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Solche Gerundivkonstruktionen', wie wir sie kurz nennen wollen, finden wir natürlich überall in der Literatur, wo eine überlegte, mit dem Bewußtsein ihrer Notwendigkeit oder Zweckmäßigkeit ausgeführte Handlung ausgedrückt werden soll. So bei Cicero sehr häufig: er hatte ja als Sachwalter, Beamter, Schriftsteller oft genug Anlaß, die ratio seiner Entschlüsse (oder der seiner Klienten und Freunde) zu betonen; so bei Cäsar, dessen Commentarii de bello Gallico vielfach einen apologetischen Charakter tragen (vgl. hierzu beispielsweise Meusels Artikel puto, wo die Fälle mit dem Gerundiv in einem eigenen Abschnitt zusammengestellt sind, Sp. 1299); so bei allen Schriftstellern, wenn sie die Gründe für eine bestimmte Behandlung ihres Gegenstandes u. ä. angeben. In allen solchen Fällen ist die Umschreibung wohl angebracht. Der Gebrauch konnte aber weiter um sich greifen, da schließlich jede nicht unbewußte oder unfreiwillige Handlung als aus der Überzeugung von ihrer Notwendigkeit hervorgegangen aufgefaßt werden kann. Durch ihre Breite und Volltönigkeit, die sie auch zur Klauselbildung gut geeignet machte, empfahl die Phrase sich für einen schwülstigen Stil; und so ist es denn kein Wunder, daß sie zu den stehenden Ingredienzien der spätlateinischen höhern Prosa gehört.

Und zwar besonders des Lateins der kaiserlichen Kanzleien, wo seit der Vollendung der Monarchie (3./4. Jh.) wohl die hochtrabendste Stilgattung gepflegt wurde. In den Constitutiones principum kommt die Gerundivkonstruktion zu fast formelhafter Verwendung. Ich unterscheide zwei Hauptgruppen.*) Die erste sei a parte potiore die Gerundivkonstruktion der ersten Person genannt. Der Princeps spricht hier von sich selbst, natürlich im pluralis maiestatis. Er umschreibt seine Regierungshandlungen. Von vielen Beispielen hier ein paar:

*) Eine dritte, die nicht in diesen Zusammenhang gehört, aber auch phraseologischen Charakter hat, sei beiläufig erwähnt. Es ist die Verbindung eines Verbums des Wissens im Jussiv mit dem Gerundiv zur Umschreibung eines einfachen Imperativs oder Futurs Passiv; so Cod. Theod. 6, 20, 1 (a. 413) sciant se . . . nominandos; 10, 20, 10 pr. (a. 380) non ambigat (mulier) se ... eius condicioni esse nectendam; 9, 45, 4, 3 (a. 431) trahendos se ... esse cognoscant; 16, 10, 7 (a. 381) proscriptioni se noverit subiugandum. Da wir uns hier nur mit der Umschreibung einer Handlung, nicht eines Erleidens befassen, so geht uns diese Gruppe nichts an; sie ist übrigens interessant, da sie einen Weg zeigt, auf dem das Gerundiv zur Substitution für das Futur Passiv im Infinitiv geworden.

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Cod. Just. 9, 9, 19 (Diocletianus, a. 287) non putavimus confecto paene iudicio... propositum ab excubiis limitis revocandum. Cod. Theod. 16, 5, 2 (Constantinus M., a. 326) Novatianos non adeo comperimus praedamnatos, ut iis, quae petiverunt, crederemus minime largienda. 1, 6, 10 (Valentinianus, ca. 384) ideo huic Bithyniam atque Paphlagoniam credidimus deputandas. 16, 10, 12, 2 (Theodosius M., a. 392) omnia loca, quae turis constiterit vapore fumasse, fisco nostro associanda censemus. 16, 6, 4 pr. (Arcadius, a. 405) intercidendam. . . eam sectam nova constitutione censuimus. 16, 8, 21 (Honorius, a. 412) ut hoc ... volumus esse provisum, ita illud quoque monendum esse censemus; vgl. 16, 9, 3 (Honorius, a. 415). 16, 10, 20, 4 (Honorius, a. 415) chiliarchos... censuimus removendos. Novell. Theod. II 5, 2 pr. (a. 439) remedium credidimus offerendum. Cod. Just. 10, 31, 65 (Anastasius, ca. 497) constitutionem ... duximus corrigendam. duximus corrigendam. Ähnlich mit Umschreibung der ersten Person Avell. p. 69, 19 (Honorius, a. 419) nostra serenitas credidit ordinandum.

