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rhetorum nostrorum commentarios fastidiunt, oderunt, Calvi mirantur. Daß Lucilius im ersten Jahrhundert begeisterte Verehrer fand, hat Marx*) nachgewiesen: daß Persius **) nicht der einzige gewesen ist, lernen wir aus Quintilian, der sagt ***): Lucilius quosdam ita deditos sibi adhuc habet amatores, ut eum non eiusdem modo operis auctoribus, sed omnibus poetis praeferre non dubitent Von Ennius wurden die Annalen im ersten Jahrhundert eifrig gelesen t), natürlich erwähnt ihn Quintilian auch unter den Epikern mit heiliger Scheu: inst. 10, 1, 88.

Von den Tragikern empfiehlt er Accius und Pacuvius (11, 1, 97), während er sich für die alte Komödie nicht erwärmen kann: in comoedia maxime claudicamus. Auch Martial bezeugt das Studium der alten Dichter: Ennius, Lucilius, Accius und Pacuvius, wenn er auch selbst von ihnen nichts wissen will: 10, 90. Es ist derselbe Kanon wie bei Quintilian.

Die Vorbedingungen für eine Einwirkung der archaischen Literatur sind also gegeben. Einzelne Spuren haben wir bei den dem Klassizismus nachstrebenden Schriftstellern gefunden. Aber am deutlichsten können wir den Weg vom Klassizismus zum Archaismus bei Tacitus verfolgen, wo in den vortrefflichen Beobachtungen Eduard Wölfflinsti) das Material dafür längst aufgestapelt ist. Denn mit Recht betont Richard Reitzenstein tit), daß ‘man Tacitus nur dann voll gerecht wird, wenn man in ihm vom frühesten bis zum letzten Werke den bewußten Klassizisten sieht.' Ja seinen Stil und seine stilistische Entwicklung kann man sonst überhaupt nicht verstehen. So haben ihn auch seine Zeitgenossen verstanden, wenn sein Freund Plinius an ihm die Geuvórns rühmt**) Richtig urteilt Norden***) über ihn: 'daher schreibt er auch nicht wie das volgus: er sucht das Ungewöhnliche, sagt nichts, was der Leser auch gesagt haben würde, jedenfalls nicht so, wie dieser es gesagt haben würde'. Er führt auch treffliche Beispiele dafür an, daß Tacitus unedle, vulgäre Ausdrücke vermeidet. In der Erzählung von Othos Tod tritt dies

*) Lucilii reliquiae I p. LIX.

**) Persius ist Klassizist, er weist gegenüber der modernen Literatur auf Vergil als Muster hin. ***) Inst. 10, 1, 93.

†) Weniger die Tragödien, cf. Vahlen, Ennianae poesis reliquiae 1903 p. LXXVII sq. tt) Philologus 25 (1867) p. 92–134. ttt) Hellenistische Wundererzählungen 1906 p. 89.

**) Epist. 2, 11, 17. ***) Kunstprosa 1898 I p. 331.

besonders deutlich hervor*): luce prima in ferrum pectore incubuit; man vergleiche dazu die gewöhnliche uctaionovla Suetons (Oth. 11): uno se traiecit ictu infra laevam papillam. Auch die festen termini werden bekanntlich verändert: circenses ludi schreibt er statt des korrekten und üblichen ludi circenses, Capitolinus mons statt mons Capitolinus, festis Saturni diebus statt Saturnalibus. Daß von den kleinen Schriften bis zu den Annalen eine Entwicklung des Stils vorhanden ist, das hat m. M. Wölfflin schlagend nachgewiesen, nur braucht man nicht den Dialogus, der stilistisch von Agricola und Germania stark abweicht, chronologisch weit von diesen zu trennen. Innerhalb der historischen Schriften selbst ist ganz deutlich ein Fortschreiten zu erkennen: der Übergang von dem Plural rettulimus, memoravimus u. ä. zu dem selbstbewußten Singular rettuli, memoravi verrät die zunehmende Stärke der Individualität. **) Hatte er noch in den Historien campus Martius gesagt, wie es allgemein üblich war, so wendet er sich in den Annalen von der gewöhnlichen Ausdrucksweise ab mit campus Martis, und ebenso geht er von virgines Vestales zu virgines Vestae über. Bezeichnend für den Fortschritt ist es, daß er in Agr. 10 Livius als veterum eloquentissimum auctorem bezeichnet, in den Annalen ist ihm (3, 30) C. Sallustius rerum Romanarum florentissimus auctor.

Die Abkehr vom Alltäglichen hatte Tacitus zum Klassizismus geführt. An einzelnen sprachlichen Erscheinungen können wir seinen Weg verfolgen. ***) So verschmäht er später das dem silbernen Latein angehörende citra 'ohne', das sich in den ersten Schriften fünfmal findet und ersetzt es durch das klassische sine, so vermeidet er die vulgäre Tautologie, die sich Germ. 30 initium inchoatur, hist. 2, 79 initium coeptum und viermal in den ersten Büchern der Annalen orto initio findet, seit dem 6. Buche der Annalen und verwendet dafür initium capere oder facere. Wir sehen, er arbeitet fortwährend an sich weiter. Wenn er Sprache des Volkes herabsteigt oder gar ein griechisches Fremdwort gebraucht, dann geschieht es immer mit besonderer Absicht. Er wendet auf auswärtige Verhältnisse Fremdwörter an: pharetra wird nur von der armenischen Reiterei gebraucht (ann. 12, 13).

zur

95 sq.

Hist. 2, 49. **) Wölfflin l. 1.

p. 8q ***) Ich brauche für den Kundigen nicht ausdrücklich hervorzuheben, daß die Sammlungen Wölfflins 1. l. das Material bieten, aus dem ich einige Beispiele auswähle.

Wenn er ann. 14, 15 schreibt: postremus ipse (Nero) scaenam incedit multa cura temptans citharam et praemeditans adsistentibus phonascis, so will er Neros Auftreten als unrömisch, als verächtlich charakterisieren. Darum ist auch ann. 12, 56 Agrippina chlamyde aurata tadelnd zu verstehen.

Wie Tacitus über den Klassizismus zum Archaismus fortschreitet, dafür seien nur ein paar Beispiele angeführt. Die Form des Relativums quis als Dativ und Ablativ nimmt, ähnlich wie bei Sallust, immer mehr überhand, wie Wölfflin 1. 1. p. 105 zeigt, quibus wird zurückgedrängt. An Stelle des abgebrauchten gratias agere tritt allmählich das archaische grates agere, besonders in den Annalen. satietas findet sich nur Agr. 37 hist. 4, 39 ann. 1, 49, von da als Nominativ nur das archaische satias. claritas, das Agr. 45 Germ. 34, sowie dreimal in den Historien und zweimal in den Annalen auftritt, ist klassisch, hingegen das in den Historien dreimal, in den Annalen dreißigmal dafür eingesetzte claritudo erweist sich durch sein Vorkommen bei Cato, Sisenna, Sallust als archaistisch. Ähnlich ist der Übergang von firmitas zu firmitudo. Darum werden wir auch Bedenken tragen, das zwölfmal mit einer Ausnahme nur in den Annalen überlieferte permicies zu beseitigen. Woher es stammt, erkennen wir durch den Vergleich mit Plaut. Pseud. 364 Enn. scaen. 271 V2 (wo Vahlen allerdings perniciem im Texte hat) Lucil. 77, 865 M Accius trag. 434 Ribb..

Nicht jedem Schriftsteller ist es gelungen, in demselben Maße wie Tacitus seinen Stil zu meistern. Darum schleichen sich hier und da Vulgarismen schon in sehr früher Zeit ein. Ein Beispiel dafür bietet der Stil des älteren Plinius. Bei seiner Abhängigkeit von den meist lateinischen Quellen, die sich bis in den Wortlaut erstreckt, lesen wir ja zum großen Teil nicht seinen eigenen Stil. Auch in der wohlgesetzten praefatio hat er sich in Acht genommen. Aber eingehende Interpretation vermag sonst ab und zu vulgäre Elemente in seiner Ausdrucksweise festzustellen. Daß Plinius in den Partien, in denen er griechischen Quellen folgt, also gewissermaßen sein eigenes Latein schreibt, flumen gebraucht, während amnis und fluvius verschwinden, ist keine Laune und kein Zufall.*) Ich will die Gelegenheit benutzen, um einen zweiten Vulgarismus zu erwähnen, der gleichzeitig uns deutlich

*) cf. Archiv 14 (1906) p. 427 sq. Daß amnis ein poetisches Wort ist und der gehobenen Ausdrucksweise angehört, wie Thes. 1. 1. I 1943, 5 steht,

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macht, wie weit die Spaltung in Volkssprache und Literatursprache bereits im ersten Jahrhundert n. Chr. gediehen ist. Nat. hist. 5, 121 heißt es Myrina, quae Sebastopolim se vocat: da ist augenscheinlich das Passivum durch das Aktivum mit Reflexivpronomen umschrieben. Ich habe aus sachlichen Gründen geschlossen*), daß in jener Partie neben Varro Isidoros von Charax benutzt ist. Der Name der Stadt weist ja über Varros Zeit hinaus. Plinius hat also das griechische ... xclεitaı übertragen.

Die folgerichtige Fortentwicklung des Klassizismus bietet im zweiten nachchristlichen Jahrhundert der Archaismus: an Stelle des 'alt ist gut ist die Parole ‘älter ist besser getreten. Der Archaismus geht also über den Klassizismus hinaus, setzt sich aber durchaus nicht in einen schroffen Gegensatz zu ihm.**) Bei Apuleius stehen die Metamorphosen und die Florida neben der Apologie: das yévos bestimmt die Auswahl des Stils

des Stils. Über Frontos Verhältnis zu Cicero lesen wir bei Schanz***) ganz verfehlte Kombinationen: ein absprechendes Urteil', heißt es da, 'wagte der Rhetor dem berühmten Manne gegenüber nicht, ja er mußte sogar ihn hier und da loben, allein man fühlt trotzdem, daß Cicero nicht sein Mann ist. Ich kann das aus den in Betracht kommenden Stellen nicht herausfühlen. Am ehesten könnte man dafür anführen p. 63 hic tu fortasse iandudum requiras, quo in numero locem M. Tullium, qui caput atque fons Romanae facundiae cluet. eum ego arbitror usquequaque verbis pulcherrimis elocutum et ante omnis alios oratores ad ea quae ostentare vellet, ornanda magnificum fuisse. Nur vermißt er bei ihm den gesuchten Ausdruck; die insperatat) atque inopinata verba: das drückt nicht einen Gegensatz zu Cicero aus, sondern Fronto will über ihn hinaus zurückist nicht richtig, von Hause aus ist amnis durchaus nicht poetisch. Es gehört erst in der Kaiserzeit lediglich der Literatursprache an. In der Volkssprache ist es längst abgestorben. Dafür gibt es auch andere Beweise, als den Gebrauch des Plinius.

*) Quaestiones Plinianae geographicae 1906 p. 168.

**) Man beachte, daß Tac. dial. 23 der Attizist Calvus neben Lucilius und Lucrez als Ideal der antiqui oratores genannt ist.

***) Geschichte der römischen Lit. III 1896 p. 83.

+) Das ist so recht ein Charakteristikum auch des taciteischen Ausdrucks : abgebrauchte Phrasen werden wenigstens teilweise umgemodelt oder umgestellt. Wie z. B. Tacitus die offizielle Bezeichnung acta senatus vermeidet, hat Peter, geschichtliche Litteratur der Kaiserzeit I p. 205 Anm. 4 zusammengestellt. Statt ferro ignique heißt es Ann. 1, 51 ferro flammisque; 2, 8 igne caedibus usw.

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greifen. Unbedingt ist das Lob p. 221 nunc ut orationem quam tibi legendam misi, paucis commendem: mihi profecto ita videtur, neminem umquam neque Romana neque Graecorum*) lingua facundius in contione populi laudatum quam Cn. Pompeius in ista oratione laudatus est. Außerdem spricht deutlich p 107 omnes autem Ciceronis epistulas legendas censeo, mea sententia vel magis ctiam quam omnes eius orationes. epistulis Ciceronis nihil est perfectius. Man vergleicht doch etwas Geschätztes nicht mit einem Gegenstande, den man verachtet. Kann man etwas anderes als höchste Anerkennung heraushören aus den Worten p. 114 contionatur autem Cato infeste, Gracchus turbulente, Tullius copiose. iam in iudiciis saevit idem Cato, triumphat Cicero, tumultuatur Gracchus, Calvus rixatur. In demselben Sinne schreibt sein Schüler p. 93 itaque valeant omnes Porcii et Tullii et Crispi, dum tu valeas.

Finden wir im Archaismus nicht einen Gegensatz zum Klassizismus, sondern erkennen wir an, daß jener nur einen Schritt weiter tut auf derselben Bahn, auf der sich der Klassizismus bewegt, so können wir den Fortschritt der Litteratur vom ersten zum zweiten Jahrhundert begreifen. **) Und auch in späterer Zeit sehen wir die beiden Stilrichtungen bei demselben Schriftsteller nebeneinander auftreten. In dem älteren Corpus der Panegyrici Latini ***), das durch das gemeinsame Band des Ciceronianismus Redner aus Trier und Autun verbindet, treffen wir einen solchen: es ist der für uns namenlose Verfassert) der beiden Reden auf Maximian: (Paneg. II, III): bei ihm finden wir neben dem Anschluß an Cicero ein Streben nach archaischer Diktion, das sich besonders in einer Reihe von mühsam zusammengesuchten Enniusreminiszenzen kundgibt. Doch

Doch würde es zu weit führen, auf einzelnes einzugehen, ich wollte nur darauf hinweisen, daß dieselben Kräfte auch in jenen Spätlingen vereinigt wirksam sind, die wir seit dem ersten nachchristlichen Jahrhundert verfolgen können. Straßburg i. Els.

Alfred Klotz.

*) Man beachte die Veränderung: Romana, Graecorum; auch dafür viele Beispiele bei Tacitus, besonders in den Annalen.

**) Interessant und bezeichnend ist Spart. Hadr. 16, 6: Ciceroni Catonem, Vergilio Ennium, Salustio Caelium praetulit. Cicero, Vergil und Sallust sind die stilistischen Ideale des Klassizismus im ersten Jahrhundert.

***) In der Baehrensschen Ausgabe Paneg. II–VIII.

t) Die Zuweisung von Paneg. II-IX an Eumenius von Augustodunum ist unhaltbar. Zu diesem Resultat ist auch R. Pichon gekommen in seinen Etudes sur l'histoire de la littérature latine dans les Gaules 1906.

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