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Komposita finden sich aber auch sonst bei Fronto zuerst belegt, so p. 31, 5 encomiographos, 54, 12 in epidicticis, 43, 21 negotio pannychio, 176, 1 philostorgus u. a. Es scheint daher an der Form lepturgata selbst kein Anstoß zu nehmen. Nahe liegt es aber, da die Schlußsilbe ta, wie schon oben angedeutet, minder klar und vielleicht von m. getilgt ist, an das Adj. lepturga zu denken, das dem entgegengestellten Etrusca, das aber wohl nur Lesung der zweiten Hand ist, auch hinsichtlich der Silbenzahl besser entspräche. Auf lepturgus machte bei einer Besprechung der Stelle im Eranos Vindobonensis' Landesschulinspektor Scheindler zuerst aufmerksam. Bezüglich der Form verweise ich einerseits auf Hom. Hym. 31, 14 καλόν δε περί χροι λάμπεται έσθος | λεπτουργές, andrerseits auf lettovoyós, substantivisch gebraucht, bei Diod. 17,115,1, die Verbindung im Edict. Diocl. 7,3 (ne)ntovojo TEXveitn und lentovoyıxé Dittenberger? 932, 56. Für die Erklärung des m. E. von m." dem lepturga gegenübergestellten Etrusca kann ich mich am besten der Worte 0. Benndorfs in seinem den 20. Juni 1879 an Studemund gerichteten Briefe bedienen: „Mit Etrusca ist ein noch altertümlicher Stil gemeint (Müller, Etrusker ed. Deecke II, p. 275 f.), den man bei Kalamis noch finden konnte, obwohl Quint. 12, 10, 7 sagt: duriora et Tuscanicis proxima Callon atque Hegesias, iam minus rigida Calamis etc.*) Dem müßte dann bei Polyklet als Gegensatz entsprechen ein Wort, das auf die Proportionen, die Symmetrie, den Dekor, das Kanonische etc. Bezug hätte. Urbana, was mir zunächst einfiel, ist es gewiß nicht. Ob Etrusca nicht Glossem für Tyrrhena ist und die Verderbnis tiefer steckt?“ Es hatte also schon Benndorf an der Richtigkeit von Etrusca gezweifelt, obwohl ihm die Unsicherheit der Lesung dieses Wortes und seines Gegensatzes unbekannt gewesen war.

Was die Schreibung der ersten Hand anlangt, so scheint mir m.? die Zunge des unzialen e und das Köpfchen des t (in Etrusca) dem ursprünglichen ci hinzugefügt zu haben; das Weitere deutet auf rorga von m.', also cirorga, womit offenbar chirurga gemeint war. Ich glaube, daß dies in formeller und wohl auch in sachlicher Hinsicht dem lepturga besser entspricht als Etrusca. Bei xelpovoyós, χειρουργία, χειρουργικός, χειροτέχνης usw. fallt nämlich der Nachdruck ohne Zweifel auf das Manuelle und Handwerksmäßige.

*) Vgl. Cic. Brut. 70 Calumidis (signa) dura illa quidem, sed tamen molliora quam Canachi.

Abgesehen von der auch uns geläufigen medizinischen Anwendung (vgl. übertragen bei Cic. Att. 4, 3, 3: Ipse occidi potuit, sed ego diaeta curare incipio, chirurgiae taedet von gewaltsamen, gröberen Mitteln) verweise ich auf Aristot. Pol. 8, 6 XELQovoyixñs ĚTLOTńuns von der Fertigkeit, Musikinstrumente mit der Hand zu schlagen; Pollux 2, 148 bezeichnet das Wort Xelpovoyòs als £útenés; in üblem Sinne steht das Zeitwort übertragen bei Antipho p. 113, 34, Cass. Dio 57, 22, Philo I p. 615, 3, obszön bei Diog. Laert. 6, 46. Wenngleich die abträgliche Bedeutung gelegentlich (so bei Aelian Hist. an. 4, 27) zurücktritt, so bleibt sie im Gegensatz wie hier ungeschwächt erhalten. Ist das Ausgeführte richtig, so wird der Thesaurus diese neue Gebrauchsweise von chirurgus und lepturgus (m.' corr.: lipt.) zu verzeichnen haben.

