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in der dritten Periode der alten Zeit 355), dahin gekommen, dass in dem bleibenden Unterbeamtenpersonal der eigentliche Nery der Amtsgeschäfte lag, um die die jährlich wechselnden vornehmen Beamten selbst wenig Bescheid wussten. Meistens bewegen sich diese Strafsummen zwischen 5 und 30 Pfund Goldes, steigen jedoch auch höher auf 40, 50, 60, jedoch, wie schon bemerkt, fast nie über 100 Pfund, obgleich es auch nicht an kleineren Strafbeträgen meist gegen Privaten bis zu 1 Pfund oder einzelnen Pfundestheilen und einzelnen Solidi herab fehlt359). Diese festen gesetzlichen Multen werden nun den willkürlichen der Behörden entgegengesetzt 390), auch wohl mit der Bestimmung, dass die letzteren in diesen Fällen des eigenen Multierens sich zu enthalten haben 391). Immerhin wird aber noch oft genug die Multierung höheren oder niederen Behörden selbst überlassen 392), dem Präfectus prätorio auch wohl aufgetragen, selbst eine allgemeine angemessene Strafe gegen die Uebertreter festzusetzen 393).

Hinsichtlich des Processes bedurfte selbstverständlich auch die Verurtheilung zur Mult noch des vorherigen Gehörs der Partei und, wie alle Urtheile in späterer Zeit, der mündlichen Verkündigung des vorher schriftlich aufgesetzten Urtheils 39'). Wenn die 14 fin. Nov. Valentin. III. tit. 34, 1, 7. Ich habe hier und in den vorhergehenden Anmerkungen fast nur den Th. C. und dessen Novellen berücksichtigt, weil eine Sammlung von Stellen, wo gesetzliche Multen vorkommen, aus dem Just. C. und dessen Novellen schon Platner quaest. iur, crim. p. 51. gegeben hat. Vgl. auch Brisson. de form. 3, 73.

388) Cic. de leg. 3, 20, 48. Plutarch. Cat. min. 16. Dass man damals die Schreiber der Pontifices sogar selbst pontifices minores zu nennen anfing, ist bekannt.

389) L. 7. Th. C. de offic. com. sacr. larg. (1, 10). L. 2. Th. C. de sepulcro viol. (9, 17). L. 6. Th. C. de scenic. (15, 7). L. un. Th. C. de grege dom. (10, 6). L. 11. Th. C. de murileg. (10, 20). L. 63. L. 66. $. 2. Th. C. de cursu publ. (8,5). L. 50. $. 2. Th. C. de decurion. (12, 1).

390) L. 2. Th. C. de praetor. et quaest. (6, 4) ... certo generi multationis obiecti sunt. L. 2. Th. C. de honorar. codic. (6, 22)... ab honoribus mercandis ... certa multa prohibuit.

391) L. 23. 43. Th. C. de appellat. (11, 30). Der Sache nach traten also diese Fälle zu denen, welche von früherer Zeit her als besondere Verbrechen mit einer höhern wenn auch unbestimmten Strafe belegt worden waren und worauf die Bestimmung des Multgesetzes L. 6. §. 5. C. de modo mult. (1, 54) geht: Nec tamen ad huius legis moderationem pertinere se credant, qui in peculatibus aut manubiis, id est depraedationibus, aut concussionibus, furtis, aliisqne flagitiis, quae coerceri severius convenit, fuerint deprehensi, scilicet ut scripta per iudices memoratos, in cuiuslibet fuerit dirigenda dispendium, sententia proferatur.

392) L. 1. Th. C. de offic. procons. (1, 12). L. 1. Th. C. si curialis rel. (12, 18). L. 5. 6. Th. C. de naufrag. (13, 9). L. 6. Th. C. de decur. urb. Rom. (14, 1) L. 12. Th. C. de pistor. (14, 3). L. 2. Th. C. de centon. (14, 8). Nov. Theodos. II. tit. 7. 2, 3. tit. 23. 1, 2.

393) L. 173. §. 4. Th. C. de decurion. (12, 1). L. 7. 15. Th. C. de leg. et decr. (12, 12). L. 2. Th. C. de milit. veste (7, 6). L. 33. sine tit. lib. 7. tit. 13.

