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Daß die Perfektform amare in die Schriftsprache keinen Eingang fand, kann darin seine Erklärung haben, daß sich der Gebildete dagegen sträubte, diese dem Infinitiv völlig gleiche Form als Perfekt zu verwenden. Ich nehme die Form also zunächst für die Volks- oder Umgangssprache an. Hier verlor man aber allmählich das Gefühl dafür, daß z. B. in parare ein 3. plur. perf. vorlag; parare wurde als unflektierbare (Infinitiv-)Form aufgefaßt und infolgedessen konnte man z. B. nicht nur illi parare, sondern auch ille, nos, ego parare sagen. Die Verba der ersten Konjugation (und die wenigen von dem Typus deleo), welche eine Infinitiv-ähnliche Perfektform zulassen, repräsentieren zwar durchaus nicht die Mehrzahl der lateinischen Verba, sind aber gewiß häufig genug, um den nächsten Schritt der Entwicklung per analogiam herbeigeführt zu haben: daß man auch unzweideutige Infinitive in derselben Weise gebrauchte, z. B. illi, ille, nos, ego, facere.*

Wenn diese Hypothese richtig ist, so ist es erklärlich, nicht nur daß das Subjekt im Nominativ steht, sondern auch daß der historische Infinitiv vorwiegend im Präsens und im Aktiv vorkommt. Wenn sich auch die Bedeutung des historischen Infinitivs später oft mehr dem Imperfekt näherte **), so dürfte dies doch wohl der Hypothese wenig Abbruch tun. Der Umstand aber, daß, wie Wölfflin ***) hervorhebt, „Cäsar nahe daran war, den Inf. hist. als eine rohe Konstruktion aus der Literatursprache zu verbannen, und Cicero das Gefühl hatte, daß die Konstruktion sich nicht gut mit einem guten Stile vertrage"), scheint mit der vorgeschlagenen Erklärung gut im Einklang zu stehen.

*) Daß eine ganze Reihe von Formen verhältnismäßig sehr wenigen Formen ihren Ursprung verdanken, ist durchaus nicht beispiellos in der sprachlichen Entwicklung, sondern eine längst festgestellte Tatsache (vgl. z. B. Delbrück, Einleitung in das Sprachstudium [Leipzig 1880], S. 107). Was im übrigen den Vorgang betrifft, daß eine Perfektform fälschlich als Infinitiv aufgefaßt wird, so kann eine ähnliche Erscheinung zum Vergleich herangezogen werden: die ursprüngliche Partizipialform legimini veranlaßte, seit sie nicht länger als Partizip, sondern als finite Verbalform empfunden wurde, sogar die Entstehung von neuen Formen wie legebamini usw.

** Über diesen Punkt gehen die Meinungen etwas auseinander, vgl. Jänicke, Erklärung und Gebrauch des sog. Inf. hist., Neue Jahrb. f. Philol. u. Päd. 1895, S. 134. Daß der historische Infinitiv oft eine aoristische Bedeutung hat, ist wohl nicht zu leugnen.

***) Die Entwicklung des Inf. historicus, Archiv f. lat. Lexikogr. X, S. 185. +) Er bedient sich, wie Wölfflin bemerkt, der Konstruktion am häufigsten in den Briefen an Atticus.

Stockholm.

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M. Wisén.

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Literatur 1906. 1907.

Gonzalez Lodge: Lexicon Plautinum. Vol. I fasc. 2. 3. 4. 1903. 1904. 1906. Lips. Teubn. p. 97-384. Lex. 8°. (alius dico).

Warum wir das vorliegende Werk nicht ein streng wissenschaftliches nennen können, ist oben XII 588 angegeben. Der Verf. verzichtet zu viel auf sein eigenes Urteil, da ihm alle Interpreten und Editoren gleich viel gelten. In fasc. 4 folgt die Erklärung: in fasciculo quarto (inde a fasciculo quarto?) quoad potui, adhibui lectiones editionis recentissimae Oxon. 1903-1905; aber wie er sich zu Lindsay und Leo stellt, wird nicht angegeben. Dafür hätte manches wegbleiben können, wie die spaltenlange Aufzählung wertloser Korruptelen, z. B. wie at oder aut korrumpiert worden, oder alle Varianten betr. assimilierter Präpositionen in zusammengesetzten Verben.

