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Sev. Dial. I 27, 2 audistis me nihil cum fuco aut coturno loquentem, denn offenbar las der Glossator cuturno oder conturno (beide Schreibungen sind in Hss häufig) und faßte dies als cum turno, umsomehr als cum fuco vorhergeht. Übrigens kann auch diese Glosse für die nicht aspirierte Schreibung coturnus zeugen, die alle alten und maßgebenden Hss. ohne jedes Schwanken bieten, wie auch eine Inschrift in guter Orthographie C. I. L. X, 1948 = Carm. ep. 1510, 1: das griechische Wort war eben früh und vollständig latinisiert, nicht bloß in der Endung (nach diurnus, Saturnus). Es wird manchem wunderlich klingen, daß soweit ich sehe erst in Humanistenhandschriften gelegentlich die offenbar mit Bewußtsein wiederhergestellte Aspiration in diesem Wort erscheint. Aus dieser kam sie wie so manche unantike Schreibung in die alten Ausgaben und wird noch jetzt mit zähem Vorurteil in den Texten festgehalten, mit wenigen Ausnahmen, wie Keller im Horaz (doch Vollmer neuerdings wieder coth.), Lindsay im Martial, Hense im Seneca (s. ep. 76, 31 die Anm.). Brambachs Regel coturnus und cothurnus' ist, wie so viele, irrig. Offenbach a. M.

Wilhelm Heraeus.

Georg Misch: Geschichte der Autobiographie. I. Band. Leipzig u.

Berlin 1907. VIII, 472, 8o.

Auf Anregung des Herrn Stadtrat Prof. Walter Simon wurde von der Preuß. Akad. d. Wiss. (Sitz.-Ber. 1900, S. 55) das Thema einer Geschichte der Autobiographie formuliert. Im Jahre 1905 (Sitz. 686 f.) wurden drei Bände im Manuskript vorgelegt (1. das Altertum; II. bis in das 17. Jahrh.; III. bis zur Gegenwart), aber weder ein Preis erteilt, noch ein Urteil veröffentlicht. Das von Teubner verlegte Buch ist Wilh. Dilthey gewidmet und durch Männer wie Leo, Wilamowitz, Wendland befruchtet. Der Stoff schien damals darstellbar und die geschichtlich vergleichende Betrachtung ergebnisreich. Wer wird es nicht loben, den Tatenbericht des Darius neben das monumentum Ancyranum des Augustus zu stellen, die Dichtungen des Solon „an sich“ neben den Mark Aurel? Die Analogie wird dann lehren, daß Augustus nicht geschrieben hat, um sich vor der Demokratenpartei zu rechtfertigen, sondern im Angesichte der Ewigkeit. Im Hinblick auf die spärliche Überlieferung muß man staunen, was Verf. aus dem Stoffe zu machen verstanden hat, aber darin liegen auch gerechte Bedenken, und die Redaktion des Archives hat doppelten Grund zurückzuhalten, da für die Geschichte der lateinischen Sprache nichts herauskommt und herauskommen kann. Die Unterschiede zwischen feci (Rutilius) und Caesar fecit (bzw. facit mit Praes. hist. vgl. Eɛvoqõv šrointe, sind bald erschöpft. Will man aber eine Vorstellung von dem Gedankenreichtum des Buches gewinnen, so durchblättere man nicht das Sachregister, sondern die Inhaltsangaben über den einzelnen Seiten.

Nekrolog

Franz Bücheler, gest. 3. Mai 1908.

Büchelers Name ist mit dem Thesaurus linguae Latinae verbunden, seitdem im Jahre 1857 die Hoffnung auftauchte, daß unter der Führung von Fr. Ritschl, K. Halm, A. Fleckeisen Gestalt gewinnen werde, was einst Fr. A. Wolf geplant hatte, ein neu aus den Quellen zu schaffendes, erschöpfendes Wörterbuch der lateinischen Sprache. Damals war es für Ritschl, der mit ungemein feinem Urteil die Geister zu scheiden und zu schätzen verstand, nicht zweifelhaft, daß der eben 20jährige Bücheler der geborene Redaktor für das schwierige Werk sei. In der Tat hätte höchstens ein Bedenken dem entgegen stehen können, die Furcht, daß dem ganz außergewöhnlich früh Gereiften er war mit 15 Jahren Abiturient, mit 18%, Doctor, mit 21 Professor) der Neid der Götter kein langes Leben vergönnen werde: heute dürfen wir dem Geschicke danken, daß dem fast 71 jährigen die volle Frische der Geisteskraft und Arbeitsfreudigkeit bis zum letzten Abend seines Lebens erhalten geblieben ist.

