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der Dioskuren und des delphischen Apollo, begegnen; ausnahmslos griechisch sind auch die Gottheiten, die in Rom bei diesem ersten Lectisternium und seinen nächsten Wiederholungen beteiligt sind: Apollo mit seinen Kultgenossinnen Artemis und Leto, Herakles, Hermes und Poseidon, griechisch natürlich auch die zur Schau gestellten Götterbilder. Das Außerordentliche der Zeremonie lag darin, daß hier eine Mehrzahl verschiedener Gottheiten zum gemeinsamen öffentlichen Schmause geladen wurde, allein und im eigenen Tempel haben die meisten römischen Staatsgötter griechischer Herkunft ihren Speisetisch und ihr Polsterlager gehabt, auf dem sie entweder an bestimmten Festtagen oder auch den größten Teil des Jahres hindurch öffentlich tafelten. Auch in den kapitolinischen Kult ist dieser Brauch eingedrungen. Am Stiftungstage des Tempels, der zugleich den Mittelpunkt der ludi Romani bildet, nachher auch am entsprechenden Tage der jüngeren ludi plebei, findet im Heiligtume ein Festschmaus statt, zu dem der ganze Senat geladen ist, dessen Hauptpersonen aber die Götter des Kapitols selbst, Juppiter, Juno und Minerva, sind; ihre Bilder, gesalbt, frisiert und festlich gekleidet, werden, ganz wie beim Lectisternium, mit erlesenen Speisen bedient, nur darin ist dem römischen Schicklichkeitsgefühl eine Konzession gemacht, daß die beiden Göttinnen nicht wie Juppiter auf dem Polsterbett liegen, sondern auf Stühlen sitzen.

Den aufgeklärten Geschmack der Ciceronischen Zeit muteten derartige Schaustellungen begreiflicherweise sonderbar und befremdlich an, und man glaubte eine Entschuldigung nur in dem unvordenklich hohen Alter dieser Bräuche finden zu können: Cicero z. B. hält den Festschmaus des Juppiter für eine Einrichtung des Numa, mit anderen Worten für einen Bestandteil der römischen Urreligion. Tatsächlich aber kann man sich kaum einen schrofferen Gegensatz denken als den der in den geschilderten Zeremonien sich aussprechenden Anschauung und der Gedanken, von denen die älteste Religion der Römer beherrscht wird. Wie in Athen die iepa netola

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und éníteta gesonderte Kreise bilden, so scheidet das römische Sakralrecht scharf zwischen den altansässigen und den neu aufgenommenen Göttern, den di indigetes und di novensides (oben S. 184 ff.): haben auch beide gleiches Bürgerrecht im römischen Staate, so gilt doch nur den ersteren das altrömische Zeremonialgesetz, nur ihre Festtage sind in die bis auf Caesar gültige Kalenderordnung als Feiertage aufgenommen, nur ihnen weihen die Priesterschaften alter Ordnung, der Opferkönig und die Flamines, die Fetialen und die Salier, die heiligen Jungfrauen und die Wolfsgilde, ihren Dienst. Natürlich ist auch diese älteste Götterordnung nicht an einem Tage geschaffen, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Entwickelung: aber es kam eine Zeit, wo sie als abgeschlossen galt und alles das, was an religiösen Vorstellungen neu zuwuchs, als anders geartet sozusagen in einen äußeren Kreis verwiesen wurde, und dieser Zeitpunkt trat ein, bevor die Verehrung des kapitolinischen Göttervereines in Rom Eingang fand. Die Grenze zwischen dem alten und dem neuen Götterkreise war eine feste 164 und unverrückbare, und auch die allergrößte tatsächliche Bedeutung vermochte den Juppiter 0. M. oder die Diana vom Aventin ebensowenig in die Reihen der di indigetes überzuführen, wie etwa C. Marius oder Cn. Pompejus durch ihre Triumphe und ihre Machtstellung aus Plebejern zu Patriziern werden konnten. Dieser streng abgeschlossenen alten Götterordnung ist aber jede persönliche Vorstellung von den Göttern durchaus fremd. Schon die Namen beweisen das, die in vielen Fällen nicht persönliche Bildung zeigen, sondern identisch sind mit den Bezeichnungen derjenigen Dinge, die man durch den Gott vertreten oder in denen man jenen wirksam glaubte: Janus der Torbogen und Vesta der Herd, Tellus das Saatfeld und Ops der Erntesegen, Fons die Quelle und Terminus der Grenzstein bieten schlagende Beispiele für dieses Zusammenfallen des Götternamens mit dem Appellativum. Solche Götter haben nicht nur keine bildliche Verkörperung, sondern sind auch an keine feste Kultstätte gebunden: jedes Saatfeld und jeder

