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dem hat sich offenbar auch aus der Römischen Kaiserzeit, auf welche das Denarzeichen und der gemeine Griechische Dialect hinweisen, ein Gesetz der Lycischen Stadt Myrå erhalten 96), worin zweimal auch eine Geldstrafe vorgeschrieben wird. Weil nehmlich, wie es im Eingange heisst, in Folge davon, dass die Ueberfahrtsverpachtung bei Limyra kein preiswürdiges Gebot fand, die Einkünfte vermindert wurden, wird verordnet, dass hinfort kein Anderer (ausser dem Pächter) etwas von den näher bezeichneten Localitäten aus überfahren dürfen oder dem Volke für jede Fahrt 1000 Denare schuldig sein soll. Von Schiffen und Takelage soll der Pächter das Recht haben ein Verzeichniss zu liefern und blos die verzeichneten Schiffe oder die der Pächter ausserdem dazu verstattet, indem er von der ganzen Schiffs- und Ladungsmiethe ein Viertheil nimmt, überfahren dürfen; wer aber von freien Stücken für ein genommenes Schiffsgeld überfahren will, soll es ihm anzeigen und von dem Gelde ihm ein Viertheil geben, oder der vorbesagten Strafe (to Apoyeypapuévą apostelu@) unterliegen'. Die Stadt muss eine, s. g. autonome gewesen sein.

Nachdem nun auch die multae irrogatio mit ihren weiteren Ausbildungen vollständig dargestellt ist, schliessen wir wieder mit einem allgemeinen historischen Ueberblicke, wobei wir dieselben drei Perioden: unter den Königen, bis zur Unterwerfung Italiens und bis zum Untergange der freien Republik unterscheiden.

Haben wir das nothwendige Verhältniss der multae irrogatio zur perduellio richtig bestimmt, so muss, wie diese selbst uralt war, doch auch jene Sühne derselben nach ihrem ersten Keim schon in die ältesten Zeiten des Römischen Staats fallen. Das bestätigt auch die Geschichte. So wie beim paricidium im Falle der Unvorsätzlichkeit schon seit Numa eine Art Abkaufung der Blutrache durch Hingabe eines Opferthiers zulässig war, so trat etwas Aehnliches für die perduellio seit Tullus Hostilius ein.

96) C. I. Gr. 4302 a. T. III. p. 1137. Die Dorische Säule, auf der es steht, beginnt mit der Präscription 'Ayat túxn. Soße on Bovin zal τω δήμω πρυτάνεων γνώμη. Beispiele stadtischer Multen aus der Zeit der Selbständigkeit Griechischer Städte gewähren die Inschrift von Corcyra C. I. Gr. 1845, 70 seq. 100 seq. 110 seq. und die von Thera im Aegäischen Meere ibid. 2448; IV, 35. V, 20.30. VII, 1 seq. VIII, 10. Dass aber die Römischen Municipien überhaupt das Recht der Gesetzgebung über ihre städtischen Angelegenheiten hatten, zeigt das Beispiel von Arpinum bei Cic. de legib. 3, 16., und man darf auch daraus, dass, nachdem die Städte gegen Ende der Republik immer mehr in Abhängig keit von der Centralgewalt gekommen, das leges dare von Rom aus (vgl. darüber meine Osk. Sprachd. S. 135) immer mehr überhand nahm, wie besonders die Lex Iul. munic. 30. zeigt, nicht schliessen, dass sie es nun verloren hätten. Nur war es jetzt auch auf den Umkreis eingeengt, den ihnen diese leges datae liessen, die sie als Römische Gesetze auch nicht selbst ändern konnten.