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Die Kanzlei des Königs Theoderich weist natürlich die entsprechenden Wendungen auf: Cassiod. var. 1, 16, 2 quod nos... considerandum esse iudicamus, ut . . . relevandam aestimemus esse fortunam. 7, 21 illum et illum scriniarios officii nostri duximus destinandos. 7, 21 quem nos credidimus adiuvandum. 8, 14, 4 quod vobis adeo, patres conscripti, aestimavimus esse repetendum.

Die Wendungen dieser ersten Gruppe stehen der ursprünglichen Bedeutung der Gerundivkonstruktion noch ziemlich nahe: denn die Verfügung des Herrschers wird recht gut als ein auf der Überzeugung von seiner Notwendigkeit beruhender Akt bezeichnet.*) Gleichwohl empfinden wir sie im Zusammenhang der sonstigen Sprache der Konstitutionen nicht mehr als vollwertig. Der Monarch fühlt sich keinem zur Rechenschaft verpflichtet; wenn er sagt (wie z. B. oben Cassiod. var. 7, 21): illum et illum ... duximus destinandos, so heißt das ungefähr dasselbe wie unser: „wir geruhten zu schicken." Es liegt etwas vom 'Befehlen' in diesem Meinen', und daher kommen als Parallelwendungen vor solche wie: negotium constituimus differendum (Avell. p. 70, 28,

Daher schon entsprechende Wendungen in der Sprache der Republik; z. B. sagt Cicero in der Maniliana zum populus R. als dem Souverän (26): imperii diuturnitati modum statuendum vetere exemplo putavistis (vgl. 27).

a. 419), abstinendum sancimus (Cod. Theod. 11, 36, 19 a. 368), stationes... statuimus esse reddendas (1, 6, 8 a. 382).*)

Viel weiter von der ursprünglichen Bedeutung der Phrase weicht die zweite Gruppe ab, die der dritten (seltener zweiten) Person. Es handelt sich um die Umschreibung einer strafbaren Handlung, meist in einem Kondizionalsatz. Aus der sehr großen Fülle von Beispielen, welche die Konstitutionen bieten, greife ich auf gut Glück einige heraus:

Edict. Diocl. II 22 ab eius modi ... noxa immunis nec ille praestavitur, qui species necessarias... existumaverit subtrahendas. Cod. Theod. 1, 22, 1 (Const. M. a. 316) quod si quis in publicum matrem familias posthac crediderit protrahendam, inter maximos reos capitali poena plectatur. 1, 16, 7 (Const. M., a. 331) qui si de civilibus causis quicquam putaverit esse poscendum, aderit armata censura, quae nefariorum capita... detruncet. 12, 6, 21 pr. (Valent. a. 386) si quis ponderum normam putaverit excedendam, poenam se sciat competentem esse subiturum. 9, 4, 3 (Theodos. M. a. 393) si quis ... maledicto nomina nostra crediderit lacessenda ..., eum poenae nolumus subiugari. 2, 1, 9 (Arcadius, a. 397) si quis... causam civilem ad militare iudicium crediderit deferendam, . . . intelligat se deportationis sortem excepturum. 8, 5, 66, 2 (Arcadius, a. 407) quod si quis ducum temerario animo ea quae decernimus contemnenda putaverit, ... auri illatione multabitur. 16, 8, 19 (Honorius, a. 409) si quisquam id crediderit esse temptandum, auctores facti ... ad poenam praecipimus constringi. Avell. p. 75, 20 (a. 419) ut me quoque et . . . vicarium crederent appetendos, dum seditioso furore nullam admittunt penitus rationem. p. 77, 19 u. a.

