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J-4-29 MRS

Latin

Baer

3-11-24
9833

Vergils Leben.

P. Vergilius Maro wurde den 15. Oktober des Jahres 70 v. Chr. G. (684 a. u. c.) zu Andes (jezt Pietole), einem Dorfe in der Nähe von Mantua, geboren, wo sein Vater ein Landgut hatte. Seine Mutter hieß Magia (Polla). Der Vater ließ den begabten Knaben in Cremona, später, als derselbe die toga virilis angelegt hatte, in Mediolanum unterrichten. Im Jahre 53 kam Vergil nach Rom. Von Lehrern, deren Unterricht er daselbst genoß, werden der Redner Epidius und der epikureische Philosoph Siron genannt, von denen der leztere ihn nicht bloß in das Studium der Philosophie, welchem er zeitlebens ergeben blieb, sondern auch in das der Physik einführte. Nach Vollendung seiner Studien kehrte Vergil in sein Heimatsdorf zurück und widmete sich, da seine schwächliche Gesundheit ihm nicht erlaubte, die Beamtenlaufbahn zu betreten, der angeborenen Neigung folgend, der Bewirtschaftung des väterlichen Gutes und der Beschäftigung mit Wissenschaft und Poesie. Dieses zwischen Naturgenuß und ernster Geistesarbeit geteilte Leben erlitt eine unliebsame Störung durch die Ereignisse des Jahres 41, in welchem die seit langem versprochene Verteilung von Äckern an die Veteranen der Triumvirn stattfand. Mehrere Städte Italiens, die es mit Brutus und Caffius gegen die Triumvirn gehalten hatten, wurden samt ihrem Gebiete den Soldaten preisgegeben; unter ihnen befand sich auch Cremona. Da aber die Ländereien dieser Stadt den Ansprüchen der Veteranen nicht genügten, so rissen diese das Gebiet des benachbarten Mantua eigenmächtig an sich. So kam es, daß Vergils Vater von seinem Gute verjagt wurde. Damals verwaltete das transpadanische Gallien als Legat des Triumvirn Antonius der als Staatsmann, Feldherr und Schriftsteller gleich ausgezeichnete C. Asinius Pollio, dessen Beifall und Gunst sich Vergil durch seine bisherigen dichterischen Versuche erworben hatte. Auf Fürsprache dieses Gönners, sowie des Dichters Cornelius Gallus, seines Jugendfreundes, erhielt Vergil, der sich nach Rom begeben hatte, um dort bei den Machthabern Schuß zu suchen, von Octavianus, der auf den jungen Dichter bereits aufmerksam geworden war, die väterliche Besizung zurück. Doch kurze Zeit darauf verlor fie Vergil wieder, da P. Alfenus Varus, des Octavianus Legat, welcher nach dem Ausbruche des perusinischen Krieges (41-40 v. Chr.) an Stelle des C. Asinius Pollio mit der Äckerver

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teilung im transpadanischen Gallien betraut worden war, ebensowenig die Übergriffe der Veteranen hintanzuhalten vermochte. Vergil, der sich diesmal sogar an seinem Leben bedroht sah, floh wieder nach Rom; schließlich gelangte er durch Vermittlung einflußreicher Freunde und Gönner, insbesondere des bei Octavianus in hohem Ansehen stehenden C. Cilnius Maecenas, des bekannten hochherzigen Förderers dichterischer Talente, wieder in den nunmehr ungestörten Besiß des andinischen Gutes. 1)

