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niessende Lesen der Jugend so ziemlich abhanden gekommen ist. Selbst beim Lesen der deutschen Klassiker nehmen wir ein hastiges Durchfliegen, ein flüchtiges Aufgreifen einiger Bilder und Vorstellungen, kein ernstes Bestreben tieferen Verstehens, selbst nur der Worte wahr. Wo für den klassischen Unterricht Privatlektüre ernstlich gefordert wurde, habe ich fast bei den meisten Schülern rasches Aufschlagen des Lexikons, eifriges Aufschreiben der unbekannten Vokabeln, ein Anstreichen der unverstandnen Stellen, alles nur um ein oberflächliches Uebersetzen möglich zu machen, wahrgenommen; selbst mit jenem Rate alles zweimal zu lesen, weil mancher zuerst genommene Anstoss sich dann von selbst beseitigen werde, habe ich nur bei wenigen willige und erfolgreiche Befolgung gefunden. Und unter den älteren, wie ist jene lebendige Erinnerung an Stellen aus den alten Klassikern ehrenwert,

wenn sie auch hier und da in eine Citierpedanterei ausarten wollte – und jene Lust zu ihrer Lesung zurückzukehren und sich daran zu erquicken in Abnahme gekommen! Die Ursachen liegen freilich in der gesamten Richtung unserer Zeit, welcher sich die Gestaltung des Schulwesens hat accommodieren müssen, aber für die Lehrer der Gymnasien wird um so grösser die Pflicht, jenem Mangel entgegen und auf ein tüchtiges, eindringendes, sorgfältiges Lesen hinzuarbeiten. Verständnis eines Schriftstellers ist ein weit umfassender Begriff; ich glaube aber, darüber ist wol unter wissenschaftlichen Leuten kein Zweifel, dass derjenige das vollste besitzt, welcher sich ganz in die Seele des Schreibenden zu versetzen vermag; des Schriftstellers Gedanken und Gefühle ganz zu eignen zu machen, alle seine Absichten zu erkennen und zu begreifen, ist die Aufgabe, zu deren Lösung die Erklärung hinzuführen hat, Ein weiter Weg und viele Stufen führen dahin, das aliter pueri, aliter senes legunt behält ewige Wahrheit, aber unsere Pflicht bleibt es die Jugend dafür vorzubereiten und, was das wichtigste ist, dafür zu interessieren und zu wecken. Wenn wir nicht unsere Schüler gewöhnen, durch scharfes Nachdenken über das Wort den Gedanken präcis zu fassen, die Ge

danken in ihrem Umfang und ihrer Tiefe zu ergründen und sie weiter zu führen, das Verhältnis von Form und Inhalt zu begreifen und die Schönheit der Composition zu empfinden, werden wir keine rechte Frucht von und keinen Genuss an der Beschäftigung mit den alten Schriftstellern erzielen. Allerdings kann nur von Annäherung an dieses Ziel die Rede sein, die Unmittelbarkeit darf nicht durch Reflexion verdrängt oder beeinträchtigt werden, allein was nicht früh begonnen, wird gewöhnlich gar nicht zu einem schönen Erfolg gebracht und die Unmittelbarkeit darf nicht grundlos sein, sie muss das rechte zu treffen geleitet werden. Sollen wir uns jenem Ziele nähern, so müssen wir den alten Grundsatz repetitio est mater studiorum in rechte Anwendung bringen, d. h. aber wir müssen nicht allein von Stunde zu Stunde und am Schlusse jedes Semesters oder Jahres fleissige Wiederholungen anstellen, sondern auch wir müssen die Jugend wiederholt zu dem zurückführen, was sie schon einmal in den Händen gehabt hat. Der Jüngling strebt allerdings vorwärts und am liebsten greift er zum höhern, ihm noch nicht verständlichen und zugänglichen. Wir haben dieser seiner Naturanlage gebürend Rechnung zu tragen, aber auch dem Fehler, das einmal in Händen gehabte hinter sich zu lassen und wol förmlich als zu gering zu verachten. Einer unserer bedeutendsten Litterarhistoriker hat bemerkt, dass nichts der Wirksamkeit unseres grossen Schiller mehr geschadet habe, als dass er zu zeitig der Jugend in die Hände gegeben und ihr meistenteils dadurch die Lust, sich in gereifterem Alter in ihn zu vertiefen, verdorben werde. Mit den alten Schriftstellern wird vielfach derselbe Fehler begangen. Einmal gelesen werden sie für immer bei Seite gelegt, ja die Jungen verkaufen ihre Exemplare, weil sie glauben, wo nicht wissen, sie brauchen dieselben nicht wieder. Wir sollten, denke ich, diesem entgegenarbeiten, wir sollten bei der Leitung des Privatstudiums unsere Schüler wieder zu früher gelesenem zurückführen und ihnen die Frage vorlegen, ob sie nicht nun tieferes Verständnis und grösseren Genuss davon gehabt haben, als früher. Wann ichs ge

