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DOCTOR DER PHILOSOPHIE
GROSSHERZOGL. BADISCHEM PROFESSOR AN DEM GYMNASIUM
ZU FREIBURG UND COLLABORATOR AN DEM PHILOLOGISCHEN

SEMINARIUM DER UNIVERSITÄT DASELBST.

F R E I B U R G
UNIVERSITÄTS - BUCHHANDLUNG UND BUCHDRUCKEREI

DER GEBRÜDER GROOS.

1832.

1

J

Vorre de.

Wie über viele Dinge des Unterrichts und der Methode desselben,

so ist man namentlich über die Eigenschaften und die passendste Einrichtung von Schulausgaben der alten classischen Schriftsteller nichts weniger als einig. Indem nehmlich manche Schulmänner behaupten, man solle dem Schüler blos einen möglichst berichtigten Text in die Hände geben, ihn sich selbst den rechten Weg suchen lassen und ihn auf diese Weise zu einer erhöhten Aufmerksamkeit auf die Worte des erklärenden Lehrers anspornen und gewissermaassen nöthigen, denken Andere etwas gemässigter und meinen, gewisse unerlässlich nöthige Dinge, die sich der Schüler entweder durchaus nicht selbst bereiten oder doch nur mit der grössten M he und einem unverhältnissmässigen Zeitaufwande auffinden kine, sollen ihm in der Schulausgabe seines Schriftstellers kurz und anregend dargeboten werden, doch mit der gröstmöglichen ud gewissenhaftesten Sparsamkeit, und eine solche Ausgabe dürfe eher zu kärglich als zu reichlich ausgestattet werden. Eine dritte Ansicht endlich verlangt, dass man dem Schüler nicht blos einen guten Text, nicht blos eine spärliche Erklärung des Allernöthigsten, sondern einen für sein Bedürfniss berechneten vollständigen Commentar in die Hände gebe, doch solle die Einrichtung dieses Commentars von der Art seyn, dass dadurch nicht die Trägheit befördert, sondern blos unnöthige Mühe und Zeitverderbniss des Schülers und Lehrers verhindert, kurz dass der Schüler in der gründlichen Lesung recht schnell vorwärts gebracht werde.

Obgleich es sich nun nicht genau bestimmen lässt, welche dieser drei Ansichten die meisten Anhänger habe, so scheint man doch in Anbetracht der jetzt vorherrschenden Ansichten über das gelehrte Schulwesen mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit annehmen zu können, dass die dritte Art von Schulausgaben die meisten Widersacher habe. Fragt man sich dabei auf der andern Seite um die letzte , tiefer liegende Quelle und Ursache einer so schroffen Verschiedenheit der Ansichten über ebendenselben Gegenstand, 80 scheint dieselbe eine doppelte zu seyn und zu liegen, erstens überhaupt in der Verschiedenheit der Ansichten über den Zweck des Erlernens der alten classischen Sprachen, zweitens aber in den nichts weniger als sicheren Meinungen über den Zweck des Schulunterrichts im Allgemeinen

Was den ersten Punkt, nehmlich den Zweck des Erlernens der alten Sprachen, angeht, so giebt es sehr viele gelehrte Schulmänner, die der Meinung sind, man habe hauptsächlich der

nur

Gründlichkeit und einer möglichst vollkommenen formellen Bildung wegen die alten Sprachen als Lehrobject der gelehrten Anstalten bisher beibehalten und auch noch ferner beizubehalten, und diejenige Art der Betreibung dieser Sprachen sey die einzig richtige und die entschieden vorzüglichste, durch welche der Schüler viele Schwierigkeiten selbstthätig überwinden und das was er lerne mit dem höchsten Grade der genauesten Gründlichkeit lerne. Eine zweite Klasse von gelehrten Pädagogen ist dagegen wiederum etwas weniger streng und herb; diese meinen nehmlich mit Fr. Jacobs, das Studium der alten Sprachen und die Lesung der classischen Schriftsteller des Alterthums müsse nicht blos gründlich seyn sondern das jugendliche Gemüth durch Form und Inhalt eines classischen Schriftwerkes auf eine würdige Weise beschäftigen ; dies

sey der erste und höchste Zeck classischer Bildung; Erweiterung gelehrter Kenntnisse , und Vermehrung der Sprachfertigkeit erst der zweite und dritte. Ausser diesen beiden Meinungen giebt es endlich noch eine dritte, nach welcher besagtes Studium nicht blos der Gründlichkeit wegen, nicht blos zum Zwecke einer würdigen formell bildenden Beschäftigung des jugendlichen Gemüthes, sondern namentlich auch und zwar gleichmässig zum Zwecke der Erweiterung der Kenntnisse und Vermehrung der Sprachfertigkeit geschehen und diesem Zwecke gemäss eingerichtet werden müsse.

Die Verschiedenheit der Ansicht über den Zweck des Schulunterrichts im Allgemeinen besteht besonders darin, dass eine grosse Anzahl von Lehrern, uneingedenk der menschlichen Mittelmässige keit, die möglichst kräftige Ausbildung tüchtiger Köpfe fast ausschliesslich im Auge hat, während dagegen Andere die Schule ganz besonders als diejenige Anstalt ansehen, die just jener menschlichen Mittelmässigkeit heilend und erhebend an die Hand gehen, also recht eigentlich und dringend darnach streben müsse, dass eine möglichst grosse Anzahl der Mitbürger im Allgemeinen zur Gründlichkeit, insbesondere aber zur Fertigkeit in den jedesmaligen Lehrobjecten hingeleitet und empor gehoben werde.