Aus der nach strengem Rechte wohlverdienten perduellio iudicata des jungen Horatius wegen eigenmächtiger Tödtung seiner Schwester, welche das Volk nach der Provocation erlassen hatte, haftete der Ermordeten und den Göttern gegenüber noch eine Schuld nicht blos auf dem Thäter, sondern auch auf dem nachsichtig gewesenen Volke und Vater selbst, jedoch nach den besonderen Umständen eben so sühnbar, wie das paricidium im Falle der Unvorsätzlichkeit. Und diese Sühne wurde nach einer wahrscheinlich schon zum Voraus bei der Legislation über diesen Provocationsprocess für den Fall der Freisprechung durch das Volk getroffenen sacralen Veranstaltung 97) in der Art bewirkt, dass der Vater dem zur perduellio Verurtheilten die bei wirklichen Staatsfeinden, denen man das verwirkte Leben schenken wollte, übliche Demüthigung der sub iugum missio auferlegen, vorher aber noch wegen des Grundes der perduellio mit Gelde des Volks (ex pecunia publica) und folglich auch der Familie des Thäters Sühnopfer darbringen musste"), aus deren beständiger Fortdauer an einem deshalb für nefastus erklärten Tage und dem beständig erhaltenen sororium tigillum für die sub iugum missio man wohl schliessen darf, dass damit eine allgemeine Institution eingeführt war, die als solche auch für alle zukünftigen Fälle dieser Art galt und nicht blos für diesen einzelnen Fall gemeint war99). Nach dem Rechte dieser ältesten unmittelbaren perduellio, kraft dessen der Thäter noch nicht im Innern als civis deo sacer, sondern dem verletzten Volke gegenüber als perduellis eigentlich sein Leben verwirkt hatte, war also die stellvertretende Sühne für den Verbrecher selbst noch eine überwiegend politische und persönliche des auswärtigen Staatsrechts (die sub iugum missio) und traf, so weit sie doch auch für das Innere in einer zu wirklichem Opfer verwandten Geldsumme bestand, noch vornehmlich das Volk, welches deren unterlassene Rächung vor den Göttern der inneren

97) Denn nach Tacit. A. 12, 8. waren es auch leges regis Tullii, des Urhebers der Provocation, welche die piacula für Verbrechen vorschrie. ben, und aus dem Zusammenhange beider erklärt sich, weshalb die libri pontificii als älteste Quelle über das Recht der Provocationen angeführt werden. Cic. de rep. 2, 31.

98) Liv. 1, 26. Itaque ut caedes manifesta aliquo tamen piaculo lueretur, imperatum patri, ut filium expiaret pecunia publica. Is, quibusdam piacularibus sacrificiis factis, quae deinde genti Horatiae tradita sunt, transmisso per viam tigillo, capite adoperto velut sub iugum misit iuvenem. Id hodie quoque publice semper refectum manet. Vgl. Dionys. 3, 22., der noch andere Opfer ausser denen an die Juno sororia und den Ianus Curiatius erwähnt, und Fest. p. 297. v. Sororium tigillum, Dazu meine Iguv. Tafeln S. 210.

99) Mein Röm. Jahr S. 228. Dass wir kein zweites Beispiel der Anwendung der sub iugum missio im Fall der perduellio nach der des Horatius kennen, ist kein Gegenargument, erklärt sich aber selbst daraus, dass die perduellio schon seit der freien Republik einen anderen rechtlichen Charakter annahm.

Staatsgewähr zu vertreten hatte 100). Eine multa konnte diese daher offenbar noch nicht genannt werden. Sie erklärt aber den Uebergang von der alten unmittelbaren und blossen perduellio zur späteren mittelbaren und mit einer sacralen Geldabfindung verbundenen, welche letztere auch nach den früher dafür angegebenen Momenten eine den Thäter selbst treffende selbständige multa werden konnte, als die erstere mit ihrer Hinübernahme ins Innere des selbst aus dem Auslande dualisierten Staats den uns bekannten neuen Charakter, den Verurtheilten zum sacer zu machen, annahm.