Wir hatten daher anfangs im Stillen befürchtet, das Werk werde aus Mangel an Abnehmern stecken bleiben. Daß dem nicht so ist, läßt sich indessen gut begreifen. Denn einmal gibt Lodge, auch bei den Partikeln, sämtliche Belegstellen, was der Thesaurus bekanntlich nicht überall zu tun in der Lage ist, und dann findet, wer nur den plautinischen Sprachgebrauch kennen lernen will, alles nebeneinander zusammengeordnet. An der Spitze jedes die Flexibilia betreffenden Lexikonartikels findet sich nämlich eine Rubrik 'Forma', in welcher alle vorkommenden Formen kurz zusammengestellt sind. Weniger praktisch ist es, daß das Verzeichnis der zahlreichen Abkürzungen (#, S von e durchschlungen etc.) nur der ersten Lieferung beigedruckt ist, so daß man diese entweder im Kopfe oder doch den Umschlag von Fasc. 1 zur Hand haben muß.

Adolf M. A. Schmidt: Beiträge zur livianischen Lexikographie. VI. Teil. Gymn. Progr. St. Pölten. 1906. 26 S. 8o.

Das Programm schließt sich an das von 1905 (ob, propter) an, und behandelt die kausalen Partikeln: causa, gratia, ergo, prae, unter Angabe sämtlicher Stellen. Dies gewinnt dann an Wert, wenn das Fehlen (bzw. die sichtliche Vermeidung) gewisser Partikeln (ergo bei Caesar) konstatiert wird, oder wenn es sich darum handelt, die Sprache des Livius von der seiner Quellen (z. B. Piso, Valerius Antias) zu unterscheiden, oder wenn die handschriftliche Überlieferung nicht übereinstimmt. Die kritisch behandelten Stellen sind S. 26 Ende aufgeführt, wozu noch kommt, daß (S. 4) die Darstellung causa ignominiae

und causa ludorum nach Madvig bezweifelt wird, weil sie bei Livius nur zweimal (40, 41. 44) vorkommt, eine Frage, welche übrigens nur unter Vergleichung der älteren und gleichzeitigen Autoren beantwortet werden kann. Vgl. Archiv I, 161 ff. Daß in causa der,,Sinn der Bestrafung" oder Belohnung, in ergo der der Vergeltung liege, würden wir nicht sagen, da sich derselbe erst durch den hinzutretenden Genetiv ergibt: wichtiger wäre es, auf die Etymologie von ergo zurückzugehen.

Vocabularium iurisprudentiae Romanae. Tom. II. fasc. 1 dactyliotheca-doceo. Berol. 1906.

Die lexikographische Arbeit ist eine so aufreibende, daß nicht alle Philologen die Kraft besitzen, dabei auszuharren und daß jeder Abtausch gegen andere Arbeit als ein Vorteil empfunden wird. Der ganze Generalstab, der die Ausführung des Planes begonnen hatte, hat seine Studien nach einer anderen Seite gewandt, und man mußte sich glücklich schätzen, in Grupe einen Schüler Studemunds zu finden, welcher der Aufgabe gewachsen war. Möge er ihr treu bleiben! Sein Weg ist ihm vorgezeichnet. Denn da Angabe sämtlicher Stellen gewünscht wird, so lassen die vier Quartbände keinen Raum Untersuchungen anzustellen. Man kann in dem Buche nicht mit Genuß lesen, sondern nur nachschlagen. Nichts liegt uns ferner als zu bekritteln; aber das müssen wir doch einsehen, daß wir dem aufopferungsfähigen Fähnlein der Lexikographen, und besonders den ausharrenden, viel mehr Dank schuldig sind, als man gewöhnlich glaubt.