Cassiod. var. 2, 38, 3 (creditores) celsitudo tua faciat ammoneri, ne in hoc bienni spatio quicquam de credita summa existiment (aestiment and. Les.) postulandum. 7, 2, 1 si largitiones sacras per moram aliquam putaveris esse tardandas usw. **)

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*) Verwandt damit sind an Beamte gerichtete Wendungen der zweiten Person, wie Cod. Theod. 1, 2, 1 (a. 314) annotationes solas existimes audiendas. 11, 36, 8 (a. 347) nullius provocationem tua gravitas censeat admittendam. **) Aus einer merkwürdigen Konstruktionskreuzung scheint folgender syntaktischer Bastard hervorgegangen: Cod. Theod. 16, 4, 1 (Valent., a. 386) si turbulentum quippiam . faciendum esse temptaverint (facere) temptaverint faciendum esse (putaverint). Vereinzelt kommt unsere Wendung natürlich auch für nicht strafbare Handlungen vor: Cod. Theod. 1,

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Können wir in diesen Fällen das Gerundiv aus seiner gewöhnlichen Bedeutung erklären? Bei der Übersetzung: „wenn einer glaubt, daß er dies und das tun müsse" hätten wir anzunehmen, der Gesetzgeber stelle sich, gleichsam ironisch, auf den Standpunkt des Schuldigen, der seine Tat mit dem Glauben an ihre Notwendigkeit rechtfertigen will. Eine solche Erklärung ist wohl sehr gezwungen, und Beispiele wie: 'si quis... temerario animo ea ... contemnenda putaverit' (vgl. oben) würden geradezu eine contradictio in adiecto enthalten. Könnten wir übersetzen: „wenn einer glaubt, dies und das tun zu dürfen", so wäre der Ausdruck dem Gedanken allerdings adäquat, aber das Gerundiv hat im positiven Satze nezessitative Bedeutung, und der Begriff der Zulässigkeit entsteht erst aus der Negation der Notwendigkeit, kann also nicht einfach übertragen werden. Somit bleibt uns nur übrig anzunehmen, daß die Phrase durch ihren häufigen Gebrauch sich bereits so abgenutzt hatte, daß man ihre einzelnen Bestandteile nicht mehr herausfühlte sie galt einfach als umschreibender Ausdruck einer mit Wissen und Willen vollzogenen Handlung, gleichviel ob sie überlegt war oder nicht, ob der Handelnde vom Gefühl ihrer Zweckmäßigkeit geleitet wurde oder nicht: faciendum putavi volens, non invitus feci.

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Der periphrastische Charakter unserer Wendung zeigt sich recht deutlich, wenn wir die analogen Ausdrücke der älteren Gesetzessprache damit vergleichen. Hier finden wir überall das einfache Verbum. S. C. de Bacch. 24 sei ques esent quei arvorsum ead fecisent. Corp. IX 872 sei quis arvorsu hac faxit. Vgl. Lex Mamil. 10. Lex Urson. 73. 74. 75 u. oft. Lex met. Vipasc. 29. Lex de imp. Vesp. 34 u. a. Lex vic. Furf. 14 sei qui heic sacrum surupuerit (vgl. 16). Corp. XIV 2112 (Colleg. Lanuv.) 2, 27 si quis... quit contumeliose dixerit. Lex Urson. 130, 46 si quis aduersus ea... rettulerit. Lex met. Vipasc. 16 quod si in triduo. non dederit, duplum d(are) d(ebeto).