Dieses geschah in der zweiten Periode. Indem nehmlich das regnum affectatum statt seiner bisherigen Bedeutung einer capitalen Verletzung des einheitlichen Staats, der sich des Uebeltbäters in der perduellionis iudicatio, als wäre er ein auswärtiger Feind geworden, durch ein Capitalgericht des Königs, beziehungsweise der Zweimänner aus den Fetialen, und des Volks erwehrte, und nur in geeigneten Fällen sich mit einer geringen Sübne begnügte, nun die eines zum deo sacer machenden Verraths an dem jetzigen Staatsbündnisse des populus und der plebs erhielt, wurden die Tribunen als die geheiligten Wächter über die Gleichberechtigung der letzteren in dieser neuen Staatsverfassung die Perduellionsankläger und Richter gegen die, welche sie so verletzt hatten. Es wurden aber auch mit der Verdoppelung des Volkes und seiner verfassungsmässigen Organe perduellionis iudicatio und multae irrogatio alternativ als strengere und mildere Ahndungsweise nebeneinander gestellt, so dass auch die das Haupt des Angeklagten ehemals rettende Sübne materiell in eine selbständige sacrale Geldbusse mit eigenem Verfahren überging, wenn sie auch formell noch den Charakter einer multae sublatio behielt, und das Hauptgewicht fiel immer mehr in die Mult, theils weil man mit der Capitalstrafe meist nicht durchdringen zu können besorgen musste, theils auch aus Milde. Denn auch die Capitalstrafe behielt in Folge der begünstigten Entweichung in der Regel nur den Charakter einer Vermögensstrafe mit Verlust des Bürgerrechts. Beide, perduellionis iudicatio und multae irrogatio, waren aber neben den auf gewisse gesetzliche Fälle beschränkten Proceduren wegen parricidium und aus dem unmittelbaren lege sacrum esse nach dessen jetziger Bedeutung die ordentlichen öffentlichen Criminalanstalten dieser Zeit wegen aller als allgemeiner Staatsverbrechen zu verfolgenden Delicte, und sie hatten ihren Schwerpunkt um so entschiedener im Volksgericht, als die das Verfahren einleitenden Behörden (Tribunen und Aedilen neben den quaestores parricidii) plebejische oder

100) Wiewohl der Luierte zunächst der Thäter selbst war, der damit, da er durch die iudicatio einem schuldbeladenen Ausländer gleichgesetzt worden, iure sacro zum Genuss des Bürgerrechts auch vor den Göttern nach dem Rechte der Luceres zurückgelangte. Vgl. über dieses Recht das Röm. Jahr S. 221 flg. Anm. 89.

doch sonst ohne Imperium waren. Ihnen gegenüber bestand von Seiten des alten Staats jetzt mehr aushülfsweise die in dem Imperium auch liegende Criminalgewalt der Staatsobrigkeit über Haupt und Rücken, die gegen Bürger in Rom durch Provocation beschränkt, oft in wichtigen und energischer Ahndung bedürftigen Fällen zum Voraus durch eine lex centuriata mit definitiv entscheidender quaestio bekleidet wurde. Weiter entwickelt wurde aber sehr bald mit fortschreitender Gesetzlichkeit und Milde das Recht der Multen. Damit das Recht der multae inrogatio in anderen als eigentlich hochpolitischen Fällen nicht durch seine abstracte Unbeschränktheit aufhörte, eine Rettung vor der Capitalstrafe zu sein, erlaubten sie viele Gesetze für gewisse besonders häufige und weniger schwere Vergehen nur mit der Beschränkung unterhalb der Hälfte des Vermögens des Angeklagten, oder bestimmten dafür feste Multen in mässiger Höhe, womit ein neuer Dualismus, multae inrogatio und gesetzliche Mult (evitanea multa), gegeben war.

Auch verlor mit der letzteren die Mult den unmittelbar religiösen Charakter eines Schuldopfergeldes, indem die gesetzliche Mult ins Aerar floss, und ibre unmittelbare Beziehung auf die Plebs, da auch andere Magistrate zu deren Einziehung verstattet wurden. In beiden Beziehungen trat sie, zugleich den Spielraum der magistratualen multae dictio beschränkend, mit anderen Formen gesetzlicher Geldstrafen, dem populo dare damnas esto und dem poena esto auf dieselbe Stufe.

Alle diese Fortentwickelungen erreichten in der dritten Periode erst ihre volle Ausbildung. Mit der Ueberwindung des Gegensatzes von Patriciern und Plebejern und der Unterwerfung Latiums und Italiens erhob sich aber auch der Römische Staat aus der bisherigen stamm- und schutzgenossenschaftlichen Coordination und Gleichheit seiner inneren und socialen Kräfte, dem Mutterboden auch des Begriffs der perduellio und des pari-cidium, zu einer Höhe und Herrschaft im Aeusseren und Inneren, die zunächst in dem Begriffe der maiestas populi Romani -- hervorgegangen aus der beständigen Clausel seiner Anerkennung als maior populus in den jetzigen Italischen foedera iniqua ihren Ausdruck fand, mit der Zeit aber auch auf das Institut der perduellio und des paricidium einen entkräftenden und zerstörenden Einfluss äussern musste. War bisher der Bürger vermöge der publicistisch - militärischen Färbung auch aller seiner Sonderverhältnisse nicht als blosser Einzelner (privatus), sondern als integrierender Bestandtheil des Wehr. volkes in Betracht gekommen und hatte der Staat selbst in der Coordination oder Zweiheit bestanden, so lag auch in der Uebelthat wider dieses Verhältniss in Wahrheit eine per-duellio, eine feindselige Stellung von Volk gegen Volk, in dem Morde eines Mitbürgers und was dem gesetzlich gleichstand, ein wirkliches pari-cidium. Nach der jetzigen Erhebung der Staatseinheit zu jener maiestas und der Herabdrückung der nicht mehr stamm