P. Huvelin: Stipulatio stips et sacramentum. 31 S. Naples. Imprimerie L. Pierro et Fils. 1906.

Zu dieser Abhandlung wurde der auf dem Gebiete der römischen Rechtsgeschichte rühmlich bekannte französische Gelehrte angeregt durch die Untersuchung S. Schloßmanns über Stipulari im Rhein. Museum 59, 346 ff. In der Ableitung des Wortes stipulari von stipula, dem Deminutivum von stips, stimmen beide Schriftsteller überein. Schloßmann nimmt an, aus der ursprünglichen Bedeutung von stips, stipula Halm, Hälmchen habe sich die Bedeutung Gabe, Spende, Geldbeitrag in der Weise entwickelt, daß das Sammeln und Zusammenschießen von Geldbeiträgen bildlich als Ährenlese bezeichnet wurde. Diese Ansicht wird von Huvelin bekämpft. Er stellt die Hypothese auf, stipulari bedeute ursprünglich ein Geschäft, bei dem eine Leistung versprochen und von dem Versprechenden ein Geldbetrag eingesetzt wurde, der den Göttern verfiel, wenn der Versprechende sein Versprechen nicht erfüllte. Huvelins Gedankengang ist folgender. Wenn stipula Halm bedeutet, muß stips, das Stammwort des Deminutivums, den Zweig, den Stamm oder die Stange bedeuten. Nun hatte das älteste aes signatum die Form von Barren oder Stangen, die durch Querstriche, Punkte oder kugelförmige Marken gezeichnet waren. Diese Kupferbarren nannte man ihrer Form wegen stipes. Die Erinnerung an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes zeigt sich in der nodosa

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stips Stange mit vielen Querstrichen, von der Valerius Maximus (2, 9, 1) als einer beträchtlichen Junggesellensteuer redet. Daß stips Geld bedeutet, wird von Varro de lingua lat. 5, 182 und von Festus (ed. Müller p. 297) direkt bezeugt. Durch den Bedeutungswechsel hat stips seine ursprüngliche Bedeutung eingebüßt. Seitdem stips Geld bedeutet, muß das Deminutivum stipula kleines Geld bedeuten. Nun berichtet Varro a. a. O., daß man von demjenigen, welcher pecuniam alligat, sage, daß er stipuliere und restipuliere. Alligare pecuniam aber ist das Einsetzen von Geld zur Sicherung eines Versprechens. Dieses Geld verfällt den Göttern, wenn der Versprechende sein Wort nicht hält, gleichwie das sacramentum verfällt, wenn sich die Behauptung der Prozeßpartei als falsch erweist; denn die sponsio ist eine Art von eidlichem Versprechen, nämlich ein Versprechen unter Anrufung der nationalen Götter, denen im Falle des Wortbruchs eine Buße entrichtet werden mnß. Der Geldeinsatz wurde dann auf das Versprechen übertragen, das ein Peregrine abgab. Dieser konnte keine sponsio vornehmen, weil er die nationalen Götter nicht anrufen konnte. Aber er mußte ein Geldstück einsetzen, das als Bekräftigung seines Versprechens galt. Der Geldeinsatz wurde im Laufe der Zeit immer geringer und verflüchtigte sich schließlich zum symbolischen Einsatz einer kleinen Münze; die stips wurde zur stipula.

Die von Huvelin gegebene Erklärung des Bedeutungswechsels von stips halte ich für sehr beachtenswert. Etwas skeptischer stehe ich der Annahme gegenüber, daß stipulari das Einsetzen von Geld für den Fall des Wortbruchs bedeute, weil stipulari doch zunächst die Spruchworte des Gläubigers bezeichnet.

München.

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Dr. L. v. Seuffert.

Praescriptiones und

Dr. Siegmund Schloßmann, Prof. in Kiel.
praescripta verba. IV u. 50 S. Leipzig, A. Deichertsche Ver-
lagsbuchh. Nachf. G. Böhme. 1907. Mk. 1,40.

