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der sich aus Verzweiflung durchaus das Leben nehmen will, wieder zurechte bringt. Nun sehe man, wie geschickt der römische Dichter durch eine kleine Veränderung ein zusammena hangendes Stück daraus geinacht hat, in welchem bie Neubegierde keinen solchen gefährlichen Ru: hepunkt findet, sondern bis ans Ende in einem Feuer erhalten wird. Er fångt nehmlich mit dem grausamen Entschlusse der Juno an, und bereitet dadurch alles vor, was er in der Folge den Zuschauern zeigen will. Es ist wahr, daß er den Uusgang dadurch ein wenig zu sehr verråth; doch verråth iħn Euripides in dem drita ten Aufzuge nicht gleichfalls? Einen an: dern Kunstgrif des lateinischen Dichters habe ich bereits angemerkt; die Art nehmlich, wie er die Grausamkeiten des Herkules zugleich jeigt, und auch nicht zeigt. Euripides läßt fie bloß erzehlen, und unterrichtet den Zuschauer nicht einmal so lebhaft davon, als er ihn von dem Tode des Lycus unterrichtet, dessen Ge: schrey, da er ausser der Bühne ermordet wird, man doch wenigstens vernimt. Wie viel besser låßt der Römer bloß den Tod des Lycus era zehlen, und spart seine Theaterspiele auf den Tod derjenigen, für die er uns vornehmlich einnehmen will. -- Dieses aber, was ich jezt gesagt habe, muß man nicht so auslegen, als ob ich dem Euripis des auch in andern Stücken eben so wenig, als in diesen mechanischen Einrid)tungen, den Vors

jug

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zug zugestehen wollte. Er hat eigenthümliche
Schönheiten, welche Seneca, oder wer fonst fein
Nachahmer ist, nur selten gekannt zu haben scheis
net. Der Affect drückt sich ben ihm allezeit in
der Sprache der Natur aus; er übertreibt nichts,
und weis nicht was es heißt, den Mangel der
Empfindung mit Wiß erseßen. Aber glück-
lich sind die, welche ihn noch so erfeßen können!
Sie entgehen doch wenigstens der Gefahr, platt,
eckel und måßrigt zu werden.
Unbilliges Urtheil des Pater

Brumoy.
Ich glaube, es wird hier noch meine Pflicht
Peyn, einige unbillige Urtheile des Pater Brus
moy zu widerlegen. Man fennet das Verdienst
dieses. Jesuiten um die Bühne der Griechen.
Er hat überall, wo es möglich gewesen, seinen
Auszügen aus den griechischen Trauerspielen,
Auszüge aus den ähnlichen römischen Tragödien
beygefügt. Man kann also leicht glauben, daß
er auch unsern rafenden Berkules, bey Geles
genheit des Euripidischen, nicht werde vergessen
haben. Ich habe nichts darwiber, daß er dies
Fen weit vorzieht; allein daß er jenen durch nichts
würdige Einfälle lächerlich zu machen sucht, no
er es nicht ist, dieses kann ich unmöglich fo hins
gehen lassen. Ich muß einige Proben anführen,
um zu zeigen, wie lächerlich der Jesuit felbft ift
Man wird sich der Stelle erinnern, die ich oben

auf

auf der 24. Seite, aus dem dritten Lufzuge an geführt habe:

fi novi Herculem Lycus Creonti debitas pænas dabit. Lentum est, dabit; dat: hoc quoque eft len

tum ; dedic.

Theseus will dem Amphitryo damit Trost zu* sprechen. Ich habe schon so viel Zutrauen zu meinem Geschmacke, taß ich mich nicht zu gestes hen schåme, diese Zeilen allezeit für sehr schön gehalten zu haben. Mußte ich also nicht erstaunt fenn, als ich folgendes Urtheil des Brumoy las. „Das ich sterbe, ich bin tod, ich bin bes „graben, des Seißigen ben dem Moliere „Aufg. 4. Auft. 7.) ist ohne Zweifel aus dies ser Quelle enesprungen. Allein dieses sagt ein „Narr, welchen der Dichter in einer lächerlichen „linsinnigkeit seinem Charakter gemäßt sprechen „läßt; und Thefeus hätte sich, wo nicht als yein König, doch wenigstens als ein vernünftic „ger Mann ausdrücken sollen.