394) Tit. Th. C. 4, 17. J. C. 7, 44. de sententiis ex periculo recitandis v. Bethmann-Hollweg Civilprocess III. S. 292.

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Erstes Capitel. Die multae dictio.

L. 6. §. 5. C. de modo mult. (Anm. 391) das geschriebene Urtheil in eigentlichen Criminalprocessen zu den Multcondemnationen in Gegensatz zu stellen scheint, so bezieht sich dieses wohl darauf, dass solche Condemnationen – wie auch das gleich darauf (Anm. 367) getadelte willkürliche Aendern der einmal gesprochenen Mult andeutet 395) thatsächlich oft blos mündlich nach sehr summarischer Untersuchung geschahen und auch vollstreckt wurden. Rechtlich waren sie in dieser Gestalt nichtig, nur s. g. Präjudicien, deren Niederschreibung die Partei verlangen musste, um von dem so eröffneten Urtheil appellieren zu können 396). Auch dass die Execution durch Pfändung geschah, ist nach dem allgemeinen damaligen Executionsrechte nicht zu bezweifeln 397). Die Einziehung selbst behielt aber bei den willkürlichen eigenen Multen die dicierende Behörde nebst der freien Disposition darüber zu öffentlichen Zwecken (Anm. 324), während sie bei den gesetzlichen in bestimmter Höhe wie schon früher bei allen gesetzlichen Geldstrafen nun dem Procurator zustand (Anm. 360 vgl. mit 324).

395) Um diese Zeit wurde überhaupt erst das Princip der Niederschreibung der Urtheile, die sonst nichtig sein sollten, streng durchgeführt, und wir finden es in den Rechtsquellen in Verbindung damit, dass auch eine Aenderung unzulässig sei, dargestellt. L. 4. 5. Th. C. de sentent. ex peric. (4, 17).

396) L. 40. vgl. mit L. 38. Th. C. de appellat. (11, 30).

397) Eine Anwendung auf die Mult, allerdings die gesetzliche und zusammen mit Eintreibung einer anderweitigen Schuld kommt vor in L. 13. $. 2. Th. C. de praetor. (6, 4) ... in argento vel in ipsis pignoribus ad praefecti urbi officium destinetur.

Zweites Capitel

Die multae irrogatio.

Die zweite Hauptform der multa ist die multae irrogatio. Hier erscheint sie in einer von der Behörde willkürlich bestimmten, aber dann festen Geldsumme und wird so Jemandem angesagt, um von der Plebs darüber entscheiden zu lassen. In dieser Gestalt ist die Mult kein Coercitivmittel der Magistrate wegen Ungehorsams oder ähnlicher Ungebühr gegen sie, sondern eine Criminalstrafe für ein Verbrechen, deren Ursprung und Bedeutung wesentlich mit dem Eintritt der Plebs als zweiten Hauptbestandtheiles des Staates zusammenzuhängen scheint. Denn nicht nur finden wir sie erst nach dem Aufkommen der Plebs, aber auch sehr bald nach diesem von den Behörden derselben zur Anwendung gebracht, sondern sie bleibt auch in der Folge stets ein eigenthümliches Recht der Tribunen und Aedilen des Volkes, welches später nur auch auf die curulischen Aedilen übertragen wurde, wahrscheinlich, weil diesen im Ganzen dieselben Rechte für den populus, wie den bisherigen Aedilen für die Plebs zustehen sollten.

Für den Ursprung und die Bedeutung dieses eigenthümlichen Criminalverfahrens ist vor Allem zweierlei zu bemerken, dass dasselbe von den Römern selbst auf die mores zurückgeführt wurde und dass es ebenfalls nach den mores mit der Anklage auf das Leben in der Form der perduellionis iudicatio in engster Verbindung stand, wie sich aus dem richtigen Verständniss folgender Stelle ergibt: Liv. 26, 3, 7. De eo quoque novum certamen ortum. nam cum tribunus bis pecunia anquisisset, tertio capitis se anquirere diceret, tribuni plebis appellati collegae negarunt se in mora esse, quominus, quod ei more maiorum permissum esset, seu legibus seu moribus mallet, anquireret, quoad vel capitis vel pecuniae iudicasset privato. Tum Sempronius perduellionis se iudicare Cn. Flavio dixit, diemque comitiis ab C. Calpurnio praetore urbis petit. Zweierlei wird hier dem Herkommen zugeschrieben: erstens HUSCHKE, multa u. sacramentum.