Noch deutlicher aber erscheint das Phraseologische derartiger Gerundivkonstruktionen im Lichte einer anderen Tatsache, die freilich mit der Kanzleiliteratur nichts direkt zu tun hat, aber

29, 2 (Valent., a. 365) si quis de tenuioribus . . . interpellandum te esse crediderit, in minoribus causis acta conficias. 1, 5, 14 (Arcad., a. 405) si qui .. ad preces crediderint convolandum de omnibus his .. rescripta

.. rescribantur.

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einen Schriftsteller aus der Blütezeit jenes Stils betrifft. Der sog. Hegesipp, der ältere Übersetzer von Josephus' Bellum Judaicum, einer der schwülstigsten Autoren der Spätzeit, hat eine ganz besondere Vorliebe für jene Wendungen. Bei ihm haben wir nun Gelegenheit, sein Latein an der Vorlage zu messen. Allerdings hat er diese Vorlage in sehr freier Weise behandelt, und so bietet sich oft keine Möglichkeit einer Vergleichung von Wort mit Wort dar: immerhin bleibt aber eine Reihe von Fällen, wo die Übersetzung dem Original fast bis aufs Wort folgt, und hier finden wir fast überall, daß die Gerundivkonstruktion dem einfachen Verbum bei Josephus entspricht. Ich habe die Beispiele des ersten Buches verglichen und nur einen einzigen Fall gefunden, wo die Gerundivkonstruktion die wörtliche Übersetzung der Vorlage ist: Hegesipp. 1, 41, 7 negandum. . . patri non arbitratus potestatem = Jos. bell. Jud. 1, 27, 1 où μǹv Beto δεῖν ἀφελέσθαι τὸν πατέρα τὴν ... ἐξουσίαν. In einigen anderen Fällen dieses Buches ist die Konstruktion durch den Sinn des Satzes geboten (also nicht periphrastisch zu nehmen) und entspricht daher auch einer Verbalumschreibung im Josephus: Heg. 1, 21, 3 Parthi... transeundum in Syriam crediderunt = J. 1, 8, 9 Exidiaßalvεiv &qunuέvovs. Heg. 1, 29, 10 quod tanti nominis virum ducem militiae suis expetendum partibus arbitraretur (Cleopatra) J. 1, 14, 2 Κλεοπάτρας στρατηγὸν ἐλπιζούσης ἕξειν xτλ. Heg. 1, 32, 5 eos Herodes ad defensionem sui erigendos putavit = J. 1, 19, 3 iлεigāto лαqoqμãν έлì tηv άuvvav. Heg. 1, 42, 9 (quod) ei quaedam quasi moriturus committenda arbitraretur = J. 1, 29, 4 ἐβούλετο . . . αὐτῷ τινας ἐντολὰς καταλείψειν ὡς τεθνηξόμενος. Eine besondere Stellung nimmt auch ein 1, 15, 2 periculum potius subeundum quam obtemperandum... arbitrabatur iv J. 1, 6, 5 τῷ δ ̓ ἦν μὲν ὁρμὴ ... διακινδυνεύειν; denn hier handelt es sich wirklich um einen nicht ausgeführten Entschluß.

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Neben diesen wenigen Fällen steht die Reihe der Beispiele, wo Josephus das einfache Verbum hat:

Heg. 1, 1, 6 multitudini cedendum existimavit = J. 1, 2, 3 ἐξεκρούσθη . . ὑπὸ τοῦ δήμου. 1, 1, 9 opem ab Antiocho petendam arbitrati = J. 1, 2, 7 ἐπικαλοῦνται . . . βοηθὸν ̓Αντίοχον. 1, 10, 1 armis decernendum existimaverunt J. 1, 4, 5 diɛngiδιεκρίνοντο ... τοῖς ὅπλοις συμπεσόντες. 1, 12, 2 quod ... ab imma nitate viri semper alienam sese faciendam existimaverit J. 1, 5, 1

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