Grenzstein bieten Gelegenheit Tellus oder Terminus anzurufen und zu verehren, und wenn Janus und Vesta feste Kultstätten am Forum besitzen, so folgt das nur aus der Notwendigkeit, aus der unbegrenzten Menge von Torbögen und Feuerstätten, an denen allen Janus und Vesta wirksam sind, ein Staatstor und einen Staatsherd herauszuheben, an denen die Gemeinde als Ganzes diesen Göttern dieselbe Verehrung darbringt, wie jeder Hausvater an der Tür oder am Herde seines Hauses. Aber auch wo sich der Name des Gottes vom Gegenstande losgelöst und zu umfassenderer Bedeutung entwickelt hat, bleibt jede persönliche Vorstellung fern, und der Gott ist eins mit der Erscheinung, in der man seine Wirksamkeit erblickt: dem Griechen sendet Zeus mit kräftiger Hand den Blitz, der Römer verehrt Juppiter Fulgur, nicht den Blitzschleuderer, sondern den Blitz selbst; ύει μεν ο Ζεύς sagt der griechische Dichter 'Vater Zeus läßt es regnen', dem Römer stellt sich der Gedanke in anderer Form dar: Iuppiter et laeto descendet plurimus imbre, der ganze Himmel kommt hernieder im Regen’; aus griechischer Anschauung heraus läkt Vergil den Juppiter die Venus liebkosen mit dem Antlitz, dessen Lächeln Himmel und Wetter aufhellt, voltu quo caelum tempestatesque serenat, römisch redet Horaz, wenn bei ihm der abgehärtete Weidmann ausharrt sub Iove frigido 'unter kaltem Himmelsstriche'. ‘

Eine solche Anschauung, die den Gott nur in der Natur und in den Gegenständen seines Waltens sieht, schließt den Gedanken an einen Bilderdienst aus; sie kann den Gott nicht im Bilde neben die Sache stellen, in der er wirksam ist. Ja selbst die Verehrung der Gottheit in Symbolen ist der altrömischen Religion fremd: freilich hören wir von dem heiligen Feuerstein des Juppiter, einer Versinnbildlichung des Donnerkeils, und von Schild und Lanze des Mars; aber es sind dies nicht Gegenstände der Anbetung, sondern Ausrüstungsstücke der Priester, wenn sie im Namen des Gottes ihren Dienst tun: dann tragen die Salier bei ihren Tänzen Schild und Speer des Mars und die Fetialen erschlagen beim Bundesopfer das Opfertier mit dem heiligen silex.