Nach der von mir schon in den Mitteilungen des k. deutschen archäolog. Institutes a. 0. gegebenen Behandlung des folgenden über die griechischen Maler Parrhasios, Apelles, Nealkes, Protogenes, Nikias und Dionysios handelnden Satzes erübrigt nur dessen fragwürdiger Schluß aut lascivia Euphranorem aut Pausiam <proe(1>ia. So schreibt Mai; dazu will aber schon seine eigene Bemerkung nicht stimmen: 'Carie exesa est tum hoc tum aliis locis membrana huius paginae. Et quidem heic quatuor aut quinque litterae amissae videbantur in lacuna, praeter incertas duas quas uncis inclusi. Scripsi autem proelia propter Euphranoris tabulam proelii equestris, quam celebrat Plinius 35, 11 cum Pausania 1,3. Ebensowenig entspricht die von Brakman (a. O. I p. 26) gegebene Ergänzung amplifica seiner eigenen Angabe bezüglich der Lücke. *) Daß zu lascivia (denn so ist sicher und ohne Korrektur überliefert) amplifica (großmächtig) keinen Gegensatz bildet, ist nicht

*) Er gibt zunächst in einer Nachzeichnung der Stelle den Rest eines a, dann eine Lücke von drei Buchstaben, ferner vier gerade Hasten und la als vorhanden an, indem er l und die zwei davorstehenden Striche als fraglich bezeichnet. Dazu fügt er folgende Erläuterung: Post Pausiam in fissura perierunt tres quattuorve litterae, quarum primam fuisse a etiamnunc in codice me demonstrare posse contido. Statim post fissuram li exaratum est, tum sequuntur 4 litterae incertiores, ultima certe est a. Quid plura? Fuit amplifica (nisi omnia me fallunt), quod egregie ad sensum quadrat. Conferri potest 150:4 Tibi .... sublime et excelsum et amplificum ingenium ab dis datum est.' Daß Widersprüche zwischen der Nachzeichnung, der Erklärung und der angeblich daraus sich ergebenden Konjektur vorliegen, brauche ich nicht eigens auszuführen. R. Klussmann hatte an grandia gedacht.

minder klar. Studemund hat sich über diese Stelle keine nähere Notiz gemacht. Ich selbst habe bei mehrfacher Einsicht in den Palimpsest und unter Zuhilfenahme einer gelungenen Photographie eint (sicher eine entsprechende gerade Hasta, die in ein nicht ganz klares s verbessert erscheint) bemerkt, dann von unsicheren Resten des zweiten und dritten Buchstabens abgesehen als Überbleibsel des weiterhin nur mehr vorhandenen siebenten (bezw. achten) die rechte Seite von a, weiter sicher sa, endlich nur teilweise leserlich wahrscheinlicher tura als das wohl auch mögliche llita. Der Raum ist durch die vom Korrektor, wie gewöhnlich, zum Satzschluß gesetzte Interpunktion (die Virgula über der Zeile) abgegrenzt und dadurch wird anderes, z. B. -turata als zu lang ausgeschlossen. Die mir glaublichste Lesung satura erergibt zudem eine formell und inhaltlich passende Fassung. Danach werden wir lascivia in Verbindung mit dem schon bei Plaut. Poenul. Prol. 8 (saturi fite fabulis) so konstruierten satur als Ablativ fassen und in den nach Pausiam erhaltenen kümmerlichen Resten t ....... a den Gegensatz dazu suchen müssen. Wie dem Pausias und seinen Werken übersprudelnde Lebenslust, so wird dem Malerprofessor' Euphranor großes Behagen an würdevoll strengen, ernsten, ja traurigen Szenen und Gestalten*) zugeschrieben werden können. Es wird der lascivia sonach die tristitia entgegenstehen, wie z. B. Sall. Cat. 31,1 und Plin. N. H. 9, 34; für tristitia als Synonymum von severitas und gravitas, vgl. Cic. Lael. 66, Off. I 108, Nep. Epam. 2, 2. Die wohl von m.2 herrührende Änderung des anlautendent in s führt zunächst auf saeviti)a, das aber für Euphranor viel weniger charakteristisch wäre, obwohl es formell mit satura alliterierte; vgl. auch Livius 2, 29, 2: lascivire magis plebem quam saevire. Das den Raum gleichfalls deckende segnitia **) scheint für den Genannten geradezu unpassend (Plin. N. H. 35, 128). An der Verbindung lascivia (tristitia) satura wird aber kein Anstoß zu nehmen sein. Denn satur steht bekanntlich gern von satter Farbe oder farbensatten Gegenständen, wie

Man denke an seine Götter- und Heroenbilder, die verfolgte Latona, den wahnsinnigen Ulixes, die Schlacht bei Mantinea, die Statue der betenden Matrone, die Gemälde palliati cogitantes und dux gladium condens (Plin. N. H. 35, 129).

