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Vorwort.

Der Antisemitismus ist etwas, dem dringendst sachlich, sine ira et studio, mit wissenschaftlichem Apparat, auf den Grund gegangen werden muß. Dies ist die Pflicht eines jeden aufrechten, human fühlenden Menschen, eines jeden Freundes des Glückes der größten Anzahl, dem die gesellschaftliche Eintracht, das ungestörte Wohlergehen aller Kinder des Erdenrunds am Herzen liegt. Über die Feme, die ein Volk seit Jahrtausenden bitter verfolgt, muß einmal zu Gericht gesessen werden.

Lagarde behauptete einmal, daß die Juden „nie irgendwo in der Geschichte sich der Zuneigung ihrer Mitmenschen zu erfreuen gehabt“. Warum? Wenn eine Gemeinschaft seit Jahrtausenden von Land zu Land gehetzt wird, vom Haß immerfort umgeben ist, unter fürchterlichen Metzeleien oft blutet und diese Gemeinschaft dennoch unermüdlich zu den Fahnenträgern der höchsten Formen der Kultur gehört, so gilt die Frage: Woher? Was ist die Ursache dieses bitteren Schicksals?

Das ist kein archivalisches Problem von gestern und ehegestern. Abschlachtungen von Juden gehören noch bei weitem nicht einer verklungenen Vergangenheit an. In den letzten zwei Jahren des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts wurden in der Ukraine unter den fürchterlichsten Greueltaten mehr als hunderttausend Juden, wehrlose Männer, Greise, Frauen, Kinder an den Brüsten, von einem wütenden Mob niedergemacht. Hunderte Juden fielen als Opfer auch in Polen und in Ungarn in den letzten Zeitläuften. Subtiler geht es mit dem Judenhaß in Deutschland, Frankreich und auch sonst im Westen zu, aber sachlich ist dieselbe Abneigung wie im Osten im Schwang. Hier blüht noch in der Gegenwart eine die Luft mit Gift schwängernde Literatur antisemitischen Inhalts. In Tageszeitungen, Broschüren und auch sogenannten wissenschaftlichen Werken wird der Jude ständig von einer großen Gruppe von Hetzern verächtlich ge. macht. Deutsche Hochschüler weisen ihre jüdischen Kollegen aus ihren Verbindungen. Juden gelten nach dem Waidhofener Prinzip nicht einmal als satisfaktionsfähig.

Wächter, wie lange dauert noch die Nacht an? Wird dem Judenstamm unter den Völkern nie Ruhe gegönnt werden? Wird der furchtbare Schmerz des ewigen Völkerhiob, der vom Ahne auf den Nachfahren in hundert Geschlechtern sich fortsetzt, wird das vom Jordangestade bis an des Nordens rauhe Gletscher auf eine Gemeinschaft sich häufende dornige Leid einmal aufhören? Sind es geschichtliche Akzidentien, die Israel niederdrücken und daher einst noch weichen werden, oder handelt es sich um eine im Wesen der Dinge anthropologisch oder charakterlogisch begründete Sachlage, der keine Analyse helfen, die kein noch so feines Räsonnieren beseitigen, keine Entwicklung über den Haufen rennen kann?

Der Verfasser.

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