than, habe ich stets meine Freude gehabt. Ich mache keine Ausnahme; Nepos und Caesar, Phädrus und Ovidius werden die Wirkung nicht versagen, aber irre ich, wenn ich Sallustius vorzugsweise für einen Schriftsteller erkläre, mit dem jenes geschehen sollte? Ich habe dabei noch einen anderen Gesichtspunkt. Zu meiner Freude ringt sich die Ansicht, dass "vorzugsweise durch die griechische und römische Geschichte auf der obersten Stufe der Gymnasien bei unserer sich einer höhern Bildung widmenden Jugend der bistorische Sinn und das historische Urteil ausgebildet werden soll gern brauche ich meines theuern Freundes Peter Worte in der Vorrede zur dritten Auflage seiner Zeittafeln zur römischen Geschichte und unterlasse auf meine eignen Auseinandersetzungen darüber zu verweisen), jene Ansicht, sage ich, ringt sich immer mehr zur Anerkennung hindurch und mehr und mehr kommt die daraus folgende zur Geltung, dass die aus der Lektüre der Geschichtschreiber selbst gewonnene und erarbeitete Anschauung im Lichte des Gymnasialzweckes viel höhern Wert habe, als die aus den Geschichtsbüchern der Neuzeit und den Worten des Lehrers gewonnene. Das letztere darf nicht fehlen, aber das erstere auch nicht vernachlässigt werden. Nun kenne ich ausser Tacitus keinen zweiten römischen Geschichtschreiber, aus dem so viel zur reifern Erkenntnis der Geschichte jenes Volks gewonnen werden könnte, als Sallustius. Ich betrachte es dabei als keinen Nachteil, dass seine vollständig erhaltnen Schriften nur zwei einzelne Ereignisse umfassen; sind doch diese bedeutsam genug und wer ein einzelnes in seinem Verlauf und in seinem Zusammenhang richtig erfasst hat, besitzt mehr, als wer alle Facta mit Namen und Zahlen ohne solch Verständnis eines einzelnen im Gedächtnis trägt. Ich weiss, dass viele Lehrer mit mir in dieser Ansicht übereinstimmen und Sallustius selbst in Prima wiederholt lesen lassen.

Geleitet von diesen Gedanken und Erwägungen, habe ich bei meiner Ausgabe nicht den Standpunkt der Anfänger festgehalten, sondern auch diejenigen zu befriedigen gesucht, die um

historischer Kenntnis und Anschauungen willen auf der höchsten Stufe Sallustius lesen. Habe ich unrecht gethan, dass ich auch darauf hingearbeitet habe eine Einsicht in die Tendenz und Seelenstimmung des Schriftstellers zu vermitteln, den Schülern zu zeigen, wie die bedeutenden Geschichtschreiber unserer Zeit, vor allem ein Theodor Mommsen, zu ihrer Auffassung der Quellen und ihrer Anschauung von der römischen Geschichte gelangt sind? Ich habe mich in jeden Schriftsteller, den ich las, zu vertiefen gesucht, aber nie 'einen erhabenen Gedanken, den er vielleicht einmal gehabt hätte, als eine psychologische Thatsache der ganzen Welt und zwar als tiefe Weisheit geboten' (Worte Herrn Gerlachs auf der Stuttgarter Philologenversammlung S.40). Ich kenne selbst die Gefahr des Irtums zu gut, als dass ich überall das richtige getroffen zu haben mir einbilden sollte; aber ich will lieber auf dem richtigen zur höchsten Höhe emporführenden Wege mich verirrt, als denselben gar nicht betreten haben.

Möge meine Arbeit nicht ganz ohne Segen bleiben, möge sie bei tüchtigeren und gescheideren Männern, als ich bin, eine wohlwollende Beurteilung finden!

Plauen, am 11. October 1864.

Rudolf Dietsch.

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