Je nachdem man nun zu der einen oder anderen dieser Meinungen und Ansichten hinneigt und an derselben festhält, in eben dieser Art werden sich auch die Forderungen gestalten, die an den Unterricht überhaupt und ganz besonders an diejenigen Bücher und Ausgaben alter Schriftsteller gestellt werden, die man der Jugend in die Hände geben soll. Da ich übrigens einen Krieg gegen die Ansichten, welche der meinigen entgegenstehen, aus fremder und eigener Erfahrung für nutzlos halte, so bekenne ich blos, dass aufmerksame Beobachtung während meiner Lehrerthätigkeit, dass reifliches und unausgesetztes Nachdenken über den sichersten und glücklichsten Weg meiner schulmännischen Bestrebungen mich zu der festen Ansicht gebracht haben, die Schule habe nicht blos gründlich sondern möglichst ausgedehnt and gemeinnützlich und so gegen die menschliche Mittelmässigkeit und Alltäglichkeit zu wirken und gewissermaassen anzukämpfen, der classische Unterricht insbesondere aber habe zwar Gründlichkeit und würdige Beschäftigung des jugendlichen Gemüthes, allein wenigstens in ebendemselben Grade, mit demselben Nachdrucke,

and in derselben Bedeutsamkeit, Erweiterung der gelehrten Kenntnisse zu geben und künftige Brauchbarkeit vorzubereiten , namentlich aber auch Sprachfertigkeit zu verschaffen. Ich meine nehmlich, dass sich hier ohngefähr ebendasselbe Verhältniss zeige, wie zwischen Erhaltung der mensehlichen Gesundheit und der Erstrebung der höchsten moratischen Zwecke des Menschen. Ich gebe nehmlich zo, dafs die Erstrebung dieser Zwecke Hauptbestimmung des Menschen ist, glaube aber, dass die Erhaltung der Gesundheit, ohne welehe sich jene Zwecke entweder gar nicht oder in geringem Grade erreichen lassen, eben deswegen unerlässliche Bedingung und strengste Pflicht ist. So Gründlichkeit und Fertigkeit, da zwar letztere manchmal ohne jene, erstere aber genau und richtig genommen nie ohne letztere seyn kann. Wie wird man aber Sprachfertigkeit erzielen können, wenn man nicht Vieles sondern blos einzelne kurz zugemessene Abschnitte aus dem jedesmaligen Schriftsteller mit den Schülern liest? Wie wird man Vieles mit den Schülern einer ganzen Klasse lesen können, wenn ieselben einen blosen Text in den Händen haben, und der Lehrer vorerst alle nöthigen Bemerkungen entweder blos mündlich mittheilen oder gar schriftlich angeben muss ? Wie oberflächlich müsste auf der anderen Seite die Lesung seyn, wenn man zwar Vieles lesen aber dabei keine Erklärung der Lesestücke beifügen wollte? Kurz, meine Erfahrung hat mich bisher belehrt und belehrt mich noch jeden Tag bei Erklärung solcher Schriftsteller, von welchen wir keine guten Schulausgaben besitzen, dass man bei besagtem Mangel an passenden Ausgaben entweder sehr Wenig aber genau, oder Vieles aber ungründlich lesen kann und muss. Einen Mittelweg zwischen diesen beiden schlimmen Pfaden finde ich dagegen darin, dass man dem Schüler eine seinem Wissen angemessene Bearbeitung des jedesmaligen Schriftstellers in die Hände giebt, welche Ailes dasjenige enthalten muss, was er sich selbst nicht geben kann oder wozu blos mechanische Mühe und Zeitaufwand nothwendig ist, eine Ausgabe, durch welche er zu der Erklärung und Uebersetzung des Schriftstellers in der Schule selbst so gut vorbereitet hinzutritt, dass dann der Lehrer, der sich leicht von dem Privatfleisse des Schülers durch Fragen über die in der Ausgabe enthaltenen Bemerkungen überzeugen wird, die Lecture des Schriftstellers mit wenigem Zeitaufwande für den grössten Theil der Schüler vollkommen machen und namentlich ein grosses Gewicht auf eine passende, richtige und geschmackvolle Uebersetzung des Schriftstellers legen kann; eine Ausgabe, welche für die Lesung des Schriftstellers eben dasjenige leistet, was dem Schüler die Schulgrammatik zur Erlernung des grammatischen Baues der Sprache leisten muss. Oder findet man es vielleicht auch angemessener, dem Schüler statt einer Grammatik überhaupt blos ein unbeschriebenes Heft, statt einer vollständigen Schulgrammatik eine unvollständige zu übergeben, an der er sich abınartern soll und bei deren Vervollständigung sicht der Lehrer Ruhm und Ansehen in der Schule erwerben kann?! Ich habe auch, was namentlich den Caesar selbst betrifft, ron diesen zwei entgegengesetzten Wegen und ihren Zielen genügende Erfahrung gemacht, indem ich früher, als meine zum Theil recht

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