**) Das sachlich entsprechende symmetria überschritte den Raum und würde ebenso wie sollertia keinen entsprechenden Gegensatz zu lascivia bilden.

bei Verg. Georg. 4, 337 vellera hyali saturo fucata colore; Plin. N. H. 37, 170 rarum ut (ion) saturo colore luceat; Sen. Thyest. 956 vestes Tyrio saturae ostro; so auch das Substantiv bei Plin. N. H. 9, 138 ille pallor saturitate fraudata und vom Partizip findet sich das. 21, 46 auch die Komparativform (color) saturatior . Die Verknüpfung von satur mit lascivia und tristitia ist allerdings kühner als etwa Cic. Div. 1, 61 (mens) erecta saturataque bonarum cogitationum epulis, Flacc. 17 omni largitione saturati, Planc. 20 in hominibus iam saturatis honoribus, Re publ. VI 2 gravitatis suae liquit illum tristem et plenum dignitatis sonum u. ä. Vielleicht gab die griechische Schrift, die Fronto für diese Stelle eingesehen haben mag, hierfür wie für die Übertragung von lepturga und chirurga den nächsten Anstoß.

Gegen das dem verfügbaren Raume und den Zügen des Palimpsests allenfalls auch Genüge leistende sallita scheinen mir sprachliche Bedenken zu bestehen*); übrigens empfiehlt schon der Sinn die Verbindung nicht.

Daß an unserer Stelle auf eine Reihe einfacher substantivierter Adjektive die Konstruktion mit Abl. folgt, entspricht nur der auch sonst und gerade im Vorhergehenden und Nachfolgenden von Fronto beobachteten Variatio; denn die Reihe von Adjektiv

*) Sallita findet sich seit Cato bis in die späteste Zeit (vgl. Vulg. Ez. 16, 4 sale sallitus) in der Grundbedeutung „eingesalzen“ nicht eben selten. Ob aber auch neben dem in übertragener Bedeutung klassisch gebräuchlichen sulsus im Sinne von „gesalzen, beißend, scharf“? Bei Novius Com. 117 (SI) salliturus istaec est, mittam salem wird es wörtlich zu verstehen sein. Cornelius Severus, der Dichter des Epos bellum Siculum, könnte allerdings mit seinem Fragmente bei Diomedes p. 375, 22 distractos atque sallitos, das J. Bekker (Zeitschr. f. Altertumwiss. 1848, S. 594 ff.) mit den Worten bei Priscian 10, 57: Cornelius Severus in VIII de statu suo: ad quem salliti pumiliones afferebantur scharfsinnig in der Weise zu vereinigen suchte, daß er Cornelius Severus in VIII: distractos atque sallitos pumiliones aspernabantur schrieb, nicht zerstückte, gesalzene Zwerghühner, sondern vom Völklein der acuti et dicuces Siculi stammende mißgestaltete Zwerge gemeint haben, die sich produzierten, wie auch sonst noch Bruchstücke desselben zitiert werden, die sich auf Theatralisches beziehen, so tragica syrma und flavo praetexerut ora galero; doch bleibt der Bezug sehr fraglich. Auch die bekannt frühe Übertragung von sal und Verwandtem auf Geistiges (Plaut. Stich. 92: Quia ita meae animae salsura evenit, Rud. 517: Qui te ex insulso salsum feci opera wea u. a.) und die weit häufigere von condire (z. B. Lucil. 1123 Mx, Cic. Att. 12, 40, 3, De or. 2, 227) könnte die Verbindung lasciviā (tristitiā) sallita hier nicht rechtfertigen.

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Edmund Hauler: Lepturgus, chirurgus u. ä. bei Fronto.

formen wird durch ludicra aut .. deum simulacra eingeleitet und nach unserer Stelle werden die zur Charakterisierung von römischen Historikern verwendeten Adverbia structe, incondite, lepide, invenuste, longinque durch das Glied verbis Cato multiiugis, Coelius singulis abgeschlossen, auch hier mit Traiectio, an unserer Stelle überdies noch durch Chiasmus hervorgehoben.

Die Fassung des ganzen Satzes ist daher nach meinen obigen Ausführungen und denen in den Mitteil. d. deutschen arch. Inst., röm. Abt, a. O. folgende: Quid? si quis postularet, ut Phidias ludicra aut Canachus deum simulacra fingeret aut Calamis lepturga[ta] aut [ut] Polycletus c(h)irurga (m.2: Etrusca)? Quid? si Parrhasium versicolora pingere iuberet aut Apellen unicolora aut Nealcen magnifica aut Protogenen minuta aut Nician obscura aut Dionysium industria aut lascivia Euphranorem aut Pausiam tristiti)a (m.4: s(aeviti)a) sa{tura)?

Findet der hochverehrte Altmeister, daß damit die Wahrheit wenigstens zum Teil gefördert worden ist, so wäre ich für die Zeit und Mühe, die ich auf die Lesung und Bebandlung dieser durch ihre Lückenhaftigkeit, Rasuren und Korrekturen besonders schwierigen Stelle verwendet habe, reichlich belohnt; wenn nicht, so hilft gewiß sein glänzender Scharfsinn und sein feines Sprachgefühl weiter.

Wien.

Edmund Hauler.

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