Über die weiteren Lebensumstände des Dichters erfahren wir, daß er die späteren Jahre seines Lebens in Kampanien, größtenteils in Neapel, in Abgeschiedenheit verlebte und ab und zu einmal die Hauptstadt besuchte, wo er auf dem mons Esquilinus neben den Gärten des Maecenas ein Haus besaß. Im Jahre 19 v. Chr. (735 a. u. c.) reiste er nach Griechenland, um hier und in Kleinasien an sein größtes Werk, die Aeneide, die lezte Hand zu legen; in Athen erkrankt, ließ er sich von Augustus, welcher auf der Rückkehr aus dem Orient diese Stadt berührte, zur Umkehr bewegen; während der Überfahrt nach Italien verschlimmerte sich jedoch sein Zustand derart, daß er einige Tage nach der Landung in Brundisium daselbst verschied (21. September 19). Seine Überreste wurden nach Neapel gebracht und an der nach Puteoli führenden Straße bestattet. 2)

Daß Vergil von schwächlicher Körperkonstitution war, ist schon oben erwähnt worden. Die dem Donatus zugeschriebene Biographie des Vergil sagt hierüber, sowie über das äußere Aussehen des Dichters: 'Corpore et statura fuit grandis, aquilo colore, facie rusticana, valetudine varia; nam plerumque a stomacho et a faucibus ac dolore capitis laborabat, sanguinem etiam saepe reiecit; cibi vinique minimi.' Was seinen Charakter betrifft, so rühmen alle Zeugnisse seine Milde und Herzensgüte, seine Bescheidenheit, seine Sittenreinheit; er war, wie ihn sein Freund Horaz Sat. I 5, 41 bezeichnet, eine anima candida.

Als Dichter genoß Vergil schon bei Lebzeiten allgemeine Anerkennung und großen Ruhm, der in den folgenden Jahrhunderten noch wuchs. Er wurde in der Schule gelesen; er war das Vorbild aller späteren römischen Epiker; frühzeitig fand er gelehrte Erklärer (M. Va

1) Möglich auch, daß Vergil gegen eine Entschädigung in Kampanien auf sein väterliches Erbgut in Oberitalien Verzicht leistete.

2) Das Grabmal soll nachstehende (angeblich von Vergil selbst verfaßte) Inschrift gehabt haben: 'Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc | Parthenope; cecini pascua, rura, duces.'

lerius Probus, Maurus Servius Honoratus und andere); in abergläubischer Verehrung zog man seine Gedichte als Stechbuch zu Rate (sortes Vergilianae); zuleßt verwandelte sich Vergil dem Volke in einen Zauberer und Wunderthäter und blieb tief ins Mittelalter hinein Gegenstand phantastischer Sagenbildung; selbst heutzutage ist die Vergillegende in Süditalien nicht ganz ausgestorben.

Vergils Dichtungen.

Die Werke, denen Vergil seinen gefeierten Dichternamen bei Mit- und Nachwelt verdankt, sind die Bucolica, die Georgica und die Aeneis. Außerdem sind unter seinem Namen noch die Catalecta, eine Sammlung von vierzehn kleineren Gedichten, die Ciris, die Copa, der Culex, das Moretum und andere kleinere Gedichte überliefert, von denen jedoch wohl nur einige wirklich von Vergil sind, und zwar dürfte er diese teils in der Zeit seines ersten Aufenthaltes in Rom, wo er mit den damals tonangebenden Dichtern in Berührung gekommen war, teils in der ersten Zeit nach seiner Rückkehr von Kom nach Andes verfaßt haben.

Die Bucolica, Hirtengedichte, sind Nachbildungen der eidúλa1) des griechischen Dichters Theokrit, der, aus Syrakus gebürtig, um 260 v. Chr. in Sizilien als Dichter der Bouzoλixò doidh, des Hirtengesanges, blühte und in dieser Kunstgattung Mustergiltiges geschaffen hat. Die zehn (ausgewählten) Gedichte, Eclogae, aus denen das Buch der Bucolica (Bucolicon liber) besteht, sind teils in der Zeit der behaglichen Muße, deren sich Vergil nach seiner Heimkehr aus Rom vor der Äckerverteilung erfreute, teils während der durch die Äckerverteilung über ihn gekommenen Drangsale entstanden. Vergils bukolische Poesie unterscheidet sich jedoch nicht unwesentlich von der Theokrits; während Theofrits Hirten naturwahre Gestalten sind, deren Leben und Treiben, Denken und Empfinden der Dichter uns in objektiv gehaltenen Bildern vorführt, denken, fühlen und sprechen die Hirten Vergils mehr oder minder wie die gebildeten Römer seiner Zeit; einige Eflogen haben überdies einen allegorischen Charakter, so die erste und die neunte, in welchen der Dichter seine eigenen Erlebnisse während der Äckerverteilung (s. oben, Seite III und IV) im Bilde des Hirtenlebens darstellt, in der ersten, um dem Octavianus für die Rückerstattung seines an die Veteranen verlorenen Gutes zu danken, in der neunten, um Alfenus

