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Mania und Lares.

Nonius überliefert uns an zwei Stellen, p. 538 und 542, dieselben Verse aus Varros Satire Sesculixes (Bücheler 463): suspendit Laribus marinas mollis pilas, reticula ac strophia. An beiden Stellen gibt er das unmögliche marinas, das Meursius in manias verbessert hat. Diese Konjektur hat fast allgemeinen Beifall gefunden.*) Die hohe Bedeutung der varronischen Verse liegt darin, daß sie uns ein Bild aus dem lebendigen Larenkult geben, ohne gelehrte Deutungen und Kombinationen. So haben denn auch alle, die diesem ihre Aufmerksamkeit zuwandten, in ihnen eine wertvolle Begründung bezw. Bestätigung ihrer Theorien gefunden.

Die Frage ist zunächst: Wer hängt die Gegenstände auf, und was ist das, was aufgehängt wird? Nach Paul. Fest. p. 121 und 239 werden den Lares pilae et effigies viriles et muliebres ex lana an den Compitalia am compitum aufgehängt, und durch Macrob. sat. 1, 7, 35, wo vom Aufhängen von effigies für die dea Mania mater Larum erzählt ist, wird es sehr wahrscheinlich, daß die aufgehängten Puppen maniae hießen. Das legt in der Tat nahe genug, auch bei Varro maniae zu lesen, wie seit Meursius geschieht.

Wäre uns auch nichts von antiker Spekulation über diesen Punkt erhalten, so dürften wir doch getrost glauben, daß die römischen Antiquare im Aufhängen jener Puppen die Ablösung ehemaliger Menschenopfer gesehen hätten. Wirklich ist es auch so gewesen, wie die angeführten Stellen bei Paul. Fest. und Macrob bezeugen. Die Neueren sind in der Annahme solcher Substitutionsopfer nur allzu gelehrige Schüler der Alten gewesen und haben sich natürlich auch in unserem Fall ihnen angeschlossen. Nach ihrem Vorgange hielt man die Lares für die Seelen der verstorbenen, die man am Feste durch stellvertretende Opfer, nämlich das Aufhängen eben jener Puppen, begütigen müsse. Mit

*) Lindsay vermutet in seiner Ausgabe amarinas (für Amerinas). Archiv für lat. Lexikogr. XV. Heft 1

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als es

wie wenig Kritik diese Meinung festgehalten worden war, haben Wissowas Darstellungen im Artikel Lares in Roschers Lexikon und in dem betreffenden Kapitel seines Buches Religion und Kultus der Römer schlagend erwiesen. Nach ihm besteht nicht der leiseste Grund, die Lares in den Kreis der Unterirdischen einzureihen.

Kürzlich fand jedoch die alte Anschauung einen hartnäckigen Verfechter in E. Samter, der seinem Buche über die Familienfeste der Griechen und Römer ein eigenes, gegen Wissowas Ausführungen gerichtetes Kapitel über den Larenkult anschloß, worin er den Glauben, die Laren seien die Seelen der verstorbenen Vorfahren, neu zu begründen und durch allerlei Parallelen aus anderen Religionen zu befestigen suchte. Das veranlaßte wiederum Wissowa, sich noch schärfer zu fassen, und alles von Samter zugunsten der Seelentheorie Vorgebrachte nach sorgfältiger Prüfung für völlig beweislos zu erklären (Archiv für Religionswissenschaft VII S. 42 ff.: Die Anfänge des römischen Larenkultes). Ich glaube, daß diese Kritik in fast sämtlichen Punkten zu Recht besteht. Wir müssen die antiken Zeugnisse viel schärfer ansehen, Samter tut, wenn er, was Wissowa ungerügt läßt, in den Worten des Plinius nat. hist. 28, 27 den bekannten verbreiteten Glauben wiederzufinden glaubt, daß die bei der Mahlzeit zur Erde gefallenen Brocken den „armen Seelen" gehören. Plinius spricht unmißverständlich nur von der schlimmen Vorbedeutung, die ein zu Boden fallender Bissen hervorbringe; deren piatio sei das Verbrennen des Bissens im Herdfeuer (ad Larem) ein von dem erwähnten völlig verschiedener Gedanke.

Trotzdem scheint es mir nicht unnütz, auf einige Punkte hinzuweisen, die bisher zu wenig Beachtung gefunden haben, und durch die Wissowas Schlüsse doch etwas von ihrer zwingenden Beweiskraft verlieren könnten.

