornehmsten Achäer) nach Rom als Geisseln wandern, darunter auch Polybius. Sie wurden in die festen Städte Italiens vertheilt und unter Aufsicht gehalten. Dem Polybius wurde die Verwendung des jüngeren Scipio zu Theil: er durfte seinen Aufenthalt in Rom nehmen (166). Mit diesem Augenblick beginnt die enge Freundschaft und der stete Verkehr des Polybius mit Scipio und Laelius (Vell. Pat. I, 13 Scipio tam elegans liberalium studiorum omnisque doctrinae et auctor et admirator fuit, ut Polybium Panaetiumque (Stoiker), praecellentes ingenio viros, domi militiaeque secum habuerit). Diese Freundschaft benützte Polybius vielfach zur Unterstützung und Vertretung seiner Landsleute, wie z. B. die Achäischen Geisseln auf seine Verwendung hin die Erlaubniss zur Rückkehr in ihre Heimat erhielten (153). Da er Scipio auf seinen Feldzügen begleitete, so hatte Polybius vielfach Gelegenheit, Gallien, Spanien, Afrika aus eigener Anschauung kennen zu lernen; aber dies genügte ihm nicht: um z. B. dem Zuge Hannibals über die Alpen folgen zu können, bereiste er das Alpenland und Gallien, später unternahm er auch eine Reise nach Aegypten, von wo aus er auch Kleinasien kennen lernte.

Rom hatte in einem halben Jahrhundert die Lage der Welt ganz verändert. Macedonien war vernichtet, Asien und Aegypten waren in Abhängigkeit, in Griechenland war das föderative Prin. cip (Achäische und Aetolische

Bund) gebrochen, Karthago, vor Kurzem noch der Schrecken Roms, existirte nicht mehr. Das Alles war das Resultat eines Menschenlebens. Es war sehr natürlich, wenn ein verständiger und denkender Mann wie Polybius nun auf den Gedanken kam, darüber nachzudenken, wie das Alles gekommen? Etwa durch Zufall? Oder durch eine höhere, leitende

Macht? Oder durch menschliche Thätigkeit und Tüchtigkeit? Waren es diese drei letzteren Factoren zusammen? Welchen Charakter, welche politische und militärische Verfassung hatte das Volk, welches diese überraschenden Erfolge erzielte? Das sind die Fragen, welche Polybius zur Abfassung seines Geschichtswerks drängten und die denn auch überall wieder hervortreten, um von ihm beantwortet zu werden. Er hatte die Römische Welt, Römisches Leben im Kriege und Frieden kennen gelernt, war mit den bedeutendsten Männern im vertrauten Verkehr gewesen: wenn irgend Jemand, so musste er eine richtige Ansicht davon gewinnen, wie die Römische Weltherrschaft möglich geworden. Dieser Umstand hat für Polybius noch eine weitere Bedeutung. Die Verhältnisse seiner Zeit machen ihn zum Universalhistoriker. Specialgeschichten gelten ihm bei seiner Auffassung der Geschichte nur als untergeordnete Beiträge zum Erhabenen, Grossen und Ganzen der Universalgeschichte. Sie erst gibt ein sicheres Wissen und Verständniss. Wer etwa glauben sollte, durch Specialgeschichten eine gehörige Auffassung des Ganzen zu erreichen, dem begegnet nach Polybius' Ansicht etwas Aehnliches, wie weun Jemand bei dem Anblick der zerstückelten Theile eines vordem belebten und schönen Körpers die mächtige Kraft und Schönheit des ganzen, lebendigen Organismus geschaut zu haben vermeinte.

Diese Art der Geschichtschreibung sei aber nur dem Pragmatiker möglich, der sich nicht mit Gegenständen der Mythologie, der Colonien, mit Städtegründungen und Verwandtschaftsverhältnissen der Völker und Fürsten befasst, sondern sein Auge richtet auf den Zusammenhang und die politische Entwicklung der Völker, Städte und Herrscher. Der Pragmatiker heisst darum πολιτικός. .

Im Jahr 146 ordnete Polybius die Angelegenheiten der Peloponnes auf eine Weise, dass er sich vielen Dank und ehrende Denkmäler erwarb. Später begleitete er Scipio auch in den Numantinischen Krieg. Die Erzählung der ruhmreichen Thaten seines Freundes in diesem Feldzuge war sein letztes litterarisches Werk, das Ehrendenkmal für seinen Lehrer und Freund Philopoemen vielleicht sein erstes. Ein Sturz vom Pferde endete sein Leben. Sein Hauptwerk beginnt mit der Geschichte des zweiten Punischen Krieges und endet mit dem Jahre 166, umfasst also in einem Zeitraum von 53 Jahren die Entwicklung der Römischen Weltherrschaft. Ein grosses Glück für uns ist es, dass er als Einleitung auch die Geschichte des ersten punischen Krieges behandelt, sonst würde uns jede

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