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Wie lange diese Anschauung von unpersönlichen und unvorstellbaren, den Menschen überall und allezeit umgebenden 165 göttlichen Gewalten in voller Reinheit und Ausschließlichkeit den römischen Gottesdienst beherrscht hat, läßt sich nicht mehr bestimmen; nur soviel dürfen wir getrost sagen, daß die 170 Jahre, die Varro dieser Periode der römischen Religionsgeschichte zuweist, für die vorauszusetzende Entwickelung nicht entfernt ausreichen, und das sich also auch hier die bereits von Niebuhr gemachte Beobachtung bestätigt, daß die überlieferte Chronologie der Königszeit mit viel zu kleinen Zahlen operiert. Am Ausgange der Königszeit und in den ersten Jahrzehnten der Republik führt das starke Eindringen griechischer Gottesdienste in Rom eine tiefgehende Umwälzung im Kultus wie in den religiösen Vorstellungen herbei: die alte Kulturstätte Cumae, die wichtigste Vermittlerin griechischer Bildung für Italien, entsendet ihren Apollo, im Gefolge des sizilischen Getreide handels erscheinen einerseits Demeter mit ihren Kultgenossen Dionysos und Kore, andererseits Hermes in Rom, aus den früh dem griechischen Einflusse erschlossenen Nachbargemeinden Tibur und Tusculum werden Herakles und die Dioskuren aufgenommen. All diese neuen Gottesdienste bringen griechische Kultformen und teilweise auch griechische Priester mit, griechisch sind die Kultlegenden, griechisch die Götterbilder: der im Bilde persönlich auftretende Gott verlangt ein Wohnhaus, daher tritt für diese neuen Kulte an die Stelle der früher üblichen Haine und offnen Altäre das Gotteshaus, der Tempel. Der alte Gottesdienst erfährt zunächst weder in seiner Geltung noch in seinen Formen irgend welche Veränderung: noch immer eröffnet der Priester des alten Juppiter die Weinlese, indem er ein Lamm schlachtet und die erste Traube schneidet, noch immer wird Anfang und Ende der Kriegszeit durch die altertümlichen Sühnriten und Tänze der Salier gefeiert, nach wie vor halten alljährlich im Februar die Luperci ihren sühnenden Umlauf um die alte Palatinstadt und zieht zur Zeit der Sommersglut der Flamen Quirinalis hinaus vors

Tor, um an der Grenze der römischen Feldmark dem Gotte der Rostkrankheit, Robigus, einen Hund zu opfern und um Fernbleiben der Krankheit von den Getreidefeldern zu bitten: das ganze Jahr hindurch begleiten die Zeremonien des alten Kultus die ländliche und kriegerische Tätigkeit der Gemeinde. Aber daneben stehen die jüngeren und fremden Gottesdienste, die ja in gewöhnlichen Zeitläuften nicht sehr hervortreten und außer dem üblichen Staatsopfer am Stiftungstage des Tempels nur die Huldigungen eines engeren Kreises von Verehrern erhalten, die aber sofort in den Vordergrund treten, sobald Seuche oder Mißwachs, Kriegsunglück oder Bürgerzwist oder andere Heimsuchungen den Staat treffen, oder in Zeiten der Aufregung außergewöhnliche Naturerscheinungen auf das Bevorstehen schrecklicher Ereignisse hinzuweisen scheinen: dann greift man nicht mehr zu den abgenützten und bescheidenen Sühnmitteln des alten Zeremonialgesetzes, sondern zu den sinnfälligeren, das ganze Volk zur Mitwirkung aufrufenden Riten der neuen Gottesdienste: Fasten, Kollekten zur Stiftung von Weihgeschenken und Götterbildern, Götterschmäuse und Volksbewirtungen, Bitt- und Dankprozessionen mit Instrumentalmusik und Chorgesang, Zirkus- und Bühnenspiele, stellenweise sogar Menschenopfer, das sind die Mittel, die eines das andere

überbietend und verdrängend zur Abwendung des Götterzornes 165 angewendet werden. Und je häufiger diese Mittel sich als

wirksam und erfolgreich erwiesen, um so mehr verblaßten die unpersönlichen Götter des alten Glaubens vor den farbenreichen und sinnfälligen Schöpfungen der hellenischen Phantasie. Der alte Gottesdienst, dessen Vernachlässigung oder Umgestaltung die strenge Gewissenhaftigkeit der Römer in religiösen Dingen nicht zuliek, erstarrte vielfach in der Hand der Priester zur inhaltlosen und unverstandenen Form, weil die große Mehrzahl der Gläubigen unter dem Einflusse der griechischen Auffassung in den alten Göttern etwas ganz anderes zu sehen begann, als das, als was sie ursprünglich gedacht waren, und an ihnen nur insoweit festhielt, als sie im stande war, sie in die greifbare

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