Eine wichtige Rolle in seinem zuletzt erwähnten Aufsatze spielen die eingangserwähnten Verse Varros (S. 54). Was schon früher von anderen vermutet worden ist, gilt ihm für evident: es handle sich um ein Mädchen, das beim Austritt aus dem Kindesalter den Laren ihr Spielzeug, Puppen (manias) und Bälle, sowie Teile ihrer Kinderkleidung (reticula ac strophia) aufhänge, wie die Knaben ihre bullae zu weihen pflegten. Gegen diese gewil bestechende Erklärung scheint mir aber doch manches zu sprechen. Ein strophium kann nicht zur Kinderkleidung gehört haben, die Notwendigkeit, es zu tragen, tritt erst ein, wenn die Periode der Kindheit vorüber ist. Eben wegen des Wortes strophium führt Nonius Varros Verse an, nachdem er die drastische Erklärung vorausgeschickt: strophium est fascea brevis, quae virginalem horrorem cohibet papillarum (p. 538). Das Mädchen in dem Epigramm der Anthol. Palat. 6, 280, das offenbar direkt beim Austritt aus dem Kindesalter heiratet, weiht der Artemis zwar ihre Puppen, den Ball und anderes Kinderspielzeug, zusammen mit dem Haarnetz und der Kinderkleidung, aber kein Busenband Es muß aber noch ein viel wichtigeres Bedenken erhoben werden. Sind denn maniae Puppen, mit denen die Kinder spielen? Der Scholiasta Cruq. zu Horaz sat. 1, 5, 69, den Wissowa im Arch. für Religionswiss. VII, S. 54, 2 anführt, sowie Persius 2, 70 mit den Scholien sprechen von pupae, wie zu erwarten. Maniae dagegen sind, wie wir durch Aelius Stilo (Fest. p. 129) und Sinnius Capito (Fest. p. 145) wissen, fratzenhafte Schreckgestalten, zuweilen in Teig nachgebildet, mit denen die Ammen den Kindern zu drohen pflegten (vgl. noch Schol. zu Persius 6, 56). Zum Schimpfwort wurde mania ähnlich wie larua. In Aricia scheint man aus einem Lappen eine Puppe hergestellt zu haben, die mania genannt wurde (so nach dem Vorschlag von Otto, Sprichwörter unter Multi Mani Ariciae bei Fest. p. 145 zu lesen). Wie sollte sich eine solche Gestalt zum Kinderspielzeug eignen? Kinderpuppen sind also sicherlich in dem. varronischen Verse nicht gemeint Aber auch abgesehen davon wäre es doch kaum verständlich, wie den römischen Erklärern, die sich bemühten, den Sinn und Ursprung des Aufhängens der Puppen und Bälle an den Compitalia zu eruieren, so völlig hatte entgehen können, daß die Aufhängenden nur Kinder waren, und, was sie aufhingen, nichts anderes als Kinderspielzeug

Ganz anders der Gedankengang von Wissowa (Roschers Lexikon s. v. Mania). Nach ihm ist mania der Name für eine Kinderpuppe, die den Laren am Ende der Kinderzeit aufgehängt worden ist. Das Wort mania sei „dann“ zur Bezeichnung eines Popanzes geworden, und maniae im Volksglauben an die Seite der laruae als Gespenster und Spukgestalten getreten; und so sei man schließlich zu der Mania in der Einzahl, als einer selbständigen Göttin gekommen. Das heißt denn doch den Sachverhalt gewalttätig umkehren. Daß je eine Kinderpuppe inania genannt worden, ist nirgends bezeugt; wo vom Aufhängen solcher die Rede ist, heißen

an

sie pupae. Dagegen ist gut bezeugt, daß man unter mania ein Fratzengesicht verstand, und daß die Ammen den widerspenstigen Kindern mit der Mania drohten. Das macht doch den Eindruck großer Altertümlichkeit. Sollte der Grund lediglich ein gelehrtes oder volkstümliches Mißverständnis sein, weil man in einer gewissen Zeit vergessen hatte, daß die an der Kompitalkapelle und

den Haustüren aufgehängten Puppen in Wirklichkeit nur Kinderspielzeug waren? Ich vermag das nicht zu glauben.