Wenn es auch wahr wäre, daß Tloliere ben Gelegen. heit dieser Štelle auf seinen Einfall gerathen sen, fo würde dieses doch nichts mehr beweisen, als fo viel, daß kein ernsthafter Gedance, keine Bene dung so schön fer, die sich nicht ziemlich lustig

, pas rodiren lasse. Hieraus aber zu schliessen, daß die Parodie, und die parodirte Stelle gleich ungereimt seyn müßten, ist eine sehr findische Uebere silung Das Ungereimte in der Stelle des

Molieke

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Moliere liegt eigentlich nicht in dem Klimas selbst, sondern darinne, daß er einen Narren von sich etwas sagen låßt, welches gleich dadurch, daß er es noch von sich sagen kann, widerlegt wird : nicht darime, daß der Tod so geschwind auf das Sterben, und das Begräbniß so geschwind auf ben Cob folgt; sondern darinne , daß er einent Nenschen vorgeben láßt, dieses alles wiederfahre ihm ber lebendigem

Seibe. Was hat denn nun also die Rede des Theseus, ausser dem dreyfachen Steigen, hiermit für Gleichheit? Oder ift sie an und vor sich selbst abgeschmackt? Håtte doch der Pater dieses gezeigt; båtte er doch auch beylåufig gezeigt, wie es der Dichter schönec ausdrücken sollen, daß Herkules den Lycus ganz gewiß, und ganz gewiß unverzüglich ftrafen werde.

Mit eben so wenig Grunde tadelt Brumoy diejenigen Stellen, in welchen Herkules raset. „Herkules, sagt er, bildet sich „ein den himmlischen Löwen, den er in dem Nes „meäischen Walde überwunden, zu sehen, wie er Jeben bereit ist, die Zeichen des Herbstes und „Des Winters zu überspringen, um den Stier »ju zerreissen, welcher ein Zeichen des Frühlings Das ist wahrhaftig eine gelehrte Rasea

Wie artig der Jesuit spottet. über warum ist sie denn gelehrt? Dhne Zweia fel darum, weil ein gesuiterschüler nicht ganz und gar ein Ignorante seyn muß, wenn er wisi fen will, daß herkules einen Löwen umge:

bracht

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mist. ssren!

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bracht habe. ,Aber was für eine Gelehrsamkeit braucht denn Berkules, dieses von fich felbft zu wissen? Oder steckt etwa die Gelehrsamkeit in der Kenntniß der Zeichen des Thierkreisses? Wenn das ist, so werden ziemlich alle Bauern gelehrt seyn. Ich muß noch einen Tabel bieses französischen Kunstrichters anführen, welcher entweder sehr viel leichtsinnige Uebereilung, oder fehr viel Bosheit verråth. In dem fünften Aufzuge, wie man gesehen hat, kommt Herkules wieder zu sich selbst, und geråth, in die duf ferste Verzweiflung, als er erfährt, was er in feia ner Raseren begangen. Man könnte sagen, er werde aufs neue rasend;" so schreckliche Dinge erbittet er über sich selbst. „Allein, sagt Bru »Moy, feiner Gewohnheit gemäß, mengt er auch ylächerliches Zeug darunter. Er will seine »Keule, seine Pfeile, und selbst die Hände der

Juno, die sie so unglücklich geführt haben,
„verbrennen.

Nun fehe man, ob es
wahr ist, daß ihn der Didyter dieses sagen låßt.
Die Stelle ist diese:
Tibi tela frangam nostra, tibi nostros

puer
Rumpemus arcus, ac tuis ftipes gravis
Ardebit umbris: ipsa Lernæis frequens
Pharetra telis in tuos ibit rogos.
Dent arma pænas : vos quoque infaustas

meis
Cremabo telis, i novercales manus

Er

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