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das Recht der Tribunen, wäbrend der vor Ansetzung des Volksgerichtstages üblichen dreimaligen Anklage vor einer Concio und, wie aus einer andern Stelle hervorgeht, selbst bis zum Volksgerichtstage hin und so lange nur an einem solchen noch nicht verurtheilt war, zu variieren, ob sie auf Lebens- oder auf Geldstrafe antragen wollten, so dass erst ein in Folge ihrer Wahl gefälltes Volksurtheil entscheidend war'), was sich denn auch schon in früheren Beispielen findet?); zweitens die Anklage auf Geldstrafe selbst, während die auf das Leben auf Gesetze zurückgeführt wird. Wenn man nehmlich Livius nicht Schuld geben will, völlig unverständlich geschrieben zu haben, so muss man in dem offenbaren Parallelismus der Sätze seu legibus, seu moribus mallet, •anquireret und quoad vel capitis vel pecuniae iudicasset privato

1) Wenn also zwar bei Cic. pro Mil. 14, 36: diem mihi, credo, dixerat (der Volkstribun Clodius), multam irrogarat, actionem perduellionis intenderat, beide Strafarten neben einander gestellt werden, so ist diese Zusammenstellung doch nur als eine alternativ gedachte zu verstehen, wie aus einer andern Stelle desselben Cic. pro dom. 17, 45. hervorgeht: Nam cum tam moderata iudicia populi sint a maioribus constituta, primum ut ne poena capitis cum pecunia coniungeretur. Beruhte aber dieser Grundsatz nach dem Zeugniss des Livius auf Herkommen, so ist es ungerechtfertigt, wenn Zumpt Criminalrecht I. 1. S. 366. ihn auf die zwölf Tafeln zurückführt.

2) Liv. 2, 52, 3. (vom J. 279; Q. Considius et P. Genucius, auctores agrariae legis, T. Menenio diem dicunt. invidiae erat amissum Cremerae praesidium, quum haud procul inde stativa consul habuisset. Eum oppresserunt, quum et Patres haud minus, quam pro Coriolano, adnixi essent et patris Agrippae favor haud dum exolevisset. In multa temperarunt tribuni, quum capitis anquisissent: duo milia aeris damnato multam dixerunt. So muss man interpungieren: nicht mit den Herausgebern exolevisset; in multa temperarunt tribuni. Quum capitis anquisissent, duo etc., wovon später. Liv. 25, 3, 13. von dem Gericht gegen den Zollpächter Postumius (512): Populus severior vindex fraudis erat; excitatique tandem tribuni plebis Sp. et L. Carvilii, quum rem invisam infamemque viderent, ducentum milium aeris multam M. Postumio dixeruntcui certandae cum dies advenisset, conciliumque tam frequens plebis adesset, ut multitudinem area Capitolii vix caperet, perorata causa spes una videbatur esse, si C. Carvilius Casca, tribunus plebis, qui propinquus cognatusque Postumio erat, priusquam ad suffragium tribus vocarentur, intercessissent. Testibus datis, tribuni populum summoverunt, sitellaque adlata est, ut sortirentur tribus, ubi Latini suffragium ferrent. Interim publicani Cascae instare, ut concilio diem eximeret. populus reclamare

c. 4, 8. Confestim Carvilii tribuni plebis, omissa multae certatione, rei capitalis diem Postumio dixerunt: ac, ni vades daret, prehendi a viatore atque in carcerem duci iusserunt. Schol. Bobiens. in orat. in P. Clod. et Cur. p. 337. Orell. von Ap. Claudius Pulcher: Hic consul apud Drepanum adversus auspicia Poenis classe conflixit Ea pugna Romanorum naves perierunt CXX. Ob id factum dies ei dicta perduellionis a Pullio et Fundanio tribunis plebis. Cum comitia eius rei fierent et centuriae introducerentur, tempestas turbida. coorta est. Vitium intercessit. Postea tribuni plebis intercesserunt, ne idem homines in eodem magistratu perduellionis bis eundem accusarent. Itaque actione mutata, iisdem accusantibus, multa irrogata, populus eum damnavit aeris gravis CXX milibus.