Aus vielerlei Gründen ist es gut gewesen, daß der Thesaurusplan des Jahres 1857 sich zerschlagen hat, nicht zum letzten aus dem, daß sich Büchelers Leben und Arbeitskraft nicht in der Redaktion eines nicht genügend vorbereiteten und falsch angelegten Thesaurus aufgerieben hat. Wir

es sind ungezählte, diese wir wir hätten vielleicht nicht den Gelehrten, wohl aber den Lehrer Bücheler verloren, und dieses Lehrers Wort und Anregung möchte heute keiner seiner Schüler gegen die Möglichkeit eintauschen, den Ritschl-Halmschen Thesaurus von A-Z zur Hand zu haben.

Aber ich will nicht abschweifen -- 80 wenig ich Büchelers gelehrte Tätigkeit im ganzen hier würdigen kann, noch weniger sein Wirken als Lehrer; nur das darf ich sagen, daß ein sehr beträchtlicher Teil der Berater und Mitarbeiter am neuen, am noch werdenden Thesaurus Schüler Büchelers gewesen sind und seiner Anleitung das Beste verdanken, was sie für das Werk zu leisten vermögen.

Als dann im Jahre 1883 Wölfflin mit bewundernswerter Energie auf seine Weise die Vorbereitung des neuen Thesaurus begann, versagte Bücheler seine Hilfe und seinen Einfluß nicht, obwohl Wölfflins Wege nicht seine Wege waren und versa vice: für den Thesaurus hat sich schließlich in der Diagonale der Kräfte eine Art von mittlerem Wege gefunden. Büchelers Arbeiten in den ersten Bänden des Archivs waren Musterbeispiele für lexikographische Forschung, behandelten eine Reihe ganz seltener und schwieriger Wörter, besonders auch durch Kritik ihrer Überlieferung und Beglaubigung.

Zu den Vorarbeiten für Organisation und Materialsammlung des neuen, von den fünf deutschen Akademien zu schaffenden Thesaurus wurde Bücheler natürlich von vornherein zugezogen, obwohl er keine Akademie zu vertreten hatte. Aber seine Sachkenntnis war unersetzlich.

So war denn von 1893 ab Bücheler mit Wölfflin und Leo im Directorium der Thesaurusarbeiten. Er hat zwar keine besondere Arbeitsstation geleitet wie seine beiden Kollegen; aber sein Rat fehlte nie, wo er not tat, und in ausgedehntestem Maße hat er seinen Einfluß auf viele seiner Schüler für den Thesaurus wirksam gemacht: hier erfolgte ein Ausgleich der Interessen insofern, als die für den Thesaurus zu liefernde Arbeit vielerorten fruchtbare Anregung zur Weiterausbildung zuführte.

Gewichtig und förderlich bekundete sich Büchelers Wort und Stimme stets in den Commissionssitzungen: nur ein einzig mal hat er, obwohl er die Unbequemlichkeiten der großen Reisen hart empfand, in einer Sitzung gefehlt; da hielt ihn wirkliche Krankheit zurück.

Anfang 1900 hat Bücheler auf Bitten des ersten Vorsitzenden Wilh. Hartel, dessen Verlust wir im vergangenen Jahre zu beklagen hatten, auch die große Last der gesamten Geschäftsführung auf sich genommen und so mit einer längeren Unterbrechung sieben Jahre hindurch unermüdlich die Arbeiten der Commission gefördert. Sein letztes Schreiben in Thesaurussachen erging am 1. Mai: als ich es in die Hände bekam, hatte der Absender schon die Augen für immer geschlossen.

Soviel über Büchelers direkte Mitarbeit an Archiv und Thesaurus.