Welcher Art waren die Wesen, die man als maniae in Puppenform darstellte? Ihre charakteristische Häblichkeit weist sie unbedingt in den Kreis der unheimlichen, gespenstigen Kreaturen, wie die laruae es waren, deren Name ebenfalls zur Bezeichnung eines Fratzengesichtes verwendet worden ist. Dann muß ihr Name aber mit dem der manes zusammenhängen, und so tut sich plötzlich die Einsicht auf, daß die manes mit den Lares in enger Verbindung gestanden haben müssen, daß das Wesen der letzteren von dem der ersteren nicht prinzipiell verschieden gewesen sein kann. Und jetzt wird es auch erlaubt sein, das nächtliche Aufhängen der Puppen, trotz Wissowas Einspruch (Arch. f. Religionswiss. VII S. 55) in diesem Sinne zu verstehen. Leider gibt uns unsere Überlieferung keinen brauchbaren Wink darüber, was man sich ursprünglich dabei dachte, wenn man die maniae den Laren aufhing. Denn die Behauptung, jede mania sei als ein stellvertretendes Opfer für einen lebenden Menschen aufgehängt worden, gehört zum festen Bestand der in den allermeisten Fällen sicherlich falschen gelehrten Spekulation der Alten, die wir uns hüten sollten, immer wieder nachzusprechen. Jedoch sehe ich nach all diesem keinen Grund, mit Wissowa dem Zeugnis Varros (de ling lat. 9, 61; vgl. Macrob. sat. 1, 7, 35), daß Mania ein Name für die mater Larum gewesen sei, zu mißtrauen, wenn auch die Arvalakten (vgl. Henzen p. 145) ibn nicht nennen. Varros Bemerkung macht gar nicht den Eindruck, auf gelehrter Spekulation zu beruhen, und mag auch ursprünglich die mater Larum ohne weiteren Namen so bezeichnet worden sein, wie wir sie in den Arvalakten finden, so ist damit noch nicht erwiesen, daß ein später hinzugetretener zweiter Name, nämlich Mania, ihrem Charakter nicht entsprochen hätte, sondern gelehrter Kombination sein Dasein verdankte.

Die Überlieferung scheint also zu verlangen, daß wir die Lares dem Kreise der Unterirdischen zurechnen. In früheren

Zeiten schien dieser Zusammenhang evident schon im Namen ausgedrückt zu sein, der so sehr an die Unterwelts- bezw. Totengöttinnen Larenta und Larunda erinnert. Die Sicherheit dieser Überzeugung hat Mommsen Röm. Forsch. II S. 3 nachhaltig erschüttert durch den Hinweis auf die verschiedene Quantität der a in Lăres einer- und Lārenta, Lārunda andrerseits. Wissowa schloß sich an und hat zuletzt (Archiv f. Religionswiss. VII S. 51) den sehr unmethodischen Versuch Samters (Familienfeste S. 115 ff.), der unbequemen Verschiedenheit der Quantität durch Annahme dichterischer Lizenz in der Messung auszuweichen, gebührend zurückgewiesen. Ist denn aber damit die Sache wirklich erledigt? Sollen wir der Quantität der Wurzelsilbe wegen Worte für unbedingt verschiedenartig halten, die sonst so große lautliche Ähnlichkeit zeigen und deren Begriffe möglicherweise nahe miteinander verwandt sind? Soll die bekannte Vokalabstufung in der Wurzelsilbe hier garnicht in Betracht gezogen werden dürfen? Kennen wir nicht, um ein triviales Beispiel zu wählen, ăgo-ambāges, ja lautet nicht der Nominativ Lār neben Genetiv Lăris, wie māsmăris, pār-păris, vās-vădis ?*) Wenn irgendwelche andere Überlegungen es nahelegen, die Laren in den Bereich der Unterweltsgottheiten hineinzuziehen, so wird, meine ich, die Möglichkeit einer Verwandtschaft zwischen den Namen Lăres und Lārenta, Lārunda zur hohen Wahrscheinlichkeit.

Die hauptsächlichste öffentliche Verehrungsstätte der Lares ist das Compitum, der Kreuzweg. Dort stand ihre Kapelle, die so viele Eingänge hatte, als Grundstücke dort zusammenstießen, und vor jedem der Eingänge stand auf jedem der Grundstücke ein Altar, so daß der Eigentümer auf eigenem Boden vor der offenen Kapelle den Laren opfern konnte (vgl. Wissowa, Archiv f. Religionswiss. VII S. 48). Wissowa meint nun dies so auffassen zu müssen, daß in dem Kompitalheiligtum so viele Lares verehrt worden seien, als es Öffnungen hatte, d. h. als Grundstücke dort zusammenstießen. Diese drei oder vier Lares seien die Beschützer der einzelnen Felder gewesen und dort von den Anwohnern gemeinsam verehrt worden. So viel ist ohne weiteres zuzugeben, daß die Verehrung der Laren am Kreuzweg für sich allein betrachtet nichts mit dem am Kreuzweg konzentrierten Seelenglauben

*) So richtig auch De-Marchi, Il culto privato di Roma antica I S. 36 Anm. 1.

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