und schutzgenossenschaftlichen Bürger zu blossen Privaten 101), für die der Staat nach seiner höheren Idee auch im Innern durch seine Justizeinrichtungen den Schutz übernahm, konnten jene Begriffe nur noch abstract als einmal hergebrachte festgehalten werden. Das eigenthümlich treibende Princip dieser Periode sprach sich vielmehr darin aus, dass statt in jedem öffentlichen Verbrechen - ausser dem paricidium -- möglicher Weise auch einen Gegenstand der anquisitio (perduellio oder Mult) zu sehen, die wichtig. sten und häufigsten ehemaligen Gründe einer solchen um die Mitte dieser Periode gleich Zweigen aus dem ehemaligen Doppelstamme der perduellio und des parricidium zu selbständigen gesetzlich definierten crimina sich verästeten, für die auch nicht mehr unmittelbare, sondern stellvertretende iudicia publica und zwar immer mehr in s. g. quaestiones perpetuae eintraten und wozu das ehemalige Staatsverbrechen, jetzt in die maiestas violata umgesetzt, und das ehemalige paricidium, jetzt in das moderne paricidium und das homicidium gesondert, nun auch gehörten. Obgleich nun die tribunicische anquisitio durch perduellio oder multae irrogatio als allgemeines Criminalverfahren neben diesen individualisierten Quästionen fortbestand, so musste sie doch in demselben Grade an Terrain verlieren, als die Quastionen erstarkten und sich vermehrten, und schon vor dem Ende der Republik war sie, wenn auch nach der Sullanischen Herabdrückung der tribunicischen Gewalt auf ihr ursprüngliches Mass und der dadurch bewirkten Abschaffung der gewöhnlichen tribunicischen und gewiss auch üdilicischen Volksgerichte 102), später (684) durch Pompejus gesetzlich wieder hergestellt, doch praktisch so gut als abgekommen, wie man daraus sieht, dass Cicero in seiner Musterlegislation (de leg. 3, 3) sie geradezu gar nicht mehr anführt; denn in seinem Satze cum magistratus iudicassit inrogassitve, per populum multae poenae certatio esto, ist sie nur allgemein andeutend und nur so mit aufgenommen, dass er unter iudicassit - da er später allen Magi

101) In dem commentarium anquisitionis bei Varr. de L. L. 6, 9, 92., welches aus der dritten Periode stammt, heisst der Angeklagte ausdrücklich privatus, und dass man darunter eigentlich den blossen unbewaffneten Bürger verstand, zeigt der Ausdruck bei Berufung der jetzigen Centuriatcomitien ibid. §. 86. armatos privatosque. Das jetzige souveräne Volk mit maiestas erschien nehmlich nicht mehr, wie das ehemalige, gegen welches die perduellio begangen wurde, durchgängig bewaffnet, sondern in der Regel und ohne besondere Berufsstellung Einzelner unbewaffnet.

102) Hierauf beziehe ich Cic. Verr. act. 1, 13, 38.... quid sit, quod iudiciis ad · senatorium ordinem translatis sublataque populi Romani in unumquemque vestrum potestate, Q. Calidius damnatus dixerit etc., die man meist anders versteht, vgl. Eisenlohr Provocation S. 189. Geib Criminalproc. S. 387. Zumpt cit. II. 1. S. 307 flg., der übrigens mit Recht bemerkt, dass aus der Zeit der Herrschaft der Sullanischen Verfassung kein Perduellions- und Multvolksgericht bekannt sei. Für gesetzliche Multen werden damals die Recuperatorengerichte sich vollends festgesetzt haben.

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