Viel mehr noch aber hat er für den Thesaurus getan. Überschauen wir seine ganze gelehrte Arbeit, so zeigt sich, daß der größte Teil seiner Mühen und Erfolge der Erforschung des Lateins, seiner Wörtergeschichte wie seiner Grammatik zugute gekommen ist. Wenn der heutige Thesaurus auf ganz anderer kritischer Grundlage aufgebaut ist als der RitschlHalmsche sie hätte gewinnen können, so wird das in erster Linie Bücheler verdankt. Texten wie Frontin de aquis, Petron, Senecas Apocolocyntosis gab er selbst ihre kritische Konstituierung; um ein vielfaches größer ist die Zahl der Autoren, die von seinen Schülern teils auf seine Anregung, teils unter seiner Mitwirkung (er hat wohl nie die Bitte um Mitlesen von Druckbogen abgeschlagen) auf sichere Grundlage gestellt worden sind. Aber auch neben diesen Ausgaben gibt es wohl kaum einen römischen Schriftsteller, der ihm nicht die Heilung einer Corruptel oder die Erklärung einer bisher unverstandenen Stelle zu danken hätte. Ich weiß gar nicht, was ich aus der Menge hervorheben soll, Plautus' Truculentus oder Seneca, Juvenal, Horaz, Lucilius oder Ciceros Briefe, oder Sueton, in dem er noch kürzlich glänzende Entdeckungen machte. Unzählbar sind seine Beiträge zur Erschließung und Erklärung lateinischer Wörter und Formen: seine Artikel „Altes Latein“ im Rheinischen Museum zogen in gleicher Weise die Philologen wie die Sprachforscher an. Sein „Grundriß der lateinischen Deklination“ (1866) stand zwar noch zum großen Teile auf dem Boden der älteren Grammatik, verdient aber auch heute noch aufmerksamstes Studium wegen der darin befolgten Methode umfassender Observation der Flexionserscheinungen. Spätere Einzelarbeiten namentlich für das Plautinische Latein haben öfters der neueren Forschung ganz ungeabnte Wege eröffnet. Was er für die Erkenntnis der italischen Dialekte geleistet, ist heute größtenteils Gemeingut der Forschung geworden; sein 'lexicon Italicum' und seine 'Umbrica' haben nach allen Seiten mächtig fördernd gewirkt. Unvergängliche Arbeit hat er ferner für die Inschriften getan: der größte Teil ist beschlossen in den Carmina epigraphica', seïnem centralen Lebenswerke; aber weit darüber hinaus hat er zum Corpus inscriptionum Latinarum stets hilfreiche Hand geboten und die Inschriften der rheinischen Heimat besonders liebevoll gepflegt.

So verschiedenartig die Stoffe, immer gleich war das Wesen seiner Arbeit. Schärfste Auffassung der Überlieferung (wie mühte er sich um jeden zweifelhaften Buchstaben einer Inschrift!), feinstes Abwägen der sprachlichen Möglichkeiten (und wer beherrschte das Latein wie er?), genaueste Prüfung der in Betracht kommenden Sachen (hier verfügte er über die entlegensten Kenntnisse), dann souveräne Entscheidung: das ist möglich und richtig, oder: die Überlieferung ist falsch; wie ist sie zu heilen? Und gerade hier setzte dann Büchelers persönlichstes Können ein, seine ganz einzige Divination. Die Recensio ist eine Kunst geworden, die heute viele, wenn auch noch zu wenige können; den Wegen und der Geschichte der Überlieferung haben andere genauer nachgeforscht als es Büchelers Art im allgemeinen war was er vor allen voraus hatte, war seine Intuition des Wahren, die ihn das Richtige schauen ließ, wo andere verzweifeln mußten. Und hier liegt auch die Quelle der gewaltigen Wirkung, die er auf seine Schüler vor allem im Seminare ausübte: er führte hinein ins tiefste Dunkel des Zweifels, ein Hoffnungsstrahl nach dem andern erlosch, wie er aufgeblitzt, dann auf einmal brach der Meister den Riegel und das Licht der Wahrheit umflutete alle.