Daß die formula des römischen Zivilprozesses ein Schriftstück gewesen ist, war unbestritten, bis im Jahre 1895 Kübler in der Zeitschr. f. Rechtsgesch. (29, 179 ff.) Bedenken gegen diese Annahme äußerte; Schloßmann hat sich bereits in seiner Abhandlung über die litiscontestatio (1904) als Gegner der Schriftformel erklärt und die Ansicht vertreten, die formula sei eine Spruchformel gewesen. Wichtige Argumente für die Schriftformel ergeben sich aus der Bezeichnung gewisser Formelbestandteile als praescriptiones, aus der Bezeichnung einer actio als actio praescriptis verbis und aus der von Gaius (4, 130–137) vorgetragenen Erklärung, daß sowohl die Bezeichnung praescriptio wie die Bezeichnung praescripta verba daher stamme, daß diese Formelbestandteile an den Anfang der Formel geschrieben wurden. In seiner neuen Abhandlung versucht Schloßmann gegen diese Argumente anzukämpfen. Dabei geht er von der sicherlich richtigen Annahme aus, daß praescribere die Herstellung eines Schriftstücks bedeutet, und bekämpft mit triftigen Gründen die von

H. Krüger, Ztschr. f. RG. (39, 543 ff.) aufgestellte Behauptung, daß praescribere gar nicht als schreiben", sondern als ,,begrenzen" oder einschränken" zu verstehen sei. Hiernach wird die praescriptio pro actore behandelt, durch die sich eine Beschränkung der konsumierenden Wirkung der litiscontestatio ergibt. Hier versteht Schloßmann das praescribere im örtlichen Sinne (vornehin schreiben), versucht aber der Folgerung auf die Schriftlichkeit der formula in der Weise. auszuweichen, daß er das Schriftstück als fakultative Aufzeichnung der vom Gerichtsbeamten mündlich erteilten, von den Parteien nachzusprechenden Formel betrachtet. Bei der actio praescriptis verbist versteht Schloßmann das praescribere im zeitlichen Sinne (vorher schreiben) und deutet das praescribere der verba bei dieser actio als eine der mündlichen Spruchformel vorhergehende Aufzeichnung, auf die bei dem Sprechen der Formel verwiesen wurde. Als ähnliches Vorkommnis wird die Errichtung einer Urkunde über die in einem Vertrage getroffenen Vereinbarungen und die Bezugnahme auf diese Urkunde in der gesprochenen Stipulation angeführt. In Ansehung der praescriptiones pro reo, die den exceptiones nahe stehen, bestreitet Schloßmann, daß bei diesen praescriptiones überhaupt an ein Schriftstück zu denken sei. Er verweist darauf, daß praescriptio im Sinne von Verteidigungsmittel auch im Strafverfahren und im Kognitionsprozesse vorkommt, wo es doch nichts Schriftliches bedeuten kann; ferner darauf, daß im griechischen Prozesse der Ausdruck лαqayo¤¤ń ebenfalls im Sinne von Verteidigungsbehelf gebraucht wurde, obwohl im griechischen Prozesse keine Schriftformel existierte. Des Gaius Angabe, daß auch die praescriptiones pro reo vorne an die Formel geschrieben wurden, hält Schloßmann direkt für falsch. Er meint, diese Angabe beruhe auf der vorgefaßten Meinung, daß die praescriptiones pro reo ihren Namen eben daher (nämlich aus der räumlichen Stellung) haben müßten, wie die praescriptiones pro actore. Da Gaius selbst sagt, daß es zu seiner Zeit keine exceptiones mehr gab, die vorne an die Formel gesetzt wurden, muß er sich den Vorwurf der Unwissenheit in historischen Dingen, der ihm ja schon oft gemacht worden ist, auch hier wieder gefallen lassen.

Ich bin weder durch die früheren Abhandlungen Küblers, Schloßmanns und H. Krügers, noch durch Schloßmanns neue Abhandlung davon überzeugt worden, daß die formula eine Spruchformel war, muß aber zugestehen, daß auch die Schriftlichkeit nicht mit voller Sicherheit erwiesen ist. Die Art und Weise, wie Schloßmann die praescriptiones und die praescripta verba deutet, ist scharfsinnig. Aber hier und da macht mir dieser Scharfsinn den Eindruck der Spitzfindigkeit. München. Dr. L. v. Seuffert.

Morris H. Morgan: Notes on Vitruvius. Harvard Studies in Classical Philology, vol. XVII. 1906, S. 1—14. On the language of Vitruvius. Proceedings of the American Academy of Arts and Sciences, vol. XLI nr. 23 (Febr. 1906), S. 467-502.

In der ersten Abhandlung werden zunächst elf Stellen behandelt,

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