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noch häufiger von ihren besten Schriften entweder nicht bestimmt oder durch willkürliche Tradition gänzlich verfehlt sind. Auf der anderen Seite gebot die Pflicht ein begonnenes Werk nach Kräften, eher jetzt als spät, dem Ziele näher zu bringen, und dem Bedürfnisse gemäls vollständig einen kritischen Grund zu legen, welcher den Nachfolgern jeden Grad des Ausbaues leicht und sicher macht. Dieses Motiv entschied; aber ich habe den Entschlufs, wiewohl die Forschung mit gleicher Ausdauer bis zum letzten Strich geführt ist, häufig bereut und bin dieser gelehrten Beschwerden herzlich überdrüfsig geworden, hauptsächlich wegen des unfruchtbaren Ueberflusses an Hülfsmitteln.

Wegen des unfruchtbaren Ueberflusses an Hülfsmitteln! Es klingt unglaublich, aber leicht überzeugt man sich von der Wahrheit. Die ältere Philologie, namentlich die der Niederländer, schlofs ihr Stilleben mit einer langen Folge von Editionen und Apparaten ab: mit Editionen, die keine geringe Zahl von Autoren liegen liefsen oder karg bedachten, wiewohl damals die Studien überwiegend im Römischen Alterthum wohnten, und mit Apparaten, denen man die Detailarbeit im kleinen Stile überall anmerkt. Mit solchen Mitteln eine wohlbegründete Geschifhte der Litteratur zu schreiben war zwar unmöglich, aber sie gönnten der Stimmung und dem eigenen Urtheil einen freien Spielraum. Als die Zeit der Römischen Studien vorüber war, trieb sie der Umschwung der Philologie in unserem Jahrhundert unter Umständen, die stets ungünstiger werden, auf eine Bahn des Fortschrittes, welcher die Mehrzahl der früheren Leistungen durch Geist, Methode und glückliche Benutzung von Handschriften in Schatten stellt. Versäumte Autoren, auch aus unklassischen Zeiten, sind aus der Vergessenheit gezogen und in reineren Texten zugänglich geworden, einige (wie Seneca) leider zu spät, da niemand mehr die alten Sympathien für sie erwecken kann; Fragmentsammlungen und Einzelschriften über verlorene zerstückte verschollene Autoren haben eine beträchtliche Zahl von Lücken ausgefüllt; und wessen Blick vermag die Flut der in Mo

nographien Programmen und Zeitschriften verstreuten, fort und fort anschwellenden Untersuchungen zu fassen, die jeden litterarischen Punkt mit mikroskopischer Schärfe und in unleidlicher Breite zerlegen? Diese in der Gesamtheit rühmlichen Anstrengungen werden zwar einer Litteratur, die seit lange vor anderen Interessen zurückweicht, keinen neuen Boden erobern; desto mehr ist aber zu besorgen dafs jener Ueberflufs an Detailschriftstellerei den innersten Kern des Studiums mehr gefährden als entwickeln werde. Vonjeher hat falscher Fleifs auf der Philologie gelastet und ihr Wachsthum gehemmt; was durch die Ungunst der Zeiten verloren gegangen, läfst sich gerade jetzt nur durch Beschränkung und Vertiefung wieder gewinnen. Noch besitzt die Römische Litteratur viel unangebautes Land, an dem man mit einigen dunklen Begriffen genug zu haben meint; doch selten dringt die Forschlust in solche Winkel, sondern lieber verweilen unsere Monographien auf bekannten Tummelplätzen und im Gewühl streitender Meinungen, ohne gleichwohl die Ergebnisse der Vorgänger aufzunehmen und ergänzend vorwärts auf einen äussersten Punkt der Vollständigkeit zu bringen. Nach und nach sind hieraus auch praktische Uebelstände erwachsen, wie sie noch in reicherem Mafse die Studien der Griechischen Litteratur (Grundr. II. p. XVII.) drücken: ein grofser Theil der Autoren ist den Philologen immer mehr aus den Augen und zugleich aus ihrem Besitz geschwunden, und (was weit empfindlicher scheinen mufs) die Neigung zu den Autoren, über die man so feines Detail erkundet, sehen wir bei der lernenden Jugend und bei den Männern fortdauernd erkalten, geschweige dafs sie nach wie vor ein charaktervolles Moment der Bildung in sich schlössen. Wir wollen diesen trüben Beobachtungen nicht weiter nachgehen; es wird ihnen aber keiner sich entziehen, der einem von den verschiedensten Händen ausgestreuten Material auf den Grund sehen will und, um ein präzises Resultat für die Aufgaben des litterarhistorischen Berichts zusammenzufassen, sehen muss.