1) Eldútov, Deminutivum von eldos, ein (kleines) Bild aus dem Hirtenteben, daher Idylle.

Varus und Octavianus der Sache der von neuem im Besize ihrer Äcker Bedrohten günstig zu stimmen. Die beliebte Form des bukolischen Liedes, der Wett- oder Wechselgesang, findet sich auch bei Vergil; als Muster eines solchen amöbäischen Liedes sei die Ecloge VII angeführt. Die Georgica (Georgicon libri IV), deren Entstehung in die Zeit des Aufenthaltes Vergils in Kampanien fällt und auf deren Ausarbeitung und Ausfeilung der Dichter sieben Jahre verwendete, sind ein didaktisches Gedicht1) und haben die italische Landwirtschaft zum Gegenstande; das erste Buch handelt vom Ackerbau, das zweite von der Baumzucht (mit besonderer Hervorhebung der Weinkultur), das dritte von der Viehzucht, das vierte von der Bienenzucht. In solchem Umfange hatte weder ein griechischer noch ein lateinischer Dichter vor Vergil diesen Gegenstand behandelt; in Prosa hatten de re rustica vor Vergil M. Porcius Cato Censorius (234-149 v. Chr.) und M. Terentins Varro Reatinus (116-26 v. Chr.) geschrieben. Mit Recht darf sich Vergil (Georg. II 175) rühmen, mit seinem Lehrgedichte der römischen Poesie ein neues Gebiet eröffnet zu haben, und wenn er bei dieser Gelegenheit seine Georgica ein carmen Ascraeum nennt, so will er sich damit nicht als einen Nachahmer des Hesiod (aus Ascra in Boeotien) bezeichnen, sondern nur sagen, daß er der erste sei, der den Römern Regeln und Vorschriften über die Landwirtschaft in poetischer Form gebe, wie es bei den Griechen Hesiod in seinen "Epya zai huépaι gethan. Vergil widmete die Georgica, das formvollendetste Erzeugnis seiner Muse, in welchem er den lehrhaften Grundton bald durch Naturschilderungen, bald durch größere oder kleinere Episoden angenehm zu unterbrechen und zu beleben weiß, dem Maecenas, auf dessen Anregung er sie auch gedichtet haben soll, um den damals in Verfall geratenen Landbau bei den Römern wieder „zu Ehren zu bringen“. Vergils leztes und größtes Werk ist die Aeneis, das Heldengedicht von dem Troer Aeneas, dem Ahnherrn Roms und des in Augustus zur Weltherrschaft gelangten Julischen Geschlechtes. In zwölf Büchern besingt Vergil die Frrfahrten seines Helden bis zu dessen Landung in Italien (1. bis 6. Buch) und die Kämpfe, die derselbe in Latium zu bestehen hatte, um in dem ihm und seinen Nachkommen verheißenen Lande festen Fuß zu fassen (7. bis 12. Buch); 2) dabei

1) Im Lehrgedichte hatte Vergil unter den Römern den T. Lucretius Carus (98–55 v. Chr.), der ein Gedicht 'De rerum natura' in Hexametern schrieb, zum Vorgänger.

2) Von den zwölf Büchern der Aeneis entsprechen die ersten sechs dem Inhalte nach der Odyssee, die letzten sechs der Iliade des Homer. Auch

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