dessen Glieder auf einander beziehen und folglich unter dem legibus anquirere das capitis iudicare , unter dem moribus anquirere das pecuniae iudicare verstehen 3). Und dieses rechtfertigt sich denn auch dadurch, dass das capitis oder perduellionis iudicare in der That, wie wir anderweitig wissen, auf leges beruhte). Beide erwähnten Sätze enthalten nun auch wichtige Fingerzeige zur Erforschung des Ursprungs und der eigentlichen Bedeutung der multa irrogata, wozu wir uns jetzt wenden.

Es ist hauptsächlich Niebuhr's Verdienst, zuerst nachgewiesen zu haben, dass die Plebejer, die wir im Anfange des Freistaates den Patriciern als zweitem Haupttheil des Römischen Volkes entgegengesetzt finden, sich zu ihnen als eine besondere, in der Abstammung verschiedene und erst durch Receptionen verschiedener fremder Völkerschaften aus der Fremde entstandene, zwar des allgemeinen Privatbürgerrechtes theilhaftige, aber ungeachtet ihrer ebenmässigen Verpflichtung zu Schoss und Kriegsdienst, von den politischen Vorrechten der alteingesessenen Bürgerschaft ausgeschlossene Gemeine verhielten. Um aber das Gewicht und die Art dieses Gegensatzes vollständig ermessen und daraus die Entwicklung der Verfassung gegen Ende der Königszeit und im Anfange der Republik begreifen zu können, muss das Ergebniss neuerer Forschungen binzugenommen werden, dass die Plebs der Servianischen Verfassung und des ältesten Freistaates selbst wieder aus mehrfachen Bestandtheilen zusammengesetzt war, indem sie nächst einem bevorzugteren Theile schon älteren Ursprungs und einem späteren geringeren Ansehens aus einer militärischen Verdoppe. lung des alten Staats im eigentlichen Sinne des Worts hervorging. Abgesehen nehmlich einerseits von den theils schon früher theils besonders von Ancus Marcius als Exquiliner ins Bürgerrecht aufgenommenen und angesiedelten meist Latinischen Völkerschaften mit angesehenen Familien, welche von ihm erst in 2 Abtheilungen organisiert"), dann unter Servius Tullius als vierte locale Tribus (Esquilina) neben den drei der Altbürger zu einem wenigstens localen Staats - Grundbestandtheil erhoben und zu einem gewissen Antheil am Senate als conscripti berechtigt wurden, weshalb sie in der nächsten Folgezeit den vornehmsten Theil der Plebejergemeinde

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3) Diese Bedeutung des Parallelismius erkemen auch die Ausleger im Ganzen an, nur bringt Drakenborch einen schiefen Sinn hinein, wenn er deutet: Die Gesetze schrieben die Capitalbestrafung eines Feldherrn vor, der sein Heer verloren hätte; die Sitte gestattete, ilım eine Geldstrafe aufzulegen. Noch willkürlicher aber ist die Erklärung Zumpt's cit. I. 2. S. 465. Anm. 75: legibus anquirere heisse untersuchen, ob Jemand die Gesetze, inoribus aber, ob er die Sitte verletzt habe.

4) Nehmlich schon auf einer lex regia Liv. 1, 26, 5, 6. Noch andere werden wir im Laufe der Untersuchung kennen lernen,

5) Dionys. 3, 37. nennt sie gulds (nicht tès qvaós). Angedeutet sind sie in den exquiliae durch deren beide Hauptbergspitzen, den mons Oppius und Cispius. Fest. v. Septimontio p. 348. Varr. de L. L. 5, 49 seq.

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