Am Schlufs bleiben mir einzele Punkte, die ich kurz berühre. Von dem früheren geschichtlichen Texte sind

bisweilen Gedanken oder Wendungen, aus den ehemals untergesetzten Noten diejenigen Belegstellen und Nachweise beibehalten worden, an denen niemand ändern kann. Da jetzt die Anmerkungen einen gesonderten Platz einnehmen, so durften sie freier und zusammenhängender die vorliegenden Fragen erörtern, als in vereinzelten Noten geschieht, gelegentlich auch an den Leser näher herantreten: während der Text nur den schlichten und als sicher erkannten Thatbestand objektiv aufstellt. In letzterem wird regelmäfsig auf die das Ganze durchziehenden Anmerkungen als den gelehrten Theil der Forschung, worin Belege mit Studien und Keimen einer neuen Untersuchung wechseln, um der Kürze willen verwiesen; wer die Mühe schent die dort niedergelegten Ergänzungen oder Beweismittel zu verknüpfen und gleichsam in den Text zu verweben, mag leicht Angaben vermissen, die viele Lehrbücher dem Publikum in einer bequemeren Weise bieten. In einem so bündig gefafsten Summarium liegt nun einmal ein Zwang, der wie schon bei der Griechischen Litteratur (Grundr. II. p. X.) hervorgehoben worden keinen mehr als den Darsteller drückt. Die Stellung und Zählung der Anmerkungen trifft, da vieles neu gearbeitet und auf andere Plätze vertheilt ist, im ersten Drittel (etwa bis 133.) und sonst nicht völlig mit der früheren zusammen; so wünschenswerth es übrigens war und sein mufs dafs dieser Kern der Arbeit auch in einer äusseren Gleichförmigkeit stehen blieb. Der dritte Punkt, die diplomatische Geschichte des Textes und ein Nachweis über den Zustand des Apparates, des benutzten und des unbenutzten, den das sorgfältige Register der Ausgaben und Subsidien von bleibendem oder historischem Werthe schliefsen mufs, ist ein Beitrag zur oft begehrten Bibliotheca Latina. Den Plan einer solchen (sie wäre das Seitenstück zu der umfangreichen Graeca, Grundr. II. p. XVI.) hat Niebuhr Kl. Schr. I. p. 161. erschöpfend gezeichnet: da sie aber nach seiner wahren Bemerkung nur aus der gemeinschaftlichen Arbeit mehrerer Gelehrten hervorgehen kann, wo jeder überall mit dem kundigsten Editor Schritt halten soll, so wird sie als ein Ganzes und als selbständiges Werk unter die frommen Wünsche gehören. Von

anderer Art sind die Geschichte der Römischen Studien seit Petrarcha (ehemals in den ersten Umrissen der Einleitung p. 42-55. enthalten) und der Anhang mit seinen beiden Kapiteln. Jene gibt einen Beitrag zur buntgewebten Historie der alterthümlichen Philologie bei den Modernen, die vorläufig niemand leicht im Ganzen darstellen und mit all ihrem Detail beschreiben mag; es wäre nicht schwer gewesen mehr Figuren auf den Platz zu bringen samt einer Fülle des biographischen Stoffes und der Bibliographie, wenn der Zweck ein solches Beiwerk erfordert hätte. Bei den umgearbeiteten Kapiteln für juristische Litteratur und Patristik dagegen konnte nur die Absicht sein, dafs Leser die jenen Fächern fern stehen die nothwendigste Notiz in einiger Vollständigkeit erhielten. Am meisten ist eine solche Notiz für die Kirchenväter erschwert, und man wird aus den bändereichen Sammelwerken eher alles andere entnehmen als ein bestimmtes Bild vom Autor in Hinsicht auf Stil und Komposition. Die theologischen und philosophischen Interessen die zuletzt Ritter im 5. und 6. Bande seiner Geschichte der Philosophie behandelte, liegen aufser unserem Gesichtskreise. Endlich ist die Vorrede von F. A. Wolf auch diesmal wie billig wiederholt: ihm gebührt das Verdienst zuerst die Architektonik dieses Faches lichtvoll verzeichnet zu haben.

Vorrede

von

Friedr. Aug. Wolf*).

Auch bei diesem Entwurfe pafst der Titel mehr auf die darüber

zu haltenden Vorlesungen, als auf den Entwurf selbst. Der letztere sollte meiner Absicht nach in der gröfsten Kürze nur ein ganz allgemeines Fachwerk der im Kollegio vorkommenden Materien nebst den Namen der vornehmsten Schriftsteller enthalten, deren Biographie und Litterar - Geschichte mit der Geschichte der Litteratur im Ganzen verbunden werden mufs. Aber wie leistet man diese, in der That nicht leichte Verbindung? und ehe wir noch hievon reden, wäre nicht schon die Notiz der Lateinischen Schriftsteller und ihrer Werke, wie man sie gewöhnlich unter dem Namen von Einleitungen in die Lateinische Sprache, Lateinischen Bibliotheken u. dgl. gegeben hat, zu unserer Absicht hinreichend?

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Niemand wird zweifeln, dafs eine blofse Sammlung Lebensbeschreibungen und Nachrichten von Autoren, ihren Schriften und Ausgaben viel nützliches und brauchbares enthalten könne, und für

Geschichte der Römischen Litteratur: nebst biographischen und litterärischen Nachrichten von den lateinischen Schriftstellern, ikren Werken und Ausgaben. Ein Leitfaden für akademische Vorlesungen ron Friedr. Aug. Wolf. Halle 1787. 45 S. 8." Unvollendet blieb der gleichzeitig unternommene Abrifs Zu den Vorlesungen über die Geschichte der Griechischen Litteratur. Von Fr. A. Wolf. 16 S. 4."

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