Noch eins darf gerade an diesem Orte nicht vergessen werden, sein Lateinschreiben und sein Lateinsprechen. Viele glauben heute an der Spitze des Fortschritts zu stehen, wenn sie auf solche Kunst verächtlich herabsehen, und das übliche Schullatein verdient auch nicht viel mehr. Büchelers Latein war etwas ganz anderes; wie seine Studien in erster Linie der alten und der urwüchsigen Sprache zugute gekommen sind, so war das Latein, das er schrieb und sprach, einfach und natürlich, vermied völlig das Phrasentum, in dem eine veraltete Stillehre die Krone des Könnens zu erblicken pflegt. Ich habe mavchen klagen gehört, daß er Büchelers Latein nicht verstände: er, der alles gelesen, schöpfte es eben aus den Quellen, gerne gerade aus denen, die abseits der breiten Straße liegen, nicht aber aus den künstlichen Springbrunnen, die nur laues und fades Wasser geben. Seit den Tagen des großen Scaliger hat wohl niemand eine solche proprietas sermonis beherrscht wie Bücheler: eine Probe ist ja dem Thesaurus direkt zugute gekommen, die monumentale Praefatio in Band I.

Trauer und Klage um den Geschiedenen sollen hier schweigen: nemo me dacrumis decoret nec funera fletu faxit; um so lauter erhebt sich der Wunsch, es möchten bald, sorgsam nach seiner Art gesammelt und durch gründliche Indices nutzbar gemacht, die opuscula Buecheleri

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Nekrolog

Mitteilung der Redaktion.

in die Hände der Mitforscher gelegt werden. Wer ihn gekannt und verehrt, wird ihn freilich auch so nicht vergessen, den senex iuvenis; aber die unzähligen Goldkörner, die er gestreut hat, dürfen nicht im Staube der Fachliteratur eines halben Jahrhunderts verschüttet bleiben.

München.

Fr. Vollmer.

Mitteilung der Redaktion.

Als ich vor einem Vierteljahrhundert diese Zeitschrift ins Leben rief, führte sie den Titel: Archiv für lateinische Lexikographie und Grammatik mit Einschluß des älteren Mittellateins. Als Vorarbeit zu einem Thesaurus linguae latinae mit Unterstützung der k. bayr. Akademie der Wiss. herausgegeben von E. W. Die Anregung fiel auf fruchtbaren Boden: denn schon nach wenigen Jahren hatte das Organ solche Wurzeln geschlagen, daß wir die Unterstützung nicht mehr nötig hatten und die kleine Summe der Förderung byzantinischer Studien zugewandt werden konnte. Und wie die deutschen Philologen fleißige Leser der Zeitschrift wurden und uns durch wissenschaftliche Beiträge erfreuten, wie außer den Germanen auch die Romanen, außer Europa auch Amerika sich diesen Bestrebungen anschlossen, so traten an die Stelle von München die fünf deutschen Akademien, und mit dem neuen Jahrhundert erschien der heißersehnte: Thesaurus linguae latinae editus auctoritate et consilio academiarum quinque Germanicarum Berolinensis Gottingensis Lipsiensis Monacensis Vindobonensis, Vol. I. 1900. Das Archiv blieb fortbestehen, wenn auch nicht mehr als Vorarbeit zu einem Thesaurus, so doch als Ergänzung zu dem Thes. ling. latinae. Und so haben wir acht Jahre lang geboten, was dieser nicht bieten kann, und von Jahr zu Jahr neue Freunde gewonnen, so daß das Organ auf eigenen Füßen steht und sich selbst erhält. Soll die Redaktion es nicht weiterführen? Wir haben es erwogen und einen erweiterten Titel in Aussicht genommen: Archiv für lateinische Lexikographie, Grammatik und Literaturgeschichte. Möglich wäre dies, aber notwendig ist es heute nicht mehr, weil wir nicht erstreben können, was wir bereits erreicht haben. Unsere Lexikographie ist ja nichts anderes als Philologie, wie umgekehrt niemand mehr als Philologe anerkannt werden kann, welcher glaubt, den Aufgaben der Lexikographie fremd bleiben zu können. Daß es mit der trockenen Zahlenstatistik nicht getan ist, hoffen wir in den 15 Binden gezeigt zu haben; eine wenn auch noch so exakte Untersuchung, bei der nichts 'herauskommt', ist eben überhaupt nicht Wissenschaft. Keine Einzeldisziplin hat Wert und Berechtigung, wenn sie sich nicht mit den anderen durchdringt. Und somit möge es mir gestattet sein, die Zeitschrift zu schließen und allen denen meinen herzlichsten Dank auszusprechen, welche mein Unternehmen unterstützt haben.

Basel.

